„Unser Berufsstand wird an die Wand gefahren“

Medizin : Hebamme: „Unser Berufsstand wird an die Wand gefahren“

Wie die Geburtshilfe steht derzeit kaum ein anderer Beruf wegen Nachwuchsproblemen in der Öffentlichkeit. So sieht es im Landkreis Bernkastel-Wittlich aus.

In der Geburtshilfe des Verbundkrankenhauses Wittlich klingelt das Telefon.

Am anderen Ende der Leitung wartet ein TV-Reporter darauf, dass eine Hebamme den Hörer abnimmt, was nicht lange dauert. „Kreißsaal“ sagt eine Frauenstimme. Die Hebamme möchte ihren Namen nicht in der Zeitung lesen, ist aber dennoch bereit, über ihren Beruf zu sprechen, der derzeit wie kaum ein anderer im Licht der Öffentlichkeit steht.

„Wenn Sie mich ganz persönlich fragen“, sagt die Hebamme, „dann sage ich, dass unser Berufsstand an die Wand gefahren wird.“

Die 50-Jährige ist Teil des Hebammenteams am Verbundkrankenhaus Wittlich. Dieses Team besteht momentan aus 13 Hebammen. Im Schichtsystem gewährleisten die Freiberuflerinnen die Dienste in den Kreißsälen des Hauses, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche.

Die Geburtshelferinnen, „Männer gibt es in diesem Beruf kaum“, haben einen harten Job. „Schichtdienst an Sonn- und Feiertagen und in der Nacht“, erklärt die Wittlicher Hebamme. „Deshalb wollen kaum noch junge Menschen in der Geburtshilfe arbeiten.“ Insbesondere im vergangenen Jahr habe das Hebammenteam am Krankenhaus personelle Schwierigkeiten gehabt, „weil wir keine Kolleginnen beibekommen haben“. Doch das habe sich mittlerweile geändert, meint die Hebamme am Telefon und erklärt: „Jetzt sind wir gut bestückt.“

Noch schwieriger als der Nachwuchsmangel, meint die Dame mit 20 Jahren Berufserfahrung, seien allerdings die finanziellen Schwierigkeiten, mit denen ihr Berufsstand zu kämpfen habe. „Es gab Zeiten, da habe ich darüber geweint, weil ich mir nicht sicher bin, ob ich es bis zur Rente schaffe.“

Grund dafür seien die astronomisch hohen Versicherungsleistungen, die sie zur Ausübung ihres Berufes zahlen müsse. Mehr als 8000 Euro im Jahr müsse sie an die Versicherung zahlen, damit sie für die Risiken ihres Berufes wie Geburtsfehler und Schädigungen von Kindern abgesichert sei.

„Als ich vor 20 Jahren in diesem Beruf angefangen habe, da waren es 400 Mark im Monat“, erinnert sich die erfahrene Geburtshelferin.

8000 Euro seien ein dicker Brocken, den müsse man erst mal erwirtschaften. „Und da hat man noch kein Brötchen auf dem Tisch und auch noch keine Renten- oder Krankenversicherung bezahlt.“

Im Gespräch mit der Wittlicher Hebamme klingt deshalb Folgendes am erstaunlichsten: „Ich arbeite gerne in meinem Beruf“, sagt die 50-Jährige, „obwohl er schlecht bezahlt wird, wir viel zu viel Verantwortung haben, viel zu viel Dokumentation leisten müssen und  deshalb mehr Zeit am Schreibtisch verbringen, als wir an den Frauen arbeiten.“ Und eine Besserung sei nicht in Sicht, sagt die 50-Jährige.

Etwas besser scheinen es da Kolleginnen wie Melanie Wernicke zu haben, die nicht im Kreißsaal, sondern in der Vor- und Nachsorge tätig sind.

Als selbständige Hebamme mit Praxis in Wittlich begleitet sie Frauen und Familien während und nach der Schwangerschaft. Aus der aktiven Geburtshilfe sei sie wegen ihrer beiden eigenen Kinder und privater Gründe ausgestiegen, sagt Wernicke.

Ihre Arbeit könne sie sich so zwar  besser einteilen, aber weniger wird sie dadurch auch nicht. Ihr Arbeitstag beginne morgens um 6 Uhr, wenn sie ihr Handy einschalte, sagt Wernicke. „Dann beantworte ich Anfragen, das geht ja heute meist über das Handy, und mache Termine aus.“ In der Hauptsache leiste sie eine Wochenbettbetreuung, biete Geburtsvorbereitungskurse sowie Hilfe bei Schwangerschaftsproblemen an.

Diese Arbeit teile sie sich mit etwa einer Hand voll weiterer Hebammen im Landkreis, sagt Wernicke. „Aber ich kann nicht mehr Frauen annehmen.“

Manchen müsse sie deshalb schweren Herzens absagen. Trotz eines Arbeitstages zwischen zehn und zwölf Stunden bleibe aufgrund der niedrigen Fallpauschalen, welche die Krankenkassen zahlen würden, finanziell nicht viel hängen. Sie komme nur deshalb über die Runden, sagt Wernicke, weil sie viel arbeite. „Mit einem Acht-Stunden-Tag würde es nicht funktionieren.“ Die Büro­arbeiten erledige sie am Abend, wenn die Kinder im Bett seien. Im Großen und Ganzen gebe es zu wenige Hebammen im Landkreis, sagt Wernicke. „Das haut nicht hin.“

Trotz der Missstände in ihrem Berufsstand liebt die 38-Jährige ihren Job: „Das Wunder Leben, wenn ein Kind geboren wird und eine Familie entsteht, ist sehr bewegend.“

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