Standort lässt Gedenken nicht zu

Zum Bericht "Jetzt ist sie aufgehängt, die Gedenktafel" (TV vom 28. September):

Welches großes Maß an Scham muss nach Jahrzehnten noch vorherrschen, wenn erkennbar versucht wird, das Gedenken an die aus dieser Stadt verjagten und teilweise ermordeten Mitbürger zu minimieren? Der Standort der Tafel lässt genau das eingeforderte Gedenken nicht zu, sondern tastet die Würde der Deportierten erneut an. Natürlich ist der Platz für ein Gedenken falsch gewählt. Und er ist nach den langen Diskussionen — das macht die Platzierung so schmerzlich — mit Kalkül und Bedacht gewählt. Diese Platzierung sagt nämlich Folgendes aus: Jahrzehnte nach dem Genozid können die Nachgeboren in diesem beschaulichen Städtchen noch immer nicht mit dem ehemaligen Status "judenfrei"" umgehen. Für den überlebenden Juden Schmitz aus dieser Stadt muss das eine unglaublich bittere Erkenntnis sein. Abgekapselt im stillen Kämmerlein — will heißen, nichtöffentliche Sitzung, — will man eher das Vergessen fördern. Oben an der Wand, nicht auf Augenhöhe mit den Menschen, die durch die Stadt gehen: Da oben gibt es Mörtel, aber kein Gedenken. Dem Vorschlag eines Mitbürgers, geäußert in einem Leserbrief, die Diskussion um die Tafel einzustellen, kann ich leider nicht entsprechen. Ich empfehle einen Hinweis am Rathaus, dass verschämt und verängstigt am Museum eine Tafel hängt und eine Leiter mitzunehmen ist für die Lektüre. Dort steht drauf: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Dem ist nichts hinzuzufügen. Jörg Stein, Lötzbeuren