1. Region
  2. Mosel, Wittlich & Hunsrück

Übersetzung für Tagebücher aus Sütterlin

Nostalgie : Wenn die Schrift an alte Zeiten erinnert

Die Schweicherin Anette Hill hat Tagebücher einer Tante gefunden, die in Sütterlin geschrieben sind. Viele ältere TV-Leser haben sich bei ihr gemeldet, um die Erinnerungen zu transkribieren.

Der Umgang mit geschriebener Sprache ist nicht immer einfach. Besonders, wenn es sich um handgeschriebene Aufzeichnungen in Sütterlin-Schrift handelt. Doch geben gerade solch historische Aufzeichnungen Rückschlüsse auf das Denken und Handeln vergangener Zeiten.

Vor diesem Problem stand die Schweicherin Anette Hill, als ihr Tagebücher in die Hände fielen, die ihre Tante als Zwölfjährige 1934 und 1935 in dieser alten Handschrift geschrieben hatte. „Wer kann das noch lesen?“, waren Hills Gedanken.

Nachdem das Foto einer Seite des Tagebuchs Ende Februar im Volksfreund unter der Rubrik „Alte Schätzchen“ veröffentlicht worden war, meldeten sich 15 Leute von der Mosel, aus der Eifel und dem Hunsrück bei ihr, die sich alle anboten, ihr die Tagebücher in die heutige Schreibweise zu transkribieren.

„Alle waren über 80, und alle wollten es lesen, weil es Ereignisse aus ihrer Kinderzeit sind“, sagt Hill. Eine der beiden Damen, denen sie schließlich jeweils eines ihrer Tagebücher gab, war die 80 Jahre alte Hedwig Langbein aus Osann-Monzel. „Ich habe das Tagebuch aufgeschlagen und konnte alles gut lesen“, sagt sie. Immer wieder hatte sie sich schon vorher mit Dokumenten in Sütterlin-Schrift befasst, beispielsweise bei Gedichten des Eifeldichters Peter Zirbes. Vier davon hat sie transkribiert. „Das war schwierig, weil er so klein geschrieben hatte“, erzählt sie. Einige Worte habe man nicht lesen, aber aus dem Sinnzusammenhang erraten können. „Das hat mir Spaß gemacht.“ Genauso wie das Lesen des Tagebuchs von 1935 mit den tagesaktuellen Themen der damaligen Hitlerzeit, wie dem Anschluss des Saarlands ans Deutsche Reich. „Das Mädchen war sehr besorgt, ob sich die Saarländer zu Deutschland bekennen“, sagt Langbein. Die Gedanken des Mädchens hat sie auf einen Computer getippt und an Anette Hill geschickt.

Das zweite Tagebuch hat die 90 Jahre alte Charlotte Kreten aus Schweich transkribiert, die sich dafür extra einen neuen Drucker gekauft hat. In ihrer Kindheit hat sie noch zwei Jahre Sütterlin gelernt. „Es war unsere Schrift“, sagt sie. Dann wurde die neue, die „normale“ Schrift eingeführt. Auch alte Feldpost aus ihrer Familienangehörigen hat sie schon von Sütterlin in die heutige Schrift transkribiert. „Ich habe mich schon immer dafür interessiert“, sagt sie. Urkunden seien früher alle in Sütterlin geschrieben worden. Per Zufall sei sie darauf gestoßen, für Anette Hill die Tagebücher zu übersetzen. Denn viele Menschen gebe es nicht mehr, die das könnten. „Die sterben jetzt aus“, sagt Kreten.

Was macht Anette Hill mit den übersetzten Tagebüchern ihrer Tante? „Ich lasse sie für mich als Buch binden“, sagt sie. Eine Veröffentlichung sei nicht vorgesehen.