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"Vater" von tausenden Schreihälsen

"Vater" von tausenden Schreihälsen

TRABEN-TRARBACH. Insgesamt 15 000 kleinen Schreihälsen hat der Frauenarzt Dr. Dieter Borger in seinem langen Berufsleben auf die Welt geholfen. 7000 Kinder waren es allein in Traben-Trarbach, wo der Gynäkologe 33 Jahre, von 1968 bis 2001, gearbeitet hat.

Die jüngste von ihm entbundene Mutter war erst 15 Jahre alt. Nur 600 Gramm wog das Baby, das eine junge Türkin als Notfallgeburt mit seiner Hilfe zur Welt brachte. Fünf Jahre später präsentierte sie Borger stolz ihren munteren Nachwuchs mit den Worten: "Kennen Sie das Kind noch?" Die Frauenheilkunde hat den in Potsdam geborenen Dieter Borger schon immer interessiert. In Berlin nahm er sein Medizinstudium auf, in Marburg legte er sein Examen ab, und fortan war er an Kliniken in Witzenhausen und Karlsruhe beschäftigt, wo er seinen Facharzt-Abschluss machte. Als Oberarzt arbeitete er anschließend in Konstanz. "Ich habe das Glück gehabt, immer zur richtigen Zeit beim richtigen Chef zu sein", erinnert sich Borger. "In Konstanz habe ich die Spezialitäten gelernt." Damit meint er die Mikrochirurgie, die sich in Deutschland Anfang der 60er Jahre entwickelt hatte. Geduld und viel Training erfordern die Operationen mit den Präzisionsinstrumenten, die durch winzige Schnitte in den Bauch eingeführt werden. Die pelviskopische Arbeit sei eine "Fummelei", sagt Borger, aber sie mache ihm mehr Spaß als das Operieren am weit geöffneten Bauch. 1968 kam Borger mit Ehefrau Brigitte von Konstanz nach Traben-Trarbach. In Rheinland-Pfalz war er einer der Ersten, der die Mikrochirurgie mittels Bauchspiegelung ausführte. "Der Eingriff ist nicht nur schonender für die Frauen, sie können auch schneller entlassen werden und behalten keine großen Narben und Verwachsungen zurück", erläutert der Facharzt. 1968 wurde ihm versprochen, dass es in fünf Jahren einen Neubau für alle drei Abteilungen des Krankenhauses geben werde. Stattdessen jedoch begann ein jahrelanger Kampf um den Fortbestand der Klinik, an dem Borger maßgeblich beteiligt war. "Die Bürgernähe und die gute Belegung waren ausschlaggebend für ihren Erhalt", sagt Borger, der in seinem Beruf von seiner Frau unterstützt wurde. Die ausgebildete Zyto-Assistentin baute in Traben-Trarbach ein zytologisches Einsendelabor auf. Als "Mädchen für alles" bezeichnet Brigitte Borger ihre Tätigkeit. Sie assistierte bei Operationen, machte die Buchführung, und Ehemann Dieter merkt dankbar an: "Ohne meine Frau wäre ich in Traben-Trarbach nicht so weit gekommen."Gynäkologe aus Berufung

Seine Patientinnen - bis zu 16 000 pro Jahr, die ambulant oder stationär behandelt wurden - kamen nicht nur aus der Doppelstadt, sondern von weit aus dem Hunsrück und aus dem Raum Cochem und Zell. 200 Entbindungen gab es im Schnitt jährlich in Traben-Trarbach, ein Rund-um-Uhr-Einsatz war für den beliebten Gynäkologen Alltag. "Um 7.30 Uhr ging ich aus dem Haus, um 21.30 Uhr kam ich zurück, und nachts klingelte mindestens einmal das Telefon." Freizeit kannte der renommierte Frauenarzt kaum, "schließlich habe ich das Ende herbeigesehnt". Doch im Jahr 2000, mit 65 Jahren, legte er das Skalpell noch nicht aus der Hand. "Da war endlich der Neubau des Krankenhauses fertig, und ich wollte dazu beitragen, dass der gute Ruf der Schottstraße mit in das neue Haus einzieht." Am 1. Juli 2001 ging Borger mit Ehefrau Brigitte endlich in den wohl verdienten Ruhestand. Ein Wegzug von der Mosel stand für die beiden aber nie zur Debatte. Dieter Borger hat das Spekulum jetzt gegen den Spaten eingetauscht. Er entspannt sich bei der Arbeit im Garten, verreist gerne und hält sich fit mit Sport. So ganz ist er von der Gynäkologie allerdings noch nicht entbunden: Borger liest weiterhin Fachliteratur, besucht Fortbildungsveranstaltungen und bedauert, dass nur 36 Prozent der Frauen zur Krebsvorsorgeuntersuchung gehen.