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So schön und so traurig - Geschwister treffen sich durch TV-Artikel nach 40 Jahren wieder

Bitburg. Drei Monate ist es her, dass Petra Schroeder aus Bitburg versucht hat, über einen TV-Artikel ihren Bruder Siegfried Strey zu finden. 40 Jahre haben sie sich nicht mehr gesehen. Die unheilbar kranke Frau, die rund um die Uhr auf fremde Hilfe angewiesen ist, hat die Hoffnung schon aufgegeben, als plötzlich das Telefon klingelt. Sarah München

Als Siegfried Strey nach 40 Jahren seine Schwester im Internet wiederfindet, freut er sich. Dann ist er traurig. Ihm stockt der Atem, sein Magen krampft sich zusammen, als er plötzlich den Namen seiner Mutter liest. Mit diesem Namen verbindet er Schläge, Hunger und das Gegenteil von Familie. Wenn er von ihr spricht, nennt er sie nicht seine Mutter, sondern "das Biest" oder "das Miststück". Mit diesem Namen verbindet er aber auch seine Halbschwester Petra. Seine Schwester, die er seit 40 Jahren nicht mehr gesehen hat.
Immer mal wieder hat der 59-Jährige den Namen seiner Schwester im Internet eingegeben, Foren durchstöbert und irgendwann nicht mehr daran geglaubt, dass er sie jemals wiedersehen würde.
Bis zu diesem Tag, als er allein in seinem kleinen Arbeitszimmer im westfälischen Lünen sitzt. Eigentlich sucht er im Internet nach einem alten Freund und googelt nach Vermissten- und Gesucht-Seiten, als ebendieser Name auf dem Bildschirm erscheint. Sein eigentliches Vorhaben hat er schlagartig vergessen.
Er klickt auf das Suchergebnis und landet auf der Seite volksfreund.de. ‚Volksfreund', denkt er, ‚was ist das denn? Das habe ich ja noch nie gehört.'
Er beginnt den Artikel zu lesen, nach den ersten paar Sätzen verschwimmen die Buchstaben vor seinen Augen, Tränen laufen ihm über das Gesicht.
Er liest den Namen seiner Mutter, er liest seinen eigenen Namen und er liest den neuen Namen seiner Halbschwester: Petra Schroeder. Er scrollt mit der Maus weiter nach unten. Am Ende des Artikels taucht ein Video auf. Da sieht er sie. Seine Schwester. Die hübsche junge Frau mit den langen kastanienbraunen Haaren, den feinen Gesichtszügen und der schlanken Figur - an die Frau von vor 40 Jahren erinnert ihn nichts mehr. Die Frau, die er im Video sieht, sitzt im Rollstuhl in einem Zimmer im Seniorenheim in Bitburg, sie kann nur noch ihre Hände bewegen und wiegt 40 Kilogramm. Ihre brüchige Stimme, eine Stimme, die er seit 40 Jahren nicht mehr gehört hat, ertönt durch die Computerboxen: "Ich suche meinen Bruder Siegfried Strey. Bitte helfen Sie mir."
Strey weint immer noch, als er seine Frau Brigitte anruft. "Stell dir vor, ich habe meine Schwester Petra gefunden." Viel mehr kann er am Telefon nicht sagen, nur noch so viel: "Sie ist in einem Heim. Wenn sie noch immer dort lebt, dann holen wir sie hierher und pflegen sie."
In der kommenden Nacht macht Strey kein Auge zu. Auf der Arbeit kann er sich kaum konzentrieren. Seine Frau ruft am nächsten Morgen sofort in dem Seniorenheim an, fragt nach einer Petra Schroeder. Doch die wohnt dort nicht mehr, ist wieder zu ihrem Mann gezogen, und ihre Telefonnummer können sie ihr dort auch nicht nennen. Also hinterlässt sie ihre Nummer. Und wartet. Das Heim ruft bei Petra Schroeder zu Hause an. Zuerst denkt sie an einen schlechten Scherz. Immerhin ist es schon mehr als drei Monate her, dass sie versucht hat, ihren Bruder Siegfried Strey über einen TV-Artikel zu finden, den sie in Magdeburg vermutete (siehe Extra). Trotzdem wählt sie irgendwann diese Nummer. "Strey" meldet sich am anderen Ende der Leitung eine Frauenstimme. Petra Schroeder erschrickt, legt sofort wieder auf. Wählt die Nummer erneut. Diesmal nennt sie ihren Namen. "Hallo Petra," antwortet die Stimme am anderen Ende der Leitung, "dein Bruder ist arbeiten." Petra Schroeder schießen die Gedanken durch den Kopf: ‚Warum nennt mich diese Frau direkt beim Vornamen? Ist sie wirklich meine Schwägerin?' Sie fragt: "Was arbeitet er denn?" - "Na, Fleischer, was er gelernt hat."
Da weiß sie: Das ist er. Der Mann, von dem diese Frau spricht, ist ihr Bruder. Ein paar Stunden später klingelt das Telefon von Petra Schroeder erneut. "Bist du es wirklich?" fragt sie.
Ja, er ist es.

Eineinhalb Stunden weinen, schluchzen und reden sie. "Wie geht es dir? Was hast du gelernt? Auf welche Schule bist du gegangen? Und was ist mit unserer Mutter?" Beiden ist sofort klar: Sie müssen sich sehen. Doch Petra Schroeder sitzt im Rollstuhl, ist nicht mobil.
Siegfried Strey beschließt mit seiner Frau Brigitte in der folgenden Woche mittwochs nach Bitburg zu fahren. Montags sagt er zu seiner Frau: "Ich kann nicht mehr warten, ich muss los." Mitten in der Nacht machen sie sich auf den Weg. Es soll eine Überraschung werden. Um zehn Uhr morgens klingeln sie an einem Bitburger Mehrfamilienhaus bei Schroeder. Sie sind nervös. Dass er sich mit seiner Schwester verstehen würde, da ist sich Strey sicher. Doch was, wenn die Chemie zwischen ihm und ihrem Mann oder ihr und seiner Frau nicht stimmt?
Es klingelt. Heinz Schroeder drückt die Türsprechanlage. Die Anlage ist kaputt, statt Stimmen hört er nur ein knisterndes Rauschen. Er hat keine Ahnung, wer da vor der Tür steht.
Bevor Petra Schroeder ihren Bruder sieht, hört sie ihn. Diese Stimme kennt sie vom Telefon. So schnell wie in diesem Moment ist sie noch nie mit dem Rollstuhl gefahren. Da steht er: Die einst roten Haare sind ausgefallen, aus dem schmalen, sportlichen jungen Mann ist ein kräftiger Herr geworden.
Die vier verstehen sich auf Anhieb. Neun Stunden reden, lachen und weinen sie. Entdecken Gemeinsamkeiten und alte Gewohnheiten: "Mein Brüderchen redet immer noch, als ob er einen Buchladen gefuttert hätte." - "Sie hat immer noch dasselbe Mundwerk wie früher." - "Wir frieren beide sehr schnell und sind beide lustig."
Immer wieder steht Siegfried Strey auf, schließt seine Schwester in die Arme. Er erzählt von seiner Kindheit. Davon, dass Petra Schroeder noch zwei Brüder und vier Schwestern hat, alle von einem anderen Vater.
Er erzählt von Schlägen, Hunger und Einsamkeit. Von ihrer gemeinsamen Mutter, diesem "Biest", zu dem er schon lange keinen Kontakt mehr hat. Als Kind verbringt er viele Jahre in einem Kinderheim. Lebt mal bei seiner Mutter, dann wieder im Heim, bei seinem Vater und zieht mit 18 Jahren aus. Sein einziger Halt: Er macht Kampfsport, ist erfolgreich und nimmt an internationalen Wettkämpfen teil.
Fleischer lernt er, um immer etwas zu essen zu haben und nie hungern zu müssen. Mit 14 Jahren erzählt ihm seine Großmutter das erste Mal, dass er noch eine jüngere Schwester hat. Seine Mutter streitet alles ab: "Das Baby ist damals gestorben." Doch sie lebt. Er findet sie und sie sehen sich ein paar Mal.
Dann hat sie einen schweren Motorradunfall, er heiratet, arbeitet viel, sie heiratet, nimmt einen neuen Namen an. Sie verlieren sich aus den Augen und finden sich nicht wieder.
Vier Tage vor dem Mauerfall reist er in den Westen und arbeitet in Wolfsburg. Petra Schroeder lebt in Magdeburg, dann in Spanien, bevor sie ihren dritten Mann kennenlernt und nach Bitburg zieht.
Beide haben viel erlebt, viel gelitten und viel bereut. Beide sind schwer krank. Und beide wissen nicht, wie lange sie noch leben.
Die Nervenkrankheit Multiple Sklerose fesselt Petra Schroeder an den Rollstuhl. Wenn Siegfried Strey seine Schwester anschaut, fühlt es sich an, als ob sein Herz zerspringen würde. Er kann nicht glauben, was aus dieser hübschen jungen Frau von einst geworden ist.

Er kann nicht glauben, dass sie trotzdem ihren Humor nicht verloren hat. "Alles ist so schön und so traurig zugleich," sagt er.
Auch Strey versucht seine Herzkrankheit zu verdrängen. Vor ein paar Jahren hatte er einen Herzinfarkt. 20 Minuten kämpfen Ärzte um sein Leben. Wenige Wochen später füllt sich seine Lunge mit Wasser, und er überlebt wieder nur knapp.
Heute ist er Frührentner, arbeitet auf 450-Euro-Basis um die Haushaltskasse etwas aufzufüllen. Beide Familien haben wenig Geld. Einmal im Monat wollen sie sich trotzdem sehen. Das Geld für die Fahrt will Siegfried Strey irgendwie abzwacken.
Wie viel gemeinsame Zeit ihnen noch bleibt, wissen sie nicht. Aber sie wollen sie nutzen und genießen und sich nie mehr verlieren. Petra Schroeder und ihr Mann überlegen sogar in eine behindertengerechte Wohnung in die Nähe von Lünen zu ziehen.Extra

In der TV-Ausgabe vom 22./23. August ist auf unserer Welt-Seite der Artikel "Alles verloren" erschienen. In diesem Artikel schildert Petra Schroeder die Suche nach ihrer Familie und dass ihre Nervenkrankheit Multiple Sklerose diese Suche fast unmöglich macht. Sie erinnert sich noch an den Geburtsnamen ihres Halbbruders und daran, dass er Fleischer gelernt hat. In einem Video bittet sie um Hilfe. Viele haben versucht, ihr zu helfen - das Video wurde Hunderte Male bei facebook geteilt (volksfreund.de/video)müs