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St. Martin bringt doch Gratis-Brezeln

St. Martin bringt doch Gratis-Brezeln

Habgier und Chaos. Wenn das ausgerechnet an einem Tag zu erleben ist, der einem Heiligen und dem Teilen gewidmet ist, läuft etwas schief. So war das in der Vergangenheit bei St.-Martinszügen in Wittlich, die in einer Art Schlacht um die Brezel endeten. Die Entscheidung: Das süße Extra zum Zugschluss wird gestrichen. Das gab Proteste. Die neue Idee: Die Verteilung ist am Alten Rathaus und nicht mehr direkt neben dem Martinsfeuer.

Wittlich. Das ist Tradition: Ein Mann mit rotem Mantel auf ein Pferd, Laternen in Kinderhand, Blasmusik, ein großes Feuer und dann süße Brezeln für alle. So ist das auch jedes Jahr in Wittlich zum St. Martinstag.
Premiere war 1928, damals sollen 1015 Schüler plus die Kinder vom Kriegerwaisenhaus erstmals durch die Karrstraße zum Feuer auf dem Schlossplatz hinter dem Heiligen hoch zu Ross gezogen sein. Mit dabei: Feuerwehr, Musikkapellen, Gänsewagen und der Wagen der Bäckerinnung mit Zuckerbrezeln. Vom Feuer ging es dann retour in die Karrstraße, wo jeder eine Brezel bekam.
Chaotische Zustände


Jahrzehnte später ändert sich das Programm: Im Stadtpark wird die Mantelteilung nachgespielt, dann zieht der Fackel- und Laternenzug zum Parkplatz Oberstadt ans Riesenfeuer und die Schlacht um das süße Gebäck beginnt: "In den vergangenen Jahren haben teils chaotische Zustände bei der kostenlosen Brezel ausgabe durch St. Martin und die Helfer geherrscht. Die Gier der Zugteilnehmer schien unbegrenzt zu sein", sagt Jan Mußweiler, Pressesprecher der Stadtverwaltung. Im teils dreisten Gedrängel - auch Erwachsener - und zwischen denen, die gleich mehrmals Brezeln "abstauben" wollten, hatten die Jüngsten das Nachsehen. "So nicht!", sagte der Kulturausschuss im Frühjahr und schlug vor: Keine Gratis-Ausgabe mehr am Feuer. Alternative: "Stattdessen sollten große Martinsbrezeln am nächsten Schultag in den Kindertagesstätten und in den Grundschulen verteilt werden. In Anlehnung an die Mantelteilung sollten die Kinder diese Brezeln untereinander teilen", sagt Jan Mußweiler. (Der TV berichtete).
Doch es gab Proteste. "Kein Herz für Kinder", "traurig", "schlimmer als der Verkehrsversuch" stand beispielsweise in Leserkommentaren. Bausendorfs Ortsbürgermeister Ossi Steinmetz lud gar die Wittlicher zum Umzug in seinem Ort ein. Daraufhin schwenkte der Kulturausschuss um und sagte im Mai, das Kulturamt solle eine andere Lösung finden. Die heißt: Es gibt Brezeln, aber die werden nicht nahe dem Feuer am Parkplatz Oberstadt, sondern am Alten Rathaus ausgegeben. Jan Mußweiler sagt dazu: "Vielleicht kann durch die räumliche Trennung von Martinsfeuer und Brezelausgabe etwas mehr Ordnung hergestellt werden. Zudem sollen die besseren Platz- und Lichtverhältnisse zu einer harmonischen Stimmung beitragen."
Zug führt zum Türmchen


Auch sonst gibt es Neues: Das Martinsspiel, das schon 2011 ausgefallen ist, wird aufgegeben. Stattdessen zeigen Kinder der Kita Jahnplatz die Mantelteilung am Samstag, 10. November, 17 Uhr, auf dem Marktplatz. Von dort startet dann der Zug am Türmchen vorbei bis zum Feuer am Parkplatz Oberstadt. Wenn das abgebrannt ist, geht es retour zum Alten Rathaus am Markt, wo St. Martin mit Helfern und Brezeln wartet. Und es gilt: Die Kleinsten zuerst. Ältere werden gebeten, sich nicht vorzudrängeln.
Ein Brezel-Verteilungs-Konzept fast wie zu den Anfangsjahren der Traditionsveranstaltung. Damals wurde der Zug übrigens durch den Verkauf von Losen für die Gänse und "Merkblätter" zum Zug mit Liedern finanziert. Der Überschuss ging an bedürftige Kinder. Heute zahlt die Stadt.Meinung

Besser als gar nichts
Das Umschwenken vom Aus für die Traditionsbrezel als süßer Abschluss des Umzugs hin zum Versuch, ans Alte Rathaus auszuweichen, ist gut. Die Kämpfe ums Gratis-Gebäck haben bei der Veranstaltung für die jüngsten Bürger nichts zu suchen. Die, die brav warten, wären mitbestraft worden, für die, die sich nicht benehmen können. Das muss in den Griff zu bekommen sein. Wenn das die Wittlicher nicht schaffen würden, wäre das doch gelacht. s.suennen@volksfreund.deExtra

Die Stadtverwaltung Wittlich kauft in diesem Jahr für die Innenstadt und die Stadtteile insgesamt 3210 Martinsbrezeln. Das teilt Jan Mußweiler, Pressesprecher der Verwaltung, auf TV-Nachfrage mit. Der Martinszug in der Innenstadt kostet in diesem Jahr 2713 Euro. (796 Euro Brezeln, 60 Euro Sanitätsdienst, 173 Euro Fackeln, 1531 Euro Bauhof, 153 Euro Absperrgitter (Bereitschaftspolizei). Ehrenamtlich tragen zu dieser Brauchtumsveranstaltung bei: das Blasorchester Wittlich, der Reitverein Wittlich, die Freiwillige Feuerwehr Wittlich und die Kindertagestätte Jahnplatz. Für die Martinszüge in Wittlichs Stadtteilen werden zusätzlich 2059 Euro gelistet, darunter 1944 Euro für die Martinsbrezeln. sos