"Stolperstein"

Hermann Hillebrand kritisiert in seinem Leserbrief ("Unverdientes Mitleid"), dass die szenische Lesung mit dem Titel "Liebesbriefe an Hitler" ausgerechnet am 9. November in der ehemaligen Synagoge stattfinden soll, und er nennt Gründe, warum Datum und Örtlichkeit aus seiner Sicht unpassend sind.

Ich kann die Gründe nur schwer nachvollziehen, zumal der Leserbriefschreiber das Stück bis dato offensichtlich noch nicht gesehen hat. Ich selbst kann mir keinen aussagekräftigeren Ort als die ehemalige Synagoge und kein aussagekräftigeres Datum als den 9. November dafür vorstellen. Um was geht es eigentlich? Aufgeführt werden soll eine szenische Lesung, die bereits in vielen Städten aufgeführt wurde und unter anderem zu beleuchten versucht, warum das "System Hitler" möglich wurde, und warum so viele Frauen Hitler verehrt, ihm gar Liebesbriefe geschrieben haben. Die Lesung soll in der ehemaligen Synagoge stattfinden, die wie viele Synagogen in Deutschland während der Reichspogromnacht geschändet wurden. Sie soll am 9. November stattfinden, genau an jenem Datum, an dem die Schändungen von Synagogen im Jahre 1938 begannen, und auf das weitere menschenverachtende und mörderische Taten folgten. Was ist daran zu kritisieren? Welche Befürchtungen hat der Leserbriefschreiber? Ist er der Meinung, dass unsere Demokratie einer solchen Herausforderung nicht gewachsen ist? Es ist, zugegebenermaßen, ein "Stolperstein", diesen Ort und dieses Datum für diese Lesung auszuwählen. Aber dieser "Stolperstein" ist wichtig, auch wenn sich Menschen an ihm stoßen, durch ihn ins Trudeln geraten oder sich gar verletzen. Genau dadurch wird unsere Erinnerung an diese fürchterliche Zeit sowie unser Gedenken an die Opfer des Holocausts wach gehalten. Lassen wir ihn stehen, den "Stolperstein". Hans Jörg Krames, Wittlich (Anmerkung der Redaktion: Der Verfasser ist Stadratsmitglied von Bündnis 90/Grüne)

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