Trabener Großbrand verschlug ihr die Sprache

Trabener Großbrand verschlug ihr die Sprache

TRABEN-TRARBACH. Insgesamt 20 Brände wüteten in Traben und Trarbach in der Zeit von 1857 bis 1899. Als in der Nacht vom 1. zum 2. November 1879 in Traben ein Großbrand ausbrach, erlitt die damals 37-jährige Sophie Clauß einen schweren Schock und vestummte. Erst 22 Jahre später sollte sie bei einem neuerlichen Brand ihre Sprache wiedererlangen.

Der Traben-Trarbacher Heimatforscher Willi Westermann hat eine Feuerwehr-Chronik erstellt und darin die Feuersbrünste aufgelistet und beschrieben, die seinerzeit Schrecken und Unheil über die Bevölkerung brachten und hunderte Menschen obdachlos machten. Zwölf Brände brachen zwischen 1857 und 1897 in Traben aus, in Trarbach brannte es acht mal. 511 Wohnhäuser und Nebengebäude wurden in diesem Zeitraum ein Opfer der Flammen, aber auch Kirchen, Schulen, Pfarr- und Rathäuser waren betroffen. Sophie Streccius hatte am 22. November 1864 im Alter von 22 Jahren den Küfer Ernst Rudolph Clauß geheiratet. Das Ehepaar lebte im Haus neben dem 1826 erbauten Hotel Clauss-Feist am Trabener Moselufer und hatte drei Töchter. In der Nacht vom 1. zum 2. November 1879 geschah das Unheil: Im Herzen von Traben brach gegen Mitternacht ein Feuer in den eng bebauten Straßen aus. Nur zehn Minuten nach dem Alarmschlagen waren die ersten Löschmänner der Trabener Pflichtfeuerwehr an der Brandstätte, und wenig später kamen Helfer aus Trarbach. Doch die wackeren Männer hatten keine Chance: Die Flammen breiteten sich rasend schnell aus und vernichteten Häuser am Marktplatz und in den angrenzenden Straßen Ginsterberg, Bahn-, Hof- und Kirchstraße. "Die ganze Aacher Gasse glich vom Marktplatz bis kurz vor das Hotel Clauss-Feist einem Flammenmeer", ist der Chronik von Willi Westermann zu entnehmen. In wenigen Stunden wurde der ganze innere Teil des Ortskerns in eine rauchende Trümmermasse verwandelt; 70 Wohnhäuser lagen in Schutt und Asche und etwa 400 Familien waren auf einen Schlag obdachlos. Schreckliche Szenen spielten sich in den Gassen ab: Die Menschen versuchten, aus den noch unversehrten Häusern ihre Habe zu retten, Kinder schrien, das Vieh brüllte, Gebäude stürzten ein. Von dem Brand war damals der ärmere Teil der Einwohnerschaft betroffen, und die Menschen verloren nicht nur alles Hab und Gut, sondern sie waren auch nicht gegen das Feuer versichert. "Unsere Urgroßmutter muss unmittelbar mit dem Feuer in Berührung gekommen sein", vermuten die Zwillingsschwestern Lieselotte Snell und Ulrike Wilmot aus Traben-Trarbach. Die Feuerwalze kam damals kurz vor dem Hotel Clauss-Feist am Moselufer zum Stillstand, und die dreifache Mutter wird panische Angst ergriffen haben, dass auch ihr Wohnhaus ein Raub der Flammen wird. Der Schock verschlug ihr die Sprache, sie war fortan stumm. Nicht viel ist überliefert aus dem Leben der Sophie Clauß, aber ihre Urenkelinnen wissen, dass sie dem Dienstpersonal gegenüber eine angenehme Arbeitgeberin war und alle Anweisungen, die sie nun ja nicht mehr mündlich erteilen konnte, aufschrieb. Die Urgroßmutter lebte in wohlhabenden Verhältnissen, "es gab so viel Wäsche, dass nur zweimal im Jahr gewaschen werden musste", sagt Ulrike Wilmot. Sieben Brände wüteten nach 1879 noch in Traben, doch im November 1901 geschah das Wunder. Das neben dem Wohnhaus der Familie Clauß liegende Hotel Clauss-Feist brannte bis auf die Grundmauern nieder. Nach einer mündlichen Überlieferung kam damals ein Dienstmädchen zu der nun 59 Jahre alten Sophie Clauß und sagte: "Liebe Tante Clauß, bitte erschrecken Sie nicht, Traben brennt schon wieder". In diesem Moment schaute sie zum Fenster heraus und sah, wie die Flammen am Nachbarhaus hochschlugen. Sie schrie vor Entsetzen auf - und konnte nach 22 Jahren Stummheit wieder sprechen. Auch dem abgebrannten Hotel war eine gute Zukunft beschert: Der Berliner Architekt Bruno Möhring ließ es in neuer Pracht auferstehen und errichtete den ersten Jugendstilbau in Traben-Trarbach.

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