Thalfanger erforschen Geschichte von Opfern des Nationalsozialismus

Thalfanger erforschen Geschichte von Opfern des Nationalsozialismus

Waldemar Finster ist ein Zeitzeuge eines der dunkelsten Tage auch der regionalen Geschichte: Am 10. November 1938, einen Tag nach der Reichspogromnacht, wurden Juden in Thalfang gezwungen, ihre religiösen Schriften öffentlich auf dem Marktplatz zu verbrennen. Zusammen mit dem Arbeitskreis Juden in Thalfang (siehe Extra) arbeitet er die Geschichte auf.

Thalfang. Es ist der Nachmittag des 10. November 1938. Der dreijährige Waldemar Finster steht mit seiner Mutter fassungslos am Fenster. Vor seinen Augen werden am helllichten Tag mittags Juden von Nationalsozialisten dazu gezwungen, auf dem Thalfanger Marktplatz die religiösen Bücher und Thora-Rollen samt dem Mobiliar aus der Synagoge in der heutigen Friedhofstraße öffentlich zu verbrennen. An das Gotteshaus, das 1956 wegen Baufälligkeit abgerissen werden musste, erinnert inzwischen ein Gedenkstein.

Eisernes Kreuz verliert Schutzfunktion



"Wir wohnten direkt gegenüber vom Marktplatz. Ich habe meine Mutter gefragt, was denn mit diesen Leuten geschieht", erinnert sich der 75-Jährige. Sie habe geantwortet: "Etwas ganz Schlimmes, mein Junge, etwas ganz Schlimmes." Laut ging es zu, erinnert sich der Zahnarzt im Ruhestand. Als Kind habe er zwar nicht verstanden, was die Mutter meinte, aber sehr wohl gespürt, dass hier großes Unrecht passiert.

Die Synagoge, der Judenfriedhof und Geschäfte wurden verwüstet. Eine Familie blieb jedoch verschont - vorerst. Es war die von Karl Samuel. Er hatte sein "Eisernes Kreuz", das er für Tapferkeit im Ersten Weltkrieg verliehen bekam, ins Fenster seines Lebensmittelladens gehängt.

Heimatforscher Elmar Ittenbach, Mitglied im Arbeitskreis "Juden in Thalfang", kennt Samuels Geschichte. Er hat viele Dokumente zusammengetragen, auch die Kennkarte von Karl Samuel, ausgestellt am 31. März 1939 vom Amt Thalfang. "Seit Anfang 1939 war es für Juden verpflichtend, diese Kennkarte mitzuführen", weiß der ehemalige Lehrer an der Thalfanger Realschule. Karl Samuel lebte vom Viehhandel und dem Lebensmittelgeschäft seiner Ehefrau Melanie, geborene Levy. Nach der ersten Deportationswelle im Oktober 1941 zog die Familie im Dezember nach Trier zu den Eltern von Karl Samuel. Die "Abmeldung" des Einwohnermeldeamtes Trier trägt das Datum 16. März 1943. Für die Familie war es die Abmeldung aus dem Leben.

Ittenbach: "Am nächsten Tag ging ein Transport über Berlin ins KZ nach Theresienstadt und später nach Auschwitz; mit diesem Transport schickten die Nazis fast ausschließlich Verletzte des Ersten Weltkrieges in den Tod." Das "Eiserne Kreuz" hatte für Samuel die Schutzfunktion verloren.

Mitte des 18. Jahrhunderts lebten in Thalfang noch mehr als 20 Prozent Juden. Bereits Anfang der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts begann eine Auswanderungswelle jüdischer Familien, meist Richtung Amerika. 1925 waren noch 52 der damals 596 Einwohner Thalfangs Juden. Im Dezember 1941 existierten in Thalfang keine Juden mehr.

Extra Der Vorstand des Arbeitskreises "Juden in Thalfang" trifft sich am 16. November. Dabei soll ein Brief an den Künstler Gunter Demnig vorbereitet und dieser um einen Termin gebeten werden, an dem Stolpersteine in Thalfang verlegt werden können. An 22 jüdische Opfer der Nazis soll mit den kleinen, in Gehwege eingelassene Gedenksteinen erinnert werden. Die Kosten von rund 2100 Euro sind durch Patenschaften und Spenden abgedeckt. (doth)

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