Tarnen, Tricksen, Täuschen …

"Sieben Wochen ohne .

.." ist ein Angebot für die Fastenzeit. "Ohne Ausflüchte" ist der Vorschlag der evangelischen Initiatoren für dieses Jahr. Kein Tarnen, Tricksen, Täuschen. Natürlich entscheidet jeder selbst, worauf er verzichten möchte. Doch der Vorschlag ist gemacht. "Ich war's" lautet das Bekenntnis, "ich habe mich geirrt, habe den Fehler zu verantworten."

Ein Einwand kommt von der Biologie: Sind uns Tarnen und Täuschen nicht in die Gene geschrieben? Tiere tarnen sich in der Farbe ihrer Umgebung: Schneehase und Eisbär sind weiß, erdnahe Bewohner wie Hasen und Rebhühner braun wie die Furchen, in die sie sich ducken. Und manche Art wie Plattfisch oder Chamäleon wechselt die Farbe nach dem Untergrund, auf dem sie sich bewegt. Ohne Tarnen und Täuschen kommt die Natur nicht aus. Und immer geht es um dasselbe: um Fressen oder Gefressenwerden, Beute oder Sexualpartner. Doch wenn es beim Tier so ist, heißt dies nicht, dass es beim Menschen sein soll. Der Mensch ist bewusst, hat die Freiheit zur Wahl. Und tiefer als der Hang zur Täuschung ist der Drang zur Wahrheit. Sonst tragen die Worte nicht, die Kinder schon lernen, um sich in ihrer Umgebung zurechtzufinden.

Während ich über Lüge und Wahrheit, Mensch und Tier nachdenke, flattert die Zeitung ins Haus. Mein Blick fällt auf ein Bild in der Frankfurter Rundschau (22 März): "Das Lügen geht weiter" hat Greenpeace übergroß auf einen Kühlturm des Atomkraftwerks Biblis projiziert. Die Vortäuschung von Sicherheit geht mit Selbsttäuschung der Beherrschbarkeit einher. Das lehrt uns Fukushima. Die Tarnung des Tieres hält es am Leben, doch menschliche (Selbst-)Täuschung gefährdet unsere Existenz. Wenn aber Täuschung unser Leben bedroht, was ist dann die Wahrheit über uns? Dass wir Sterbliche sind und wir uns bescheiden müssen. Vielleicht muss unser Wachstumsdenken sterben, damit Liebe und Solidarität neu erstehen. "Sieben Wochen ohne ..." könnte ein Anfang sein.

Detlef Hein, Altrich,

Gefängnisseelsorger in Wittlich