Turmkletterer mit viel Geschick

Alleine der Anblick macht schon schwindelig. Derzeit reparieren Jan Krein und sein Mitarbeiter Udo Fresinger das Dach der beiden über 30 Meter hohen Türme von Burg Bruch - ohne Gerüst. Gesichert nur durch Seile, verrichten sie in luftiger Höhe ihre schwere Arbeit.

Bruch. Der Weg nach oben ist sehr beschwerlich und nichts für schwer beleibte Menschen. Rund steile 100 Stufen muss man gehen, und es ist sehr eng in dem fast stockfinsteren Treppenhaus. Für den drahtigen Dachdeckermeister Jan Krein aus Ellscheid (Vulkaneifelkreis Daun) ist das überhaupt kein Problem. Wenn er am Ende des gemauerten Teils des Turms angekommen ist, zwängt er sich durch ein kleines Fensterloch und steigt aufs steile Dach. Zuvor hat er sich eine zehn Kilogramm schwere Ausrüstung übergezogen. Jede Menge Karabinerhaken, Stahlschlaufen und selbstblockierende Abseilgeräte sind daran befestigt, durch die ein Arbeitsseil und ein zusätzliches Sicherheitsseil geführt werden.
33 Meter Höhe


Sein Arbeitsplatz, ein Turm der im 14. Jahrhundert erbauten Wasserburg Bruch, befindet sich diesmal in 33 Meter Höhe. Jan Krein schwingt sich zur Seite, unter ihm kein Brett und keine Mauer - nur der Abgrund. An seiner Hose hängt ein etwa 30 Kilogramm schwerer Sack in dem sein Arbeitsmaterial, Schieferplatten und Nägel, verstaut sind. Der 39-Jährige ist nicht nur Dachdecker sondern auch Industrieklettrer. Und er ist einer von nur einem halben Dutzend Fachleute in Deutschland, die beides können. Die Türme von Burg Bruch, der eine ist 33 Meter, der andere 35 Meter hoch, sind mit Naturschiefer gedeckt. Obwohl über 100 Jahre alt, sind die Platten größtenteils noch in Schuss.
Aber die Eisennägel rosten und so kann schon mal eine Schieferplatte nach unten sausen. Burgbesitzerin Ingrid Förschner berichtet: "Jeder Sturm kostet uns rund zehn Schieferplatten." Zuerst sei die Überlegung gewesen, beide Dächer komplett neu einzudecken.
Dafür hätte ein riesiges Gerüst aufgestellt werden müssen. Pro Turm hätte das alleine 30 000 Euro gekostet, ohne Dachdeckerarbeiten, sagt die Burgherrin. Turmkletterer Jan Krein schaut sich die kaputten Stellen an und tauscht alte gegen neue Platten aus. Eine Woche sind er und sein Mitarbeiter damit beschäftigt. Jan Krein hat vor neun Jahren eine Zusatzausbildung zum Industriekletterer absolviert.
Gerüst wäre zu teuer

Foto: Winfried Simon (sim) ("TV-Upload Simon"


Solche Spezialisten werden vor allem beim Bau von Windrädern, Hochhäusern, Brücken oder Bohrinseln eingesetzt. Industriekletterer, die gleichzeitig Dächer mit Schiefer eindecken können, sind allerdings sehr selten. Jan Krein steigt für Reparaturarbeiten auf Rathaustürme, Kirchtürme und Burgtürme - allesamt Einsatzorte, wo Hubarbeitsbühnen oder Spezialkräne nicht hinkommen. Und er wird auch dort eingesetzt, wo der Aufbau eines Gerüstes viel zu teuer wäre.
Turmkletterer Krein ist, obwohl schwindelfrei und ausgerüstet wie ein Bergsteiger, noch nie auf einen hohen Berg gestiegen. "Das ist nichts für mich", sagt er kurz und bündig.