1. Region
  2. Mosel, Wittlich & Hunsrück

Urlaub anno dazumal: Wie Camping an der Mosel 1954 aussah

Tourismus : In der Wirtschaftswunderzeit haben Urlauber mit Zelt das Ufer der Mosel erobert

Camping lernten die Moselaner Mitte der 1950er Jahre näher kennen. Es kam zu ihnen sozusagen den Fluss herunter und fand dann am Ufer direkt vor den Dörfern und Städtchen statt – fortan Sommer für Sommer.

Begonnen hatte es mit der Campingbewegung in den 1920ern, also vor fast 100 Jahren. Zum einen war es die Jugend-, Naturfreunde- und Wanderbewegung, deren Anhängerschaft mit Faltboot oder Fahrrad auf Tour ging, zumeist an und auf den Flüssen. Abends wurden am Ufer die Zelte aufgeschlagen, um im Grünen zu übernachten – Hotel oder Jugendherberge kamen nicht infrage.

Zum anderen nutzten die Menschen in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg zum ersten Mal den neu gewonnenen Urlaubs­anspruch. Sie suchten eine günstige Gelegenheit, sich in der Natur zu erholen. Mit dem Zelt und wenig Verpflegung im Gepäck reisten die Menschen in die nahe Umgebung, um an freien Tagen für wenig Geld Luft und Sonne zu genießen.

So richtig los ging es mit der neuen Urlaubsform aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Wirtschaftsboom der Fünfziger Jahre brachte gewissermaßen ein Comeback des Campings. Und so kamen sie plötzlich in Scharen auf der Mosel fluss­abwärts. Ganze Geschwader von Faltbooten, besetzt mit ein oder zwei Paddlern, eroberten das Tal. Die Kanuten waren meist per Bahn mit ihren in Gepäckstücke zerlegten Booten an die Obermosel oder zur Saar gereist, um dort dann die Flussfahrt anzutreten. Die Kinder in Zell sahen sie schon von weitem kommen, sobald sie oben an der Flussbiegung unter der neuen Brücke auftauchten. Am späten Nachmittag wurde es spannend: Wer von ihnen fährt vorbei, und wer würde wohl in Zell anlegen? Manche der Paddler setzten zum Landemanöver an, um beizeiten das Zelt für die Übernachtung aufzuschlagen.

Sie bildeten in den ersten Jahren des Zeller Campingplatzes das Gros der Gäste. Doch mehr und mehr kamen diese auch zu Lande – mit dem Fahrrad, mit dem Motorroller, mit dem Kleinwagen. Diese Art der Touristen, die mit dem Zelt das Wochen­ende oder die Urlaubszeit an der Mosel verbrachten, war für viele Moselorte neu. Camping wurde in Deutschland so sehr zur Mode, dass die Städte und Gemeinden nun gehalten waren, „bei offensichtlichem Bedarf“ offizielle Campingplätze anzulegen, um das „wilde“ Zelten einzuschränken.

Dabei war hierzulande die Bewegung noch etwas im Verzug. So gab es Anfang der 1950er Jahre in Frankreich schon mehr als 3000 offizielle Campingplätze – etwa das Zehnfache dessen, was in Deutschland die Statistik für das Jahr 1954 auswies. Aber es zeichnete sich auch hierzulande der Trend zum Zelturlaub deutlich ab.

Platzwarte hatten für Ordnung zu sorgen. In einigen Bundesländern gab es sogar eine Polizei­anweisung für die Kontrolle von Sauberkeit und Disziplin auf den Zelt­plätzen. So schrieb die amtliche Zeltplatz­ordnung vor, dass Jugendliche unter 21 Jahren nicht ohne Begleitung Erwachsener zelten durften.

Doch es fehlte auch damals nicht an Stimmen, die gegen das Camping wetterten. Naturfreunde und Zoologen bangten um die Tierwelt rings um die Lager. Die Gewerbe­vereine erhoben Protest im Namen der Gast­wirt­schaften, Hotels und Pensionen, die sich schon brotlos sahen. Die Sorgen waren unbegründet. Es stellte sich bald heraus, dass Ort­schaften mit Camping­plätzen gute Geschäfte mit den Touristen machen konnten.

Aber zurück nach Zell, wo zu jener Zeit gerade der neue Campingplatz zwischen dem Güterbahnhof der Moseltalbahn und dem Moselufer eröffnet worden war. Seine bauliche Substanz bildete im Wesentlichen eine Toilettenanlage – das für die Stadt wohl kostspieligste Objekt auf dem Platz. Sie bestand aus einer grün gestrichenen Holzbaracke als Gehäuse für die obligatorischen zwei Örtlichkeiten, mit „Männer“ und „Frauen“ bezeichnet. Vor der Inbetriebnahme entdeckten die neugierigen Zeller Kinder da­rin eine geradezu revolutionär neue Form von Sanitär, wie sie es bisher noch nie gesehen hatten: Statt der gewohnten „Sitzgelegenheiten“ aus Porzellan gab es je Nasszelle nur eine flache recht­eckige Wanne – aus Guss­eisen und weiß emailliert. Der Benutzer wusste sogleich dank der darin leicht erhöht ausgebildeten Fußpodeste, wo er sich für sein Geschäft positionieren sollte. Am hinteren Rand der Platte befand sich ein Abflussloch. Es war immerhin mit einer Wasserspülung versehen. Für die Kinder gab das genug Gesprächsstoff und war für sie auch Anlass, die neue Art der Verrichtung mit gewissen pantomimischen Verrenkungen zu imitieren.

Zu der Toiletten­baracke hatte die Stadtverwaltung auch eine Waschgelegenheit (mit frischer Luft und fließend kaltem Wasser) spendiert: zwei weiß emaillierte rechteckige Blechbecken, die seitlich außen an die Wand der Toilettenanlage geschraubt waren. Ein Brettchen darüber diente als Ablage, und etwas höher gab es zwei Spiegel.

Auf der anderen Seite hatte der Platzwart in einer Art Anbau seine Loge – ein älterer Herr mit einer Armbinde. Er stellte für jedermann erkenntlich die zuständige Autorität für das Einhalten von Recht und Ordnung dar. Und er führte auch das amtliche Gästebuch. Auf dem Fensterbrett bot er ein kleines Sortiment von Erfrischungsgetränken an.

Und dann nahm die neugierige Zeller Jugend die Camper näher in Augenschein. Die mit dem Paddelboot Angekommenen bauten in der Regel kleine Zwei-Mann-Zelte auf. Wesentliche Innen­ausstattung waren die meist noch mit dem Mund aufzublasenden Luftmatratzen. Einige Camper verfügten schon über fußbediente Blase­bälge dafür. Manche dieser Matratzen waren mit drei Luftkammern versehen und ließen sich so in Sesselform falten. Im Gegensatz zu den campenden Paddlern, die in ihren Falt­booten nur über begrenzten Stauraum verfügten, hatten die wenigen Gäste mit eigenem Auto nicht nur größere Zelte. Sie genossen auch den Luxus, ihre auf Benzin­kochern zubereiteten Mahlzeiten auf winzigen Klapp­stühlchen und an kleinen Tischchen sitzend einzunehmen.

Camping war 1954 in Deutschland noch ein neuer Sport, und nur wenige Jahre später war das Zelten bereits populär. Auf den damaligen Campingplätzen wird vor den Mosel­orten heute aber so gut wie nicht mehr gezeltet. Nun parken dort die Caravan-Anhänger und die Wohnmobile.

Der Autor hat in den 1950er Jahren in Zell gelebt, heute wohnt er in Reil (Kreis Bernkastel-Wittlich). Er beschreibt die Zeit aus eigener Erinnerung.