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Ständig und überall verfügbar: Wenn soziale Medien zur Sucht werden

Ständig und überall verfügbar: Wenn soziale Medien zur Sucht werden

Die Welt wird immer vernetzter, kaum ein Jugendlicher ist ohne Handy anzutreffen. Das hat auch Nachteile: Die Fälle von Mediensucht und Cybermobbing nehmen zu. Experten klären auf, wie viel Medienrausch gesund ist und wann es gefährlich wird.

Wittlich. Cannabis, Alkohol, Nikotin: All diese Drogen sind in unserer Gesellschaft verbreitet. Nun kommt womöglich eine neue Sucht hinzu: soziale Netzwerke. Es gibt Experten, die deren Nutzung mit süchtigem Verhalten in Verbindung bringen. Für Kinder und Jugendliche, die mit Smartphone und Social-Media-Plattformen aufwachsen, ist ein Leben ohne Neue Medien kaum mehr vorstellbar. Ein Smartphone gehört dazu, um in der Gruppe akzeptiert zu werden, genauso wie ein Facebook-Account oder WhatsApp und Onlinespiele. Ab wann die Nutzung der Onlinemedien gefährlich wird, ob das eigene Kind womöglich Opfer von Cybermobbing ist und was Eltern und Lehrer über diese Themen wissen sollten, das erklärten Experten bei einer Veranstaltung der Kurfürst-Balduin-Realschule plus in Wittlich.

Das sagt der Medienpsychologe:
Laut Niklas Johannes von der Radboud-Universität in Nijmegen sind Medien nicht per se gut oder schlecht. Laut Johannes ist die Mediennutzung in den vergangenen zehn bis 15 Jahren leicht gestiegen. Dies hänge vor allem daran, dass Medien und deren Angebote immer größer würden und ständig und überall verfügbar seien. Dadurch sei eine permanente Ablenkung möglich. Mit zunehmendem Alter steige auch die Mediennutzung. Laut aktuellen Studien besitzen nahezu 100 Prozent der Jugendlichen ein Handy. Trotzdem seien Hobbys wie Freunde treffen oder Sport treiben noch immer die beliebtesten Freizeitbeschäftigungen von Kindern und Jugendlichen. Johannes fordert von Eltern, ihre Kinder aktiv zu schützen, da sie empfänglicher für Medienbotschaften und deren Einflüsse seien. Ein weiteres Thema, auf das Johannes eingeht, ist die Mediensucht. Der Begriff kam Mitte der 1990er Jahre auf und wurde als Epidemie des 21. Jahrhunderts bezeichnet. Die Sucht nach Medienangeboten wie Facebook ist laut Johannes ein Kreislauf: "Wir checken regelmäßig die Neuigkeiten, dabei wird das Glückshormon Dopamin ausgeschüttet. Wir werden süchtig nach dem Glücksgefühl und überprüfen immer öfter, was es Neues gibt oder wer unser Bild geliked hat." Wann ist ein Mensch süchtig nach Medien? Das ist laut Johannes nicht festgelegt. Die sogenannte Internetsucht-Skala und ihre Kriterien, wie Dauer und Häufigkeit der Nutzung, seien schwammig.

Das sagt die Suchberaterin:
Psychologin Anja Wallerius, die als Suchtberaterin bei der Fachstelle Spielsucht des Caritasverbandes Mosel-Eifel-Hunsrück tätig ist, sieht das Thema Mediensucht kritischer als der Medienpsychologe: "In Rheinland-Pfalz hat in den zurückliegenden Jahren die Anzahl der Klienten mit dem Störungsbild Computersucht zugenommen", erklärt sie. Der Anteil an der Bevölkerung, der erkrankt ist, liege in der Gruppe der 14- bis 17-Jährigen zwischen drei und fünf Prozent. Zum Vergleich: Zwei Prozent der Bevölkerung seien alkoholabhängig. Auch das Alter der Betroffenen, die eine eine Computersucht aufweisen, sinke: "Waren dies zuvor Menschen im Alter von acht bis 20 Jahren, sind es nun auch viele 14 bis 16-Jährige, bei denen massive Folgen des Nutzungsverhaltens aufgetreten sind." Solche Folgen seien zum Beispiel der Schulverweis oder Gesundheitsschäden. Auch Konflikte innerhalb der Familie und soziale Isolation seien möglich. Um eine solche Sucht nachzuweisen, verwenden die regionalen Fachstellen Spielsucht, also auch Anja Wallerius, Screeningverfahren, die von der Uni Mainz entwickelt wurden. Laut Wallerius gilt zudem, dass neuere Störungsbilder zehn bis 15 Jahre benötigen, um in die offiziellen psychiatrischen Diagnosesysteme aufgenommen zu werden. "Dies ist aber nicht als Beweis dafür zu sehen, dass es das Krankheitsbild nicht gibt", stellt sie klar. Weiter fordert Wallerius von Eltern, ihren Kindern Medienkompetenz beizubringen. Dies sei deren Erziehungsaufgabe.Eine Botschaft wie die des Medienpsychologen, dass es Computersucht eigentlich gar nicht gebe, sieht sie als Verharmlosung.

Das sagt der Polizist:
Dirk Hartenberger vom Polizeipräsidium Trier, Sachbereich Prävention, geht auf das Thema Cybermobbing ein. Vor allem der Fall Amanda Todd aus Kanada, der weltweit durch die Medien ging, stelle die gesamte Tragik des Themas Cybermobbing dar. Die Schülerin wurde durch Mobbing in den Selbstmord getrieben. "Wie viele Fälle von Selbstmord aufgrund von Cybermobbings es tatsächlich gibt, ist statistisch nicht belegbar", erklärt Hartenberger. Studien besagen, dass 17 bis 25 Prozent der Zwölf- bis 18-Jährigen weltweit schon einmal Opfer von Mobbing geworden sind. Ein Problem: immer mehr Eltern wüssten nicht, was ihre Kinder im Internet treiben. "Kinder können Handlungen relativ gut und einfach vor ihren Eltern verstecken", so Hartenberger. Cybermobbing finde - im Vergleich zu normalem Mobbing - rund um die Uhr statt, falsche oder verletzende Inhalte würden im Netz schnell verbreitet.
Jedoch gilt: In Deutschland kennt das Gesetz kein Cybermobbing. "Wenn ein Opfer bei uns Anzeige wegen Cybermobbings erstattet, müssen wir uns einen von vielen Tatbeständen, also Beleidigung, Beschimpfung oder üble Nachrede aussuchen", so Hartenberger. Anders in Österreich: Dort gilt seit 1. Januar Paragraf 107 c gegen Cybermobbing. Einen solchen fordert Hartenberger auch für Deutschland. sk