Trotz Urteil: Organistin darf nicht spielen

Trotz Urteil: Organistin darf nicht spielen

Die Auseinandersetzung zwischen der Kirchengemeinde Zeltingen beziehungsweise dem Kirchengemeindeverband Bernkastel-Kues und der Organistin Theresia Thiesen hat sich verschärft. Obwohl das Arbeitsgericht die Kündigung der Musikerin für unwirksam erklärt hat, hat ihr Dechant Georg Moritz jeglichen Dienst in der Kirchengemeinde strengstens untersagt.

Zeltingen-Rachtig. Den Abend des 29. Januar wird Theresia Thiesen aus Zeltingen-Rachtig so schnell nicht vergessen. Als sie am Abend die Sakristei der Erdener Pfarrkirche St. Anna betrat und auf Pfarrer Georg Moritz traf, traute sie zunächst ihren Ohren nicht. Pfarrer Moritz, er ist zugleich Dechant im Kirchengemeindeverband Bernkastel-Kues, erklärte ihr sehr bestimmt, dass sie die Orgel für den Gottesdienst nicht spielen werde. Sie solle doch bitte die Sakristei verlassen. Es gebe nichts zu bereden. Am Wochenende zuvor hatte sie noch die Gottesdienste in Zeltingen, Rachtig, Erden und Lösnich musikalisch an der Orgel begleitet und Proben mit den Kirchenchören Wehlen-Graach und Zeltingen abgehalten. Wenige Tage zuvor, am 23. Januar, hatte das Arbeitsgericht verkündet, dass ihre fristlose Kündigung zum 1. Januar, ausgesprochen von der Kirchengemeinde Zeltingen, unwirksam sei. Pflichtbewusst setzte sie sich am Tag danach wieder an die Orgel.
Dem "Rauswurf" aus der Erdener Kirche folgte am 30. Januar die schriftliche Begründung. Dechant Moritz schreibt an Theresia Thiesen: "Sie haben am 24., 27. und 28. Januar ohne Rücksprache mit uns als ihrem Arbeitgeber Dienste in den Kirchen St. Marien Rachtig, St. Anna Erden und St.-Josefs-Haus Zeltingen wahrgenommen. Ihnen ist bekannt, dass es einen noch nicht rechtskräftig beendeten Rechtsstreit zwischen uns gibt." Ferner merkt Pfarrer Moritz an, dass sie ihren Einsatz nicht erzwingen könne. Der Seelsorger droht sogar mit rechtlichen Schritten für den Fall, dass sich die Musikerin durch die von der Pfarrei zur Verfügung gestellten Schlüssel Zutritt zu den Kirchen verschaffen sollte.
Stundenzahl deutlich gekürzt


Theresia Thiesen kann die Vorgänge immer noch nicht begreifen. "Das hat wehgetan", sagt sie, "der Pfarrer hätte doch warten können, bis der Rechtsstreit endgültig geklärt ist."
Die Vorgeschichte: Theresia Thiesen (49) ist seit 18 Jahren als hauptamtliche Organistin und Chorleiterin bei der Pfarrei Zeltingen beschäftigt. Ihre Einsatzorte sind Zeltingen, Rachtig, Erden, Lösnich, Wehlen und Graach. Ihr Ehemann Josef ist ebenfalls Kirchenmusiker, angestellt von der Pfarrei St. Michael Bernkastel. Jetzt, nach der Strukturreform, ist sein Arbeitgeber der Kirchengemeindeverband Bernkastel-Kues. Er ist auch als Organist und Chorleiter in der Pfarreiengemeinschaft Monzelfeld-Longkamp tätig.
Vor einem Jahr wurde der Arbeitsvertrag von Josef Thiesen von 35 auf 13 Stunden und der seiner Frau Theresia von 28 auf 18 Stunden gekürzt. Dagegen klagten die Thiesens. Das Arbeitsgericht gab ihnen recht, beide arbeiteten zunächst mit der normalen Stundenzahl weiter. Im August erhielt Theresia Thiesen dann die Kündigung zum Jahresende. Kurios: Theresia Thiesens Mann Josef kümmerte sich auf Anweisung seines Arbeitgebers seit Anfang des Jahres um die Gemeinden in der Pfarrgemeinde Zeltingen - das ehemalige Gebiet seiner Frau. Die half deshalb in Longkamp und Monzelfeld als Organistin aus, den Orten, für die ihr Mann ursprünglich zuständig war - vorerst ohne Bezahlung.
Wie geht es jetzt weiter? Noch liegt die Urteilsbegründung des Amtsgerichts, wonach die Kündigung von Theresia Thiesen unwirksam ist, nicht vor.
Pfarrer Moritz, der sich gegenüber dem TV nicht äußern wollte, schreibt an die Kirchenmusikerin: "Wir werden danach entscheiden, ob Berufung einzulegen ist oder nicht. Sie erhalten dann von uns Informationen Ihren Organisten- und Chorleiterdienst betreffend."Extra

Die Kündigung von Theresia Thiesen und die Vorgehensweise von Dechant Georg Moritz hat Pfarrangehörige mehrerer Gemeinden sehr verärgert. Zu der Verhandlung vor dem Arbeitsgericht Ende Januar waren 50 Mitglieder von Kirchenchören aus Longkamp, Monzelfeld, Zeltingen und Rachtig gekommen. Sie demonstrierten mit Plakaten für die Weiterbeschäftigung der Kirchenmusikerin. Auf einem Transparent war zu lesen: "Kann sich wehren Sünde sein?" Die Vorsitzende des seit über 225 Jahren bestehenden Kirchenchores Longkamp (45 Mitglieder), Marlene Kolz, sagt: "Dechant Moritz hat sich mehrfach entlarvt. Er erklärt, sparen zu müssen, zieht aber den Ehemann von Frau Thiesen von der Pfarreiengemeinschaft Monzelfeld-Longkamp, wo Herr Thiesen seit 1987 auch beschäftigt war, in seine Pfarreien ab, so dass diese überbesetzt ist, und entlässt Frau Thiesen. Die Entlassung wurde vom Gericht als unwirksam erklärt. Das hat er einfach ignoriert." In den Pfarreien von Dechant Moritz bestehe also eine Überbesetzung, und die Pfarreien Longkamp-Monzelfeld stünden ohne Organisten und die Chöre ohne Chorleiter da. Marlene Kolz weiter: "Ich frage mich, was hat Frau Thiesen getan, dass man sie so aus dem Weg räumen will? Wie kann man als Priester vor dem Altar stehen und den Gläubigen Wahrheit und Frieden verkünden, bei einer solchen Verhaltensweise? Wo ist hier die Glaubwürdigkeit als Priester, wenn man am Altar den Friedensgruß verkündet und zehn Minuten später die ungerechtfertigte Kündigung aushändigt?" sim

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