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Viez, Nachhaltigkeit und vier Plastikrosen

Viez, Nachhaltigkeit und vier Plastikrosen

In zwölf Etappen reisen zwölf Volksfreund-Reporter von A wie Aach bis nach Z wie Zewen - einmal quer durch die Region Trier. Ihr Ziel ist es nicht nur, die eigensinnige Schönheit von Eifel, Mosel und Hunsrück zu ergründen und etwas Typisches zu essen. Sie machen sich auch auf die Suche nach dem Sinn des Lebens. Etappe 10 einer ungewöhnlichen Sommerreise.

Lückenburg/Vierherrenborn. Sommer war\'s zwar nicht, aber es war eine Reise. Auf meiner Berg- und Talfahrt durch den Hochwald habe ich dabei viele neue Orte und herzliche Menschen kennengelernt.
Auf Burg Dhronecken bin ich in die Geburtstagsvorbereitungen von Thorsten Herbig geplatzt und habe ihm die Daumen gedrückt, dass es für seine Feier abends trocken bleibt. Dann ging\'s auf dem Weg nach Beuren über die Gleise der stillgelegten Hunsrückquerbahn und bergauf an zwei schnaubenden Radfahrern vorbei. Kurzer Stopp an der Herz-Jesu-Kapelle und wieder runter nach Hinzert-Pölert. Wieder hoch zur NS-Gedenkstätte und weiter auf einen Latte Macchiato nach Reinsfeld. Eigentlich wollte ich dort auch das ausgeschriebene Tretbecken suchen, darin eine Runde gehen und so dem miesen Wetter trotzen, ich hab\'s aber zu meiner Schande wirklich nicht gefunden.
Durchs verregnete Kell am See und über die Hunsrückhöhenstraße fuhr ich nach Zerf etwas essen und sogar mit ein paar Sonnenstrahlen ein letztes Mal bergauf nach Vierherrenborn.

Etwas möglichst Typisches essen und trinken: Ja, blöd... für die typischen Hochwälder Kartoffeltage war ich zu früh dran. Die sind erst im Oktober. So habe ich mich in der "Speisegaststätte Zur Post" in Zerf ans Tagesgericht gehalten: Hacksteak mit Zwiebelsauce und Fritten. Okay, es geht typischer... Das Typische habe ich dann beim Trinken nachgeholt: Zum ersten Mal seit Jahren habe ich wieder Viez getrunken und als Aufräumer nach dem Essen gab\'s einen Willi aus der Hunsicker-Brennerei aus Fisch bei Saarburg.

Mit jemandem über den Sinn des Lebens reden: Den Sinn des Lebens suche ich in einer Männerrunde beim Bundesliga-Gucken. In Kell am See im "Zum Friedlichen Landmann" gibt\'s viele Sticheleien gegen den 1. FC Köln und Kopfschütteln über ungenutzte Torchancen. Aber eben auch ehrliche Antworten: "Gesund sein, gesund bleiben und das Leben einfach genießen", sagt Eugen. "Die Dinge gemütlich angehen und es sich gutgehen lassen", fügt Alois, in Kell besser bekannt als "Recker", hinzu. Beide sind schon über 20 Jahre nach Kell am See verheiratet und mögen das entspannte Dorfleben. Dann fällt ein Tor und sie gucken wieder nach vorne auf die Leinwand.

Ein Andenken mitbringen: Für mein Andenken musste ich auf dem Rückweg abends noch einmal in Kell am See vorbei. Denn da ist Kirmes. Allerdings erst nach der Messe in St. Bartholomäus. Ich als absolute Schieß-Niete konnte auf einer Kirmes noch nie eine Rose schießen und so die Damenwelt beeindrucken. Deshalb sollte es jetzt andersrum laufen. Ich suchte also eine Dame, die mir eine Rose schießt und die mich beeindruckt. Ich fand Kathrin. Direkt der erste Schuss ein Treffer - und das sogar ohne Brille. Am Ende hatte ich vier Rosen aus sieben Schuss. Überragend!

Eine Sehenswürdigkeit bestaunen: Ich war zum ersten Mal an der Gedenkstätte SS-Sonderlager/KZ Hinzert, an den "Stätten der Unmenschlichkeit". Ich sehe viele Steinkreuze, lese die vielen Namen der Opfer und ich kann, als heute 24-Jähriger, nicht richtig begreifen, wie und warum damals so etwas passieren konnte. Ich hoffe aber, dass die Zukunft so bleibt, wie es sich der luxemburgische Bildhauer Lucien Wercollier mit seinem Mahnmal auf dem Hinzerter Gräberfeld gewünscht hat: "Durchdrungen von Menschlichkeit, Frieden und Gerechtigkeit."

Einen Lieblingsplatz finden: Eigentlich wollte ich bei Hans-Joachim Schütz in Lückenburg nur etwas nachfragen, dann aber haben wir uns eine Stunde über Gott und die Welt unterhalten und er hat mir seinen Garten gezeigt. Der 74-Jährige und seine Frau Monika leben in Lückenburg nämlich nachhaltig und weitestgehend autark. Mit 25 Sorten Obst und Gemüse im Garten, einem selbst gegrabenen Brunnen, einem Brot-Ofen und Sonnenkollektoren auf dem Dach. Direkt zu Beginn meiner Reise mein Lieblingsplatz. Jeden, der sich ernsthaft für ein nachhaltiges Leben interessiert, lädt Hans-Joachim übrigens gerne zu sich nach Hause ein.
Ausblick: Die nächste Etappe führt von Vierherrenborn nach Wincheringen.