Synagoge als ewiger Zeitzeuge

Vergangenheit eine Stimme für die Zukunft geben will die Ausstellung "100 Jahre Synagoge Wittlich". Das Emil-Frank-Institut hat sie konzipiert. Ergänzend gibt es Vorträge bis zum Festakt am 25. November.

Wittlich. Wieso bestellten Wittlicher einst Zitrusfrüchte und Myrte in Frankfurt? Was taten "Ladies" auf dem "Balcony" und warum wird überhaupt über Wittlich in Englisch gesprochen?

Wo verbinden sich architektonisch Jugendstil und neoromanischer Stil? Die Fragen kreisen alle um ein Gebäude. Antworten gibt das Jubiläumsprogramm "100 Jahre Synagoge Wittlich". Denn Menschen, die man fragen könnte, gibt es nicht mehr in der Stadt. Es gibt aber Erinnerer. Sie haben 2009 an 700 Jahre Juden in Wittlich erinnert, stellvertretend für die Menschen, die vertrieben, ermordet wurden.

Und 2010 erinnern die Wissenschaftler vom Emil-Frank-Institut (Efi) an deren Gotteshaus. Wenige Zeitzeugen, die die Synagoge noch erlebt haben, gibt es noch: Bald kann man sie per Computer sehen und hören. "We had a beautiful synagogue", sagt etwa der emigrierte Kurt Kaufmann, der in der Tiergartenstraße lebte. Seine Mutter nahm in Wittlich im Gotteshaus eben bei den "Ladies" zu Festtagen auf der Empore (Balcony) Platz. Nur 28 Jahre war das in der Synagoge möglich. 1938 wurde sie geschändet.

An anderes erinnern Dokumente: Etwa die Bestellungen zum Laubhüttenfest, wozu ein Feststrauß auch aus Myrtenzweigen und einer Zitrusfrucht gehörte. Seit der Naziherrschaft gehörte jüdisches Leben und dessen Kultur nicht mehr zum Alltag in der Stadt. Die Ausstellung bringt all das mit moderner Museumspädagogik erklärend zurück. Dabei helfen Audioguides, also Hörführer, speziell für Kinder, Jugendliche und Erwachsene besprochen. Dazu gibt es Extra-Führungen für Schulklassen. Die Stiftung Stadt Wittlich hat 21 000 Euro Zuschuss gegeben, um das lebendige Erinnern möglich zu machen. Dazu gibt es vertiefende Vorträge, Festschrift (erscheint am 25. November) und einen Synagogenführer.

Bis zum großen Jubiläumsfestakt zum Jahrestag im November sind in der Schau etwa Originaldokumente, Pläne und ein 3 D-Modell der ehemaligen Synagoge zu sehen. 13 Stationen insgesamt setzen Schlaglichter: etwa auf die besondere Architektur, die NS-Zeit, das jüdische Leben. Und nicht zuletzt gibt es die Medienstation, die Zeitzeugen aus Wittlich berichten lässt. Efi-Direktor Reinhold Bohlen sagt: "Sie geben der Synagoge als Gotteshaus ein Gesicht." Das will das gesamte Jubiläumsprogramm.

Öffnungszeiten ab 27. Januar: dienstags bis sonntags 14 bis 17 Uhr. Der Eintritt ist frei. Extra: Zeitzeugen: Im Alter von 95 Jahren ist jetzt in Israel die in Wittlich geborene Liesel Hirschfeld geb. Ermann gestorben. Ihr Elternhaus stand in der Tiergartenstraße 24. Die Tochter des Pferdehändlers Jakob Ermann und seiner Frau Alice geb. Schloss ging wie ihr Bruder Kurt 1938 nach Israel. "Liesel Hirschfeld war eine freundliche, auch resolute Persönlichkeit, die es geschafft hat, ihr Leben zu meistern, auch wenn es immer davon mitbestimmt war, dass ihre Eltern und andere Verwandte in den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten ermordet wurden", sagt das Wittlicher Ehepaar Bühler. 1991 besuchte Liesel Hirschfeld mit ihrer Tochter Ruth Wittlich.