Viel Platz, aber keine Stühle

Wittlich · Etwa 8,2 Millionen Euro kostet der Bau der neuen Großraumhalle in Wittlich. Die soll ab Ende 2012 unter anderem auch für Veranstaltungen genutzt werden. Auf die dafür nötige Ausstattung verzichtet die Stadt jedoch.

Wittlich. Künstler, kommst du nach Wittlich, bringe Stühle und Tonanlage mit. Diese Abwandlung eines historischen Zitats wird nach der Fertigstellung der Großraumhalle in der Nähe des Cusanus-Gymnasiums im Herbst kommenden Jahres Realität werden. Denn die Stadt Wittlich wird weder Stühle noch Veranstaltungstechnik noch Bühne kaufen. "Die Veranstalter bringen diese Ausstattung mit", sagt Ulrich Jacoby, Pressesprecher der Stadtverwaltung. Notfalls müsste fehlende Bühnentechnik gemietet werden.
Für eine Veranstaltung wie die Sitzung der Narrenzunft Rot-Weiß würde dies bedeuten, dass die Narren zwar nicht mehr mehrere Sitzungen veranstalten müssten. Denn aufgrund der Platzverhältnisse im Pfarrheim St. Bernhard ist die Zahl der Karteninteressenten viel größer als die der Stühle. In der neuen Halle ließen sich zwar genügend Stühle platzieren. Doch die sind anders als im Pfarrheim ebenso wie Tische schlichtweg nicht vorhanden. Die einzig vorgesehenen Sitzmöglichkeiten sind Klappstühle auf der Zuschauertribüne. Mit den Aussagen zur Veranstaltungstechnik revidiert Ulrich Jacoby die bisherige Haltung der Stadt. Vor einem Jahr hatte Jacoby mitgeteilt, dass der Rat rechtzeitig die außerschulische Nutzung der Halle plane. Die dazu nötigen Grundsatzentscheidungen sollten im Rahmen des Kulturkonzepts erörtert und festgelegt werden, sagte Jacoby damals. Diese Grundsatzentscheidungen gibt es bis heute genauso wenig wie ein Kulturkonzept für die Stadt.
Fünf Großveranstaltungen im Jahr


Genau definiert ist deshalb nicht, was in der Halle außer Sport und Spiel stattfinden soll. Laut städtischem Nutzungskonzept sollen bereits jetzt in Wittlich stattfindende Veranstaltungen, wie etwa Musical Magics, in die neue Halle verlagert werden. Ziel ist es, jährlich fünf Großveranstaltungen mit rund 1000 Besuchern dort anzubieten. Außerdem sollen bis zu 15 kleinere Veranstaltungen mit bis zu 500 Besuchern beitragen, heißt es im Konzept. Die rund 8,2 Millionen Euro teure Halle ist ein Gemeinschaftsprojekt von Stadt Wittlich und Landkreis Bernkastel-Wittlich. Beide Gebietskörperschaften haben seit Jahren Bedarf an Turnhallen. Der Kreis für die Kurfürst-Balduin-Realschule sowie das Cusanus-Gymnasium, die Stadt für die Sport treibenden Vereine. Die Hallenzeiten für die Sport treibenden Vereine werden künftig vom Fachbereich I der Stadtverwaltung vergeben. Um alle anderen Termine kümmern sich die Mitarbeiter des städtischen Kulturamts. Dort können sich dann die Agenturen hinwenden, die neben einem Künstler oder einer Gruppe auch die passende Bühnenausstattung im Angebot haben.
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Meinung

Wenig attraktiv - bisher
Das hätten alle Beteiligten billiger haben können. Etwas mehr als acht Millionen Euro kostet der Bau von drei Übungseinheiten für den Sportunterricht zweier Schulen und den Vereinssport. In Traben-Trarbach werden für 3,2 Millionen zwei Übungseinheiten gebaut. Überschlägig wäre eine neue Halle also für fünf Millionen Euro zu haben gewesen. Dass in der Kreisstadt mehr als drei Millionen Euro mehr investiert werden, ist um so ärgerlicher, da kein Verantwortlicher zu wissen scheint, wie der Mehrwert der neuen Halle genutzt werden kann. Mehr als ein Konzept für irgendwelche nicht näher definierten Veranstaltungen gibt es nicht. Aufgrund mangelnder Infrastruktur ist die neue Halle sogar für Konzertveranstalter oder kulturell aktive Vereine weniger attraktiv als die aktuellen Veranstaltungsorte Pfarrheim St. Bernhard oder Cusanus-Atrium. Das ist schade, denn die neue Halle hätte ein Pluspunkt für die Stadt werden können. Doch dem "Ja" zum Projekt folgte offensichtlich kein Gedanke an ein Nutzungskonzept, das mehr enthält als Absichtserklärungen. Doch es ist nicht zu spät. Der Rat hat noch ein Jahr Zeit, dafür zu sorgen, dass die neue Halle mehr als eine überteuerte Schulturnhalle ist. Ob er sie nutzt? h.jansen@volksfreund.de