So wächst es auf der grünen Wiese
Bernkastel-Wittlich · Der Einzelhandel hat sich in den vergangenen zehn Jahren verändert. In fast allen Städten hat sich der großflächige Einzelhandel vermehrt an den Stadträndern angesiedelt. Während in der Kreisstadt Wittlich etwa im neuen Vitelliuspark auf einen Schlag vier große Geschäfte auf 67 000 Quadratmetern hinzugekommen sind, versucht man in Bernkastel-Kues und Morbach gezielt gegen diese Entwicklung zu steuern.
Bernkastel-Wittlich. Am Rande Wittlichs liegt er: der Vitelliuspark. Hier findet man neben Edeka, Aldi und Expert (ehemalig ProMarkt) auch einen Globus. An diesen grenzen zusätzlich eine Waschstraße sowie Tankstelle. Mit dem Auto ist das Sondergebiet gut zu erreichen. Einkäufe sind ebenfalls schnell erledigt.
Zudem bieten die dortigen Läden - neben dem Kernsortiment - auch unterschiedliche Zusatzprodukte von Bekleidung bis zum Kosmetikprodukt an und verfügen über ein riesiges Parkangebot. Gründe, die nach Aussage von Matthias Schmitt, Industrie- und Handelskammer Trier (IHK), den Trend zu großflächigeren Einzelhandelsbetrieben außerhalb des Stadtkerns begünstigen.
Im Vergleich hierzu steht Wittlichs Innenstadt. Während die vier großen Geschäfte im Vitelliuspark viele Kunden anlocken, ist das Zentrum mit seinen 119 Geschäften (Stand: 2010) häufig menschenleer. Einem derart großen Warensortiment können kleinere sowie inhabergeführte Geschäfte wenig entgegensetzen. Für sie ist der Wettbewerb gegen die großflächigen Filialisten zu einem Existenzkampf geworden. In Wittlich hinterlassen die verwaisten Verkaufsflächen im Stadtbild unschöne Lücken, die nicht immer gestopft werden können. Aktuell gibt es in der Wittlicher Innenstadt 33 Leerstände (Stand: Februar 2014).Handel im Wandel
Um die Innenstadt zu stärken, unterstützt die Stadt Wittlich den Verein Stadtmarketing jährlich mit 50 000 Euro. Der Verein organisiert unter anderem Aktionen wie den Einzelhändlerflohmarkt oder verkaufsoffene Sonntage zur Belebung des Zentrums. Vor allem an den verkaufsoffenen Sonntagen würden die Innenstadt sowie die grüne Wiese voneinander profitieren, sagt Jan Mußweiler, Pressesprecher der Stadtverwaltung.
Sowohl in Bernkastel-Kues als auch in der Gemeinde Morbach sieht die Situation deutlich besser aus. Stadtbürgermeister Wolfgang Port erklärt, dass es in Bernkastel-Kues kaum Leerstände gebe. Wenn dies einmal vorkommen sollte, versuche man die leere Fläche direkt wieder zu besetzen. Und zwar mit Geschäften, die für Einheimische als auch Touristen attraktiv sind. Daher nehme die Anzahl der gastronomisch orientierten sowie touristisch geprägten Geschäfte zu.
In punkto grüne Wiese vertritt er eine ganz klare Meinung: "Wir müssen die Innenstadt schützen und Leben reinbringen." Eine Ansiedlung von großen Fachmärkten sowie Vollversorgern außerhalb des Zentrums komme für ihn nicht in Frage. Diese schädigen nämlich die Einzelhändler in der Stadt. "Daher sind Lebensmittelmärkte wie Aldi und Lidl bei uns in der Innenstadt vertreten." In Zeiten des demografischen Wandels sei es ihm wichtig, dass alles fußläufig gut erreichbar sei. Denn man müsse schließlich auch an die ältere Generation denken. Für die Zukunft wünscht sich Port, dass die Zahl der Fachgeschäfte wieder ein wenig zunehmen würden. Gerade hier könne man mit kompetenter Beratung und gezielter Selbstvermarktung punkten.
In Morbach verhält es sich ähnlich. Hier wird ebenfalls darauf geachtet, dass ein zentrumsrelevantes Sortiment nicht am Rande Morbachs angesiedelt würde. Dies wäre dem alteingesessenen Einzelhandel nicht zuträglich, erläutert Bürgermeister Andreas Hackethal auf TV-Anfrage.
Er ist überzeugt, dass Kunden die Fachberatung in den inhabergeführten Geschäften zu schätzen wissen und aufgrund der Kundennähe gerne zurückkommen. Dies sieht Matthias Schmitt, IHK Trier, genauso: Gerade mit der Kundenbindung könnten die kleineren Einzelhändler auftrumpfen und sich so gegen den Trend zur grünen Wiese behaupten.Extra
"Die grüne Wiese bezeichnet im Jargon der Stadtplanung eine Planung und Bebauung auf Flächen, die zuvor nicht zum Siedlungsbereich der Stadt oder der Gemeinde gehörten. Es kann sich bei diesen Flächen sowohl um geplante Wohnsiedlungen, Gewerbegebiete, Sondergebiete oder seltener um Wochenendhausgebiete, öffentliche Grünflächen und Gemeinbedarfseinrichtungen handeln. (…) Die aufgezeigte Entwicklung brachte es mit sich, dass innerhalb der Stadtkerne kaum großflächige Geschäftsräume möglich waren, die auch gleichzeitig den sich rasch verschärfenden Bedingungen des Einzelhandels Rechnung getragen hätten. Es setzte daher in den 1970er Jahren ein Trend des Einzelhandels auf die "grüne Wiese" ein, der bis etwa Ende der 1990er Jahre ungebrochen anhielt und zu einem Verlust wesentlicher zentraler Funktionen der Stadtkerne führt." Quelle: Wikipedia