Über Fassaden Über Fassaden lässt sich streiten

Stadtentwicklung : Über Fassaden lässt sich streiten

Eine sich in die Umgebung einfügende Gestaltung oder ein „massiver Riegel“? Bauausschuss diskutiert Entwurf zu Bauprojekt in der Wittlicher Innenstadt.

Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten: Das haben die Mitglieder des Wittlicher Bauausschusses auf ihrer jüngsten Sitzung einmal mehr eindrucksvoll bewiesen. Vorlage für die hitzige Diskussion, die überraschenderweise zum Schluss doch noch in einem mehrheitlichen Beschluss mündete, war der Entwurf zur Fassadengestaltung eines Mega-Bauprojekts in der Wittlicher Innenstadt. Ein Investor möchte in der Kirchstraße, Mitten in Wittlich, direkt neben St. Markus das ehemalige „Freckmann-Areal“ bewohnbar machen und dort einen Gebäudekomplex mit 47 Wohneinheiten errichten (der TV berichtete). Dabei soll der Bestand, das Bio Gate Reformhaus, überbaut werden. Auf einem rund 60 Meter langen Erdgeschoss sollen zwei Obergeschosse sowie ein Dachgeschoss entstehen.

Schon im August 2017 hatten die Architekten Berdi aus Bernkastel-Kues dem Gremium erste Skizzen zur Fassadengestaltung  vorgelegt. Mehrere Mitglieder kritisierten die „Massivität“ des geplanten Neubaus in diesem „sensiblen Bereich“. Der Ausschuss forderte Nachbesserungen: Im Rahmen der weiteren konkretisierenden Planung wurde den Architekten aufgegeben, eine kleingliedrigere und verspieltere Fassadengestaltung zu erarbeiten. Durch die Verwendung „unterschiedlicher Materialien, Farben oder Vor- und Rücksprünge sollte eine deutlich vertikale Gliederung“ ausgearbeitet werden, „um die optische Erscheinung eines massiven Wohnblocks abzuschwächen“.

Seitdem ist viel Wasser die Lieser hinabgeflossen. Nach mehr als einem Jahr haben die Architekten Berdi nun im Bauausschuss einen neuen Entwurf präsentiert.

Diskussion „Das bleibt ’ne Wuchtbrumme  und ein Riesenriegel“, sagt Markus Blasweiler (FDP). Der Entwurf sehe aus wie mit einer Brechstange durch Wittlich gezogen. Die Gliederung der mehrstöckigen Fassade solle deshalb verspielter gestaltet werden. Blasweiler: „Das kann man auch sensibler und kleinteiliger machen.“ So sieht es auch Ausschussmitglied Stephan Lequen (Die Grünen): „Das ganze Erdgeschoss ist ein Riegel. Ich sehe die gewünschte vertikale Gliederung nicht. Für diesen Bereich der Altstadt ist mir das zu massiv.“ Dieser Komplex passe nicht an diese Stelle, meint Lequen, und der Ausschuss solle solch eine Entscheidung, die das Erscheinungsbild der Stadt möglicherweise durch Jahrhunderte prägen werde, nicht leichtfertig treffen. „Mir fehlt die vertikale Gliederung.“ Doch die Mehrzahl der Ausschussmitglieder erkennt in dem neuen Entwurf, den der Investor bis zum Baubeginn nicht veröffentlicht sehen möchte, eine deutliche Verbesserung zur ersten Skizze. Jan Salfer (CDU): „Ich finde den Entwurf super, passt alles!“ Der geplante Bau sei eine enorme Aufwertung gegenüber dem Ist-Zustand. Gleicher Meinung ist Bürgermeister Joachim Rodenkirch, der noch ergänzt: „Wie sich der Ist-Zustand jetzt darstellt, kann man ihn nicht mehr weiter abwerten.“ Auch Albert Klein, erster Beigeordneter, zeigt sich mit dem aktuellen Entwurf zufrieden. Er merkt an, dass ein möglicherweise massiver Eindruck der Skizze täusche, „denn die Perspektive auf der Skizze, welche das geplante Gebäude frontal aus einiger Entfernung zeige, biete sich in der Realität von keinem Standort aus. Durch die Enge der Kirchstraße könne das Gebäude später stets nur von einer Seite  nie aber frontal betrachtet werden.

Der Ist-Zustand: Die Kirchstraße mit dem Bio Gate Reformhaus. Foto: Christian Moeris

Schönheit liege eh im Auge des Betrachters, erklärt Elfriede Meurer (CDU/MdL). „Es handelt sich hier eh nur um eine Entwurfsplanung“, mahnt Meurer, „so sehen wir es nie wieder.“ Als sich daraufhin Ausschussmitglied Blasweiler von seinem Stuhl erhebt und den Architekten Peter und Jan Berdi an ihrer Skizze am Reißbrett erklärt, wie sich seiner Meinung nach die Fassade verspielter gestalten ließe, ist die Stimmung im Bauausschuss nahe am Siedepunkt. Bürgermeister Rodenkirch zieht die Notbremse. „Wir streiten hier über des Kaisers Bart. Der Bestand, bei dem jeder andere Investor zurückzucken würde, ist hochproblematisch.“ Es werde dringend Wohnraum im Zentrum benötigt, sagt Rodenkirch. Deshalb laute sein Votum: „Wenn jemand den Mut hat, dort ein Wohnbauprojekt umzusetzen, sollten wir ihm keine Steine in den Weg legen und das Projekt nicht totreden. Die Architekten hören ja mit“, sagt Rodenkirch, und könnten die Kritik des Ausschusses in die konkretisierende Planung einfließen lassen. „In der nächsten Ausschusssitzung werden wir dazu sicher etwas erhellendes sehen.“ Mit acht Ja-Stimmen und drei Enthaltungen wurde die vorgestellte Fassadengestaltung letztlich durchgewunken.

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