Spielzeug auf Urlaub

MORSCHEID-RIEDENBURG. Ein Kindergarten ohne Puppen und Autos - das war für die Kinder zu Beginn des Caritas-Projekts "Spielzeugfreier Kindergarten" mehr als ungewöhnlich. Die 42 Kinder des Morscheider Kindergartens sollten mit Hilfe dieser Aktion lernen, selbständig mit Langeweile und Frust umzugehen.

Die Regale und Schränke, in denen sich sonst Puppen, Spiele und anderes vorgefertigtes Spielzeug stapeln, sind verwaist. Das kinderhohe, rot lackierte Puppenhaus starrt mit seinen von Möbeln und Bewohnern völlig ausgeräumten Etagen wie mit großen leeren Augen in den Raum. Oben auf dem Spitzdach sitzt die sechsjährige Elisa und gibt mit ihren Armen das Kommando. Alle Kinder um sie her spielen daraufhin Flugzeug und klatschen in die Hände. Die Gesichter strahlen. "Eigentlich brauchen wir gar kein Spielzeug mehr", meint Elisa. Eine solche Aussage lässt Betreuerin Anke Radics ebenso strahlen wie ihre Schutzbefohlenen. Denn immerhin ist es ein Experiment, dass sie und der Kindergarten Morscheid zusammen mit dem Caritasverband Wittlich in Angriff genommen haben. Vorbilder in Wittlich und Longkamp

Es geht um menschliches Konsum- und Suchtverhalten, das bereits in den ersten Lebensjahren entscheidend geprägt wird und das laut Forschung stets mit den "Lebenskompetenzen" des Einzelnen verknüpft ist. Lebenskompetenzen wie Beziehungsfähigkeit, Selbstvertrauen, Sprachgewandtheit, Wahrnehmung persönlicher Bedürfnisse. Eine Überhäufung mit Spielzeug, Konsumgütern und Freizeitangeboten kann genau diese Entwicklung auf fatale Weise blockieren, da Kindern nicht nur jedwede selbstständige Zeitgestaltung genommen wird, sondern auch die Möglichkeit, eigene Ideen und Fantasien zu entwickeln. Kinder stark zu machen, lautet das Motto, um sie gegen Verführer zu immunisieren. Die Idee stammt aus dem Jahre 1996 und wurde zunächst im Kindergarten Wittlich erprobt. In Longkamp findet mittlerweile jedes Jahr eine spielzeugfreie Phase statt und nun also auch in Morscheid. Drei Monate lang verzichteten Kinder und Betreuerinnen während des Aufenthalts im Kindergarten auf jedes vorgefertigte Spielzeug. Die Aktion ist von Eltern und Kindern gleichermaßen begrüßt worden. Dem Nachwuchs wurde der zeitweilige Verzicht damit veranschaulicht, dass das Spielzeug sich für drei Monate in Urlaub begeben würde. "Das konnten alle Kinder sofort akzeptieren", erinnert sich Anke Radics. Keine Spur von einem Spielzeug-Vakuum. Überall in den Räumen des Kindergartens lachen Kinder und toben in Gruppen mit Matten, Decken und Seilen herum. Besondere Beliebtheit genießen die Kindermöbel, die während der drei Monate nach Belieben verstellt und umfunktioniert werden dürfen. Von den Veränderungen unter ihren 42 Schützlingen zwischen drei und sechs Jahren waren Radics und ihre Kolleginnen nach Abschluss des Experimentes wirklich beeindruckt. Die Kinder redeten jetzt viel mehr miteinander, völlig neue Freundschaftsverhältnisse hätten sich gebildet, die Spielgruppen seien größer, Einzelne tatsächlich ausgeglichener geworden. Einige Eltern berichten sogar, dass ihre Kinder zu Hause jetzt viel intensiver spielten als vorher. Kann man Spielzeug dann nicht gleich abschaffen? Anna (4) findet das nicht. "Ich will meine Puppen wieder haben", beharrte sie mit einem Blick auf das rot lackierte Puppenhaus.

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