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Traum vom größten Windpark scheint geplatzt zu sein

Traum vom größten Windpark scheint geplatzt zu sein

Windkraftgemeinden sind sauer, Tourismusvertreter von Mosel und Hunsrück atmen auf: Der größte deutsche Windpark, der in der Verbandsgemeinde Bernkastel-Kues entstehen sollte, ist nach neuster Planung womöglich vom Tisch. Der aktuelle Entwurf des Landesentwicklungsprogramms schließt Windkraft um die Mosel weiträumig aus.

Bernkastel-Kues/Morbach/Thalfang. Von einem historischen Tag war im Juni die Rede, als der Verbandsgemeinderat Bernkastel-Kues beschlossen hat, den "bislang größten deutschen Binnenwindpark" anzugehen. Die Kommunalpolitiker träumten von bis zu 78 Windrädern auf den Hunsrückhöhen der Moselgemeinde und bis zu 100 000 Euro Pacht pro Rad und Jahr.

Die neue Entwicklung: Noch bevor die Standorte auf ihre Nutzbarkeit hin abgeklopft sind, könnte eine neue Regelung dem Mega-Projekt einen Strich durch die Rechnung machen: Im neuen Entwurf des Landesentwicklungsprogramms (Lep) IV, der noch diskutiert wird (siehe Extra), wird das Gelände rund um die Moselals "Historische Kulturlandschaft" gekennzeichnet (siehe Karte, grüner Bereich), dort dürfen sich keine Räder drehen.
Die Kritiker: Dirk Kessler, Ortschef der GemeindeWintrich, die schon seit Jahren darauf hinarbeitet, die Windkraft zu nutzen, bringt das auf die Palme. "Das ist eine einzige Katastrophe, eine Unmöglichkeit! Im ersten Entwurf war davon nicht die Rede, und plötzlich schraffieren die da eine Fläche, die nicht nachvollziehbar ist. Ich muss mich doch auf Dinge verlassen können!" Die Empörung sei groß bei den Windkraftgemeinden.
Zumal die Verbandsgemeinde schon bestehende Ausschlusskriterien wie die Moseltalschutzverordnung berücksichtige.
Kessler ärgert sich noch mehr, dass die Planungsgesellschaft Windenergie, in der sich Wintrich, Piesport und Brauneberg mit einem Windparkbetreiber zusammengetan haben, bereits Geld in die Hand genommen hat: insgesamt 20 000 Euro für Gutachten zu Forst, Vögeln und Grundwasser.
Landtagsabgeordneter Alex Licht rügt angesichts der neuen Entwicklung "das Chaos im Wirtschaftsministerium", was man dort mit dem Verweis auf eine "sehr aktive Bürgerbeteiligung", die zum zweiten Entwurf geführt hat, zurückweist.
VG-Chef Ulf Hangert ist zurückhaltender. Er spricht von einer "erstaunlichen Entwicklung". Immerhin hat auch die VG bereits 80 000 Euro für eine Standortanalyse ausgegeben, die jedoch von den Investoren erstattet werden.
Hangert will in der Stellungnahme zum Landesentwicklungsprogramm IV pro Windkraft argumentieren. Der VG-Bürgermeister räumt aber auch ein: "Wir haben nun mal eine historische bedeutsame Naturlandschaft und die war schon immer geschützt. Jetzt wurde das weiter gefasst, die Frage ist: Wie weit geht das?"
Trotz allem hoffnungsfroh gibt sich Johannes Zanders, Ortschef von Monzelfeld, einem weiteren potenziellen Windkraftstandort. Er ist sich sicher: "Es gibt einen Spielraum im Lep IV für die Windkraft in den Hunsrückgemeinden der VG, und der muss ausgenutzt werden."
Die Befürworter: Hoffnungsfroh, aber aus ganz anderen Gründen sind angesichts der aktuellen Entwicklung diejenigen, die sich um den Tourismus sorgen. Wolfgang Port, Stadtchef von Bernkastel-Kues, sagt: "Ich kann die Erweiterung der Ausschlussgebiete nur befürworten." Niemand mache sich Gedanken über die Auswirkungen der Windkraft auf den Tourismus.
Port befürchtet, dass die Windmühlen, die vom Kueser Plateau aus hinter der Burg Landshut zu sehen wären, die Gäste an der Mosel vertreiben würden - und das in der meist besuchten Stadt des Landes: 1,5 Millionen Touristen pro Jahr.
Die örtlichen Tourismuszentralen von der Mosellandtouristik bis zur Kur und Kur GmbH teilen diese Ansicht. Port sieht sich auch durch eine Umfrage im Pfälzischen Wald bestätigt. 48 Prozent der Gäste haben dort angekreuzt, dass sie nicht mehr kämen, wenn die Region voller Windräder stünde.
Ins gleiche Horn bläst Gereon Haumann, Präsident des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) in Rheinland-Pfalz.
Er warnt: "Die Leitbranche Tourismus darf nicht unter die (Wind-)Räder kommen!" Der Tourismus sei laut Wirtschaftministerium die Branche mit den meisten Arbeitsplätzen im Land Rheinland-Pfalz.
Jede fünfte Familie in Rheinland-Pfalz lebe vom Tourismus. Die Wertschöpfung sei um ein Vielfaches höher als bei den Windrädern. Und: Es sei die einmalige und unverbaute Landschaft, die die Menschen anziehe. Dies besage eine Studie.
Der Hotel- und Gaststättenverband fordert, die touristisch bedeutsamen Sichtachsen im Land freizuhalten. Zudem will er touristische Studien zur Auswirkung der geplanten Windräder zur Pflicht machen.
Dass die Verbandsgemeinde Bernkastel-Kues ihre Windräder an der Grenze zu den Hunsrückgemeinden Thalfang und Morbach aufstellen will, kritisiert der Horather Hotelier als "nichtpartnerschaftlich und unsolidarisch". "Der eine hält die Hand auf, der andere trägt die Lasten allein."Extra

In der Verbandsgemeinde Bernkastel-Kues sind zwei Konzen trationsgebiete für Windkraft geplant: Piesport-Brauneberg-Veldenz-Gornhausen-Monzelfeld-Longkamp-Kommen sowie Bernkastel-Kues-Graach-Longkamp-Kleinich. Beiden droht das Aus durch neue Vorgaben des Landesentwicklungsplans, die derzeit diskutiert werden. Auch die Verbandsgemeinde Traben-Trarbach könnte leer ausgehen, wenn die neuen Vorgaben umgesetzt werden. Dort ist angedacht, Windräder in Enkirch, Irmenach und Lötz beuren aufzustellen. Bürgermeister Ulrich K. Weisgerber will weiterhin die Wünsche der Ortsgemeinden unterstützen. Er sagt jedoch auch: "Auf jeden Fall sollten jedoch Windkraftanlagen tabu sein, die vom Moseltal eingesehen werden können." In der Verbandsgemeinde Thalfang am Erbeskopf, wo neben den bestehenden noch keine zukünftigen Windkraft-Flächen ausgewählt wurden, sind Teile von Büdlich und Horath nach neuer Entwicklung tabu für die Energieriesen. Bürgermeister Hans-Dieter Dellwo sieht jedoch auch außerhalb dieses Gebiets relevante Standorte. Die Gemeinde Morbach tangiert laut Bürgermeister Andreas Hackethal die neue Entwicklung "am Rand". Vier der sieben Windkraftstandorte sind gefährdet. Hackethal setzt jedoch auf die südlichen Bereiche um Ranzenkopf und Haardtkopf. Seine Kritik richtet sich nicht gegen die aktuell festgelegten Ausschlussgebiete, sondern dagegen, dass es kein Konzept für die überörtliche Steuerung der Windenergienutzung gibt. maiExtra

Die neuen Ausschlussgebiete für Windkraft, die im neuen Entwurf des Landesentwicklungsprogramms IV nur sehr grob umrissen sind, sollen von den Regionalen Planungsgemeinschaften detailliert festgelegt werden. Es läuft zudem derzeit eine verkürzte Anhörungsphase, bei der sich Bürger, Kommunen und Verbandsgemeinden äußern können. Es folgt die Beteiligung des kommunalen Rats, der zuständigen Landtagsausschüsse und die endgültige Beschlussfassung des Ministerrats, die im Wirtschaftministerium für das kommende Frühjahr erwartet wird. mai