Vertrauliche Spurensicherung in Wittlich

Internationaler Gedenktag gegen Gewalt an Frauen am 25. November : Vertrauliche Spurensicherung in Wittlich: „Unser Beitrag für mehr Gerechtigkeit!“

Ein Bericht zum internationalen Gedenktag gegen Gewalt an Frauen: Seit fünf Jahren können weibliche Opfer einer Vergewaltigung Spuren des Verbrechens vertraulich im Verbundkrankenhaus Wittlich sichern lassen.

Sexualisierte Gewalt gegen Frauen ist nicht nur Stoff vieler Krimis, sondern oftmals noch Realität. Belästigung, Nötigung und  im schlimmsten Fall eine Vergewaltigung „kommen in allen Häusern, Schichten und Berufsgruppen unabhängig vom Einkommen vor“, sagt Olga Milaeva, Oberärztin in der Frauenklinik im Verbundkrankenhaus Wittlich. Seit 2013 können Frauen, die Opfer von Vergewaltigungen geworden sind, dort eine vertrauliche Spurensicherung durchführen lassen. Hautabschürfungen unter Fingernägeln, Spermaspuren auf Unterwäsche, Hämatome und Verletzungen an den Oberschenkeln: Die Mediziner im Krankenhaus Wittlich, die eine rechtsmedizinische Fortbildung genossen haben,  sichern alle Beweise. Diese werden unter dem Namen der Betroffenen eingelagert und nur das Opfer selbst  entscheidet darüber, ob der Fall zur Anzeige gebracht wird oder nicht.

Den internationalen Gedenktag gegen Gewalt an Frauen am 25. November nimmt der TV zum Anlass nachzufragen, wie sich das Angebot im Landkreis Bernkastel-Wittlich etabliert hat. Eine berechtigte Frage: Denn wie die Kriminalstatistik des Polizeipräsidiums Trier zeigt, sind Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung im Landkreis Bernkastel-Wittlich keinesfalls rückläufig. Gleiches zeigen auch entsprechende Anklagen an den Amtsgerichten Wittlich und Bernkastel-Kues.

Doch lange nicht alle Vergewaltigungen kommen zur Anzeige. „Grund dafür ist die Scham“, erklärt Milaeva. Der Schritt zur Polizei und den Täter anzuzeigen, sei für viele Frauen nicht leicht, sagt Dr. Peter Georg Locher, Chefarzt der Gynäkologie. „Denn damit zerstöre die Frau ja ungewollt in manchen Fällen ihr soziales Umfeld wie die Familie. Manches Opfer sagt sich da: ‚Ich ertrage das lieber –  um der Kinder Willen.’“ Viele Frauen, die sexualisierte Gewalt erlebt hätten, würden sich zudem folgende Fragen stellen: War der Rock zu kurz oder der Ausschnitt zu tief? Habe ich mich falsch benommen? Manche Frauen würden die Schuld damit bei sich selbst suchen, erklärt Locher. „Damit in die Öffentlichkeit zu gehen, bedeutet für viele Menschen auch eine Bloßstellung.“

Doch da hilft die vertrauliche Spurensicherung. Diese verschafft den Frauen bei der Entscheidung, ob sie die Straftat anzeigen möchten, wertvolle Zeit. „Sie können sich innerhalb von fünf Jahren in Ruhe überlegen, wie sie weiter vorgehen wollen“, erklärt Gabriele Kretz, Gleichstellungsbeauftragte der Kreisverwaltung Bernkastel-Wittlich. Sie hat das Projekt gemeinsam mit dem Verbundkrankenhaus Wittlich und dem Verein Weisser Ring vor fünf Jahren auf die Beine gestellt. „Das ist unser Beitrag für mehr Gerechtigkeit“, sagt Kretz.

Denn oftmals stünden Frauen nach einer Vergewaltigung mit leeren Händen da, weil keine Spuren gesichert worden seien. Doch so bedeutend dieser rechtsmedizinische Dienst für Frauen in der jeweiligen Situation auch sein mag, auf finanziell gesichertem Boden steht er bis heute nicht. Kretz: „Die hatten das Geld nicht in Mainz.“ Vom Land gab es trotz Nachfrage nichts und so mussten sich die Pioniere im Landkreis Bernkastel-Wittlich selbst helfen. Mal spendet die Polizei Utensilien zur Spurensicherung, oder der Weisse Ring kommt für Transportkosten der Spuren ins Labor auf.  Kretz: „Ohne Sponsoren wie auch die Kreisverwaltung ginge es nicht.“ Mit den geringen Mitteln, sagt Dr. Locher, „müssen wir sorgsam haushalten.“ Das Krankenhaus leiste seinen Beitrag indem es für die vertrauliche Spurensicherung, die etwa eine Stunde Zeit in Anspruch nehme, keine Rechnung schreibe.

Zahlen Trotz Öffentlichkeitsarbeit, sagt Dr. Locher, würde sich die Initiative der vertraulichen Spurensicherung über einen höheren Bekanntheitsgrad im Landkreis freuen. Das Angebot solle auch in den Schulen kommuniziert werden. „Wenn junge Mädchen einmal davon gehört haben, dann bleibt das im Hinterkopf.“ Jährlich kämen etwa zwei bis drei Frauen, sagt Locher, um Spuren einer Vergewaltigung dokumentieren zu lassen.

Frauenklinik Wittlich Krankenhaus. Foto: Christian Moeris

Wie die Polizei mitteilt, wurden im ersten Halbjahr 2018 im Landkreis exakt fünf Fälle sexualisierter Gewalt zur Anzeige gebracht und erfasst. Im Zuständigkeitsbereich der Polizeiinspektionen Wittlich und Bernkastel-Kues seien 2017 genau 17 Fälle zur Anzeige gebracht worden, 2016 waren es sechs Fälle. Die überwiegende Zahl der Fälle seien solche mit Vorbeziehungen wie Ehe oder Partnerschaft zwischen Opfer und Täter, erklärt die Polizei. „Die Zahlen schwanken stark“, sagt Karl Kopf, Außenstellenleiter des Weissen Rings Wittlich. Der 70-Jährige kümmert sich mit zehn weiteren ehrenamtlichen Helfern seit Jahrzehnten um Opfer sexualisierter Gewalt im Landkreis  und kennt den Eisberg von Fällen – nicht nur dessen Spitze – in Gänze. „In Opfergesprächen, wenn es um andere Themen geht, stoßen wir auch oft da drauf. Viele Frauen öffnen sich erst nach Jahren und erzählen, dass es in der Vergangenheit eine Vergewaltigung gab.“ Er schätzt, dass, wenn man Hell- und Dunkelziffer addiere, im Landkreis pro Jahr etwa 30 bis 40 Frauen Opfer eines Sexualverbrechens werden.

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