Interview mit Frank Schaal: Tourismus-Experte sieht Neubau eines City-Hotels in Wittlich kritisch

Interview mit Frank Schaal : Tourismus-Experte sieht Neubau eines City-Hotels in Wittlich kritisch

Der Tourismusexperte Prof. Dr. Frank Schaal sieht wegen des geplanten City-Hotels in Wittlich die bestehenden Betriebe in Gefahr. Im Volksfreund-Interview empfiehlt er, eine touristische Standortanalyse zu machen und das Gespräch mit den Hoteliers zu suchen.

Der geplante Bau des City-Hotels in Wittlich ist ein kontroverses Thema, bei dem viele verschiedene Meinungen aufeinander treffen. Der Stadtrat verlässt sich dabei bislang allein auf sein Bauchgefühl. Experten hat man nicht zu Rate gezogen. Wie sich ein City-Hotel mit 220 Betten auf die bestehenden Betriebe auswirken würde, darüber herrscht Ungewissheit. Im Volksfreund-Interview erklärt der Tourismusexperten Prof. Frank Schaal, was er vom Bau eines City-Hotels auf dem Kurfürstenplatz hält. Schaal kennt die Eifel und ihren Tourismus seit Jahrzehnten. Denn der Fachmann hat hier viele Jahre in der Tourismusbranche gearbeitet (siehe Zur Person), bevor er nach Berlin gezogen ist, wo er sich als Wissenschaftler mit dem Thema Tourismus befasst hat. Im TV-Interview  äußert sich Schal zu den möglichen Auswirkungen eines City-Hotels für die bestehenden Betriebe und gibt methodische Ratschläge zur touristischen Entwicklung in der Stadt Wittlich.

Herr Schaal, die Wittlicher Hoteliers befürchten, das geplante City-Hotel wird die Existenz ihrer Hotels zerstören. Wie schätzen Sie die Lage ein?

Tourismusexperte Professor Frank Schaal. Foto: Frank Schaal

Prof. Frank Schaal Erst mal muss man das abwägen: Das Hotel steht noch nicht, aber wenn es kommt, dann wird es eine maßgebliche Bedrohung für die bestehenden Wittlicher Hotels werden. Das Ganze kann als Kuchen betrachtet werden. Der Kuchen ist jetzt schon recht klein und die Auslastung in den Betrieben ziemlich gering. Sie liegt ungefähr bei der Hälfte des Landesdurchschnittes. Jedes leere Zimmer kostet die Hotels Geld, und bei einer noch kleineren Auslastung wird sich das wohl kaum ein Haus leisten können. Eine klare Existenzbedrohung.

Wie wird sich Ihrer Meinung nach das Projekt City-Hotel auf die bestehenden Hotels auswirken?

Schaal Bei so einem großen Hotel mit 220 Betten ist es klar, dass wenn nicht deutlich mehr Touristen nach Wittlich kommen, es eine noch geringere Auslastung in den anderen Hotels geben wird. Da kann man sich dann leicht ausrechnen, welche volks- und betriebswirtschaftlichen Auswirkungen das hätte. Geschäftskunden kommen dorthin, um Geschäfte zu machen. Freizeittouristen kommen in eine Stadt für das Erlebnis. Und das Erlebnis schafft nicht nur das Hotel alleine.

Denken Sie, ein City-Hotel mit mehr als 200 Betten würde den Bestand bedrohen?

Schaal Wenn sich die Bettenanzahl und das Angebot in Wittlich verdoppeln, aber die Freizeitangebote für Touristen gleich bleiben, wird sich der Kuchen anders verteilen. Neue Hotels dieser Größe starten in der Markteinführungsphase gewöhnlich mit einer aggressiven Markteinführungstaktik was Preise anbelangt. Sie werden wohl Angebote mit günstigeren Preisen bewerben, und das werden auch die bestehenden Hotels merken. Tolle Bilder und Filme der zukünftigen Betreiber-Hotelkette werden das auch beeinflussen. Die haben schlicht eine ganz andere Marketing- und Vertriebspower als kleine und mittlere Familienbetriebe. ↓

Das neue Hotel wird alles andere überstrahlen. Das wird so sein, und dann wird es ein klassischer Verdrängungswettbewerb werden. Die durch das Hotel neu geschaffenen Arbeitsplätze werden die anderen wohl verdrängen. Für mich sieht das eher nach einem Nullsummenspiel aus.

Was halten Sie in diesem Fall von der Annahme von Bürgermeister Joachim Rodenkirch: „Angebot schafft Nachfrage“?

Schaal Freizeittouristen suchen primär keine Hotels, sondern Erlebnisse. Warum sollten Gäste nach Wittlich als nicht-typisches Touristenstädtchen kommen? Wittlich ist nun mal eher eine erfolgreiche Industriestadt. Sie ist nicht Monschau oder Bad Münstereifel. Nur ein neues Hotel wird das Angebot eines touristischen Erlebnisses wohl nur bedingt schaffen. Touristen haben die Wahl, ob sie nach Wittlich kommen, oder sich doch lieber in Bernkastel-Kues nach einem Hotel umschauen. Die Frage, die dadurch entsteht, ist, ob die Stadt genug Potenzial für diese Art von Tourismus hat.

Der potenzielle zukünftige Betreiber hat sich geäußert, durch das Hotel könnte Wittlich ein Hotspot für den Tourismus werden.

Schaal Das ist ja mal eine Aussage, die müsste erst mal bestätigt werden. Ein Hotspot bedeutet, dass sehr viel Nachfrage besteht, der Begriff stammt aus der „overtourism“-Diskussion, also dort, wo Tourismus in den Städten extrem präsent ist. Wir reden da von Amsterdam, Dubrovnik, Barcelona... Selbst ein neues Hotel mit 220 Betten wird Wittlich nicht zum Hotspot machen.

Besteht Ihrer Meinung nach wirklich die Möglichkeit, nur durch ein neues Hotel neue Gäste aus aller Welt anzulocken?

Schaal Um Touristen in eine Stadt zu bekommen, sind die Aufenthalts- und Erlebnisqualität und folglich Stadtentwicklungsthemen wichtig. Da muss man ein ordentliches und nachhaltiges Konzept für haben. Hat Wittlich das? Dafür muss man sich zunächst die Frage stellen, wieso Gäste in eine Stadt kommen. In den meisten Fällen ist das, um etwas Interessantes zu sehen, um persönliche Erlebnisse zu erhalten. Das Hotel ist keine eigenständige Destination, es wird wohl eher keine Sehenswürdigkeit. Die generelle Frage ist aber: Wo will die Stadt touristisch hin?

Das klingt, als würden Sie ein neues Hotel für Wittlich als überflüssig erachten?

Schaal Das kann man so pauschal nicht sagen, in der gegenwärtigen Situation tendiere ich allerdings in diese Richtung.

Braucht die Stadt also erst einmal eine bessere touristische Infrastruktur, um die vorhandenen Hotels auszulasten?

Schaal Die Stadt braucht zuerst einmal eine nachhaltige Strategie in Sachen Tourismus. Und die muss gemeinsam mit allen touristischen Leistungsträgern vor Ort erarbeitet werden. Gibt es die? Bei der Frage, was touristisch in Wittlich zu erreichen wäre, ist ein neues Hotel nicht die Antwort, sondern nur ein Baustein. Das alleine wird die Stadt aber nicht attraktiver machen. Wittlich muss weiterdenken. Wo will die Stadt in zehn Jahren stehen? Und wie kann sie diesen Weg so begehen, dass alle davon einen Nutzen haben? Das ist die Herausforderung, der sich die Stadt annehmen sollte.

Halten Sie den Weg der Stadt Wittlich und des Stadtrates, das Projekt ohne Machbarkeitsstudien und den Rat von Experten durchzuführen, als zielführend?

Schaal War dem so? Das kann ich nicht beurteilen, ob das so gemacht wurde. Bei der Einführung von neuen Produkten werden die Anbieter von bestehenden Produkten auch nicht begeistert sein. Die Stadt muss eine gute Richtung zwischen Bestand und gewünschtem Zukunftsbestand einschlagen. Wenn sich aus volks- und betriebswirtschaftlicher Sicht nicht bestätigt, dass es sich hier um einen nachhaltigen Mehrwert handelt, und andere Hotels dafür schließen müssen, ist die Frage doch, wo dabei der Sinn liegt. Müssen mehrere kleine Betriebe sterben, damit ein großer Betrieb leben kann? Es wäre deshalb sinnvoll, mit den bestehenden Hoteliers darüber zu reden, wo man touristisch hin will. Ohne zu reden, kommt es sonst dazu, dass dort Ängste aufkommen. Und die helfen niemandem.

Was würden Sie abschließend noch zu dem Projekt sagen?

Schaal Mir liegt es am Herzen, dass erst einmal genau hingeschaut wird, ob das eine richtige Entscheidung für Wittlich ist. Wenn Betriebe dadurch sterben, ist das fraglich. Da hat die Stadtpolitik auch eine Verantwortung. Ein massives neues Angebot kommt, und das führt dann sogar wahrscheinlich zu Leerständen der bestehenden Hotels. Will man das wirklich? Ich habe nie eine touristische Standortanalyse von Wittlich gesehen, also weiß ich nicht, in wie weit das analysiert wurde. Mein Tipp wäre, nochmal genauer hinzusehen und mit den Hoteliers zu reden. Für ein Entwicklungskonzept für die Stadt reicht nicht nur ein neues Hotel. Die generelle Frage ist, wo die Kommune letztendlich hinkommen möchte. Das gilt nicht nur für einen Betrieb, sondern für die ganze Stadt Wittlich und alle touristischen Leistungsträger.

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