Urlaub ohne Gewissensbisse

THALFANG/HERMESKEIL. Wer sich um ein pflegebedürftiges Familienmitglied kümmert, macht selten Urlaub – und wenn, dann nur mit Bauchgrimmen. Ein Modellprojekt der Initiative Region Trier (IRT) soll jetzt allen Beteiligten Erholung ermöglichen. Start: Frühjahr 2006 im Hunsrück.

Vollzeit-Job häusliche Pflege: Wer sich daheim um einen Angehörigen kümmert, kommt kaum zum Luftholen. Manche machen zwar trotzdem irgendwann Urlaub, müssen dafür aber ihren Angehörigen in fremde Hände geben - und nehmen deshalb ein schlechtes Gewissen mit auf die Reise. "Diese Leute opfern sich auf", sagt Hans-Dieter Dellwo, Bürgermeister der Verbandsgemeinde (VG) Thalfang und stellvertretender Vorsitzender im IRT-Arbeitskreis Gesundheit. "Denen müsste man eigentlich Medaillen geben." Oder aber - wenigstens - Erholung und Entspannung ermöglichen. Motto: Die ganze Familie macht Urlaub - die Gesunden im Feriendorf, die Kranken werden in einer geeigneten Einrichtung in der Nachbarschaft umsorgt. So sehen sich alle jeden Tag - und das moralische Bauchgrimmen bleibt zu Hause. Eine einfache Idee, ein logischer Gedanke. Nur: Bis auf wenige ähnliche und schnell versandete Versuche in anderen Regionen gab es ein solches Projekt noch nicht. "Ich wundere mich selber", sagt Dellwo. Er schlug das Thema seinem Arbeitskreis (AK) vor und stieß bei den Mit-Aktivisten - darunter dem AK-Vorsitzenden Bernd Krönig - auf offene Ohren. "Das ist ein Projekt, das zunehmend Bedeutung bekommen wird", lautet die Diagnose von Krönig, dem früheren Chefarzt der Inneren Abteilung im Trierer Elisabeth-Krankenhaus. "Diese Familien sind tagein, tagaus eingebunden in die Versorgung. Da entsteht eine sehr starke emotionale Anbindung. Und das Loslassen fällt sehr schwer." Rund 1,5 Millionen Menschen werden bundesweit von ihren Angehörigen zu Hause versorgt. "Eine gigantische Zahl", sagt Krönig. Und etwa ein Drittel von ihnen braucht eine Betreuung rund um die Uhr. Krönig: "Für deren Angehörige bedeutet das ein hohes Maß an physischer und psychischer Belastung." Das IRT-Projekt biete nun die Chance, "dass es allen dabei gut geht", sagt der Mediziner. Und es geht bereits auf seine Umsetzung zu: "Wir haben die Möglichkeiten, und wir haben die Räumlichkeiten", sagt Dellwo. Mit den Senioren-Pflegeheimen St. Klara in Hermeskeil und dem Haus Charlottenhöhe in Thalfang haben die Initiatoren das Wichtigste geregelt: Fünf Ferien-Pflegeplätze werden dort bereitgestellt. Die gesunden Familienmitglieder können unterdessen im Thalfanger Ferienpark "Himmelberg" logieren. Bei leichterer Pflegebedürftigkeit kommt auch der Erkrankte dort unter. Der Park stellt dann ein Pflegebett in der Ferienwohnung auf. Spätestens im März 2006 sollen die ersten Familien zum Urlaub in den Hunsrück kommen. Die Finanzierung ist bereits geklärt: "Das fällt unter die Rubrik Kurzzeit- oder Entlastungspflege", sagt Krönig. Daher würden die Kosten für den pflegebedürftigen Angehörigen auch von den Krankenkassen übernommen. Nur die Anreise - sofern nicht im Familien-Auto möglich - werde nicht bezahlt. Aber auch hier arbeitet Dellwo bereits an einer Lösung: Mit DRK und Malteser-Hilfsdienst verhandelt er über eine günstige Pauschale für die Fahrt im Krankenwagen. Vielleicht macht das Projekt sogar bereits Schule. Krönig berichtet von einem Gespräch mit dem Speicherer Bürgermeister Rudolf Becker: Dieser habe sich von der Idee sofort anstecken lassen. "Wäre doch schön, wenn sich daraus ein regelrechter Flächenbrand entwickelt", sagt Krönig. Anfragen zum Projekt beantwortet Hermann Paulus, VG Thalfang, 06504/9140115.

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