"Vom Himmel hoch" zur Weinblüte

Zeltingen-Rachtig. (gkl) Mit Dr. Jonathan Oldengarm war ein kanadischer Meister des Orgelspiels zu Gast an der Weimbsorgel in Rachtig. Es nutzten auch viele Touristen die Gelegenheit, sich von den Qualitäten des Instrumentes und des Künstlers zu überzeugen.

Es war im Jahre 1747, als Johann Sebastian Bach zur Aufnahme in die Leipziger "Sozietät der musikalischen Wissenschaften in Deutschland", gegründet von seinem Schüler Lorenz Christoph Mitzler, eine Komposition verfasste, die als 769 in sein Werkverzeichnis Eingang fand. Es waren "einige canonische Veränderungen über ‚Vom Himmel hoch, da komm ich her'", dem Weihnachtslied des Martin Luther. Entstanden ist dabei eines der komplexesten, von höchster kompositorischer Kunstfertigkeit geprägtes Opus, das die Orgelliteratur kennt. Meisterliche Demonstration der Klangmöglichkeiten

Warum aber sollte man sich damit zu einer Zeit befassen, während im Moseltal der Wein blüht und die Temperaturen die 30-Gradmarke anstreben? Dafür gibt es drei Gründe. Zum einen hat Bach dieses fünfteilige Werk im Juni zur Aufnahme in der erwähnten Gesellschaft vorgelegt, zum anderen ist es eigentlich viel zu schade, nur in der relativ kurzen Weihnachtszeit zu erklingen. Das hatte sich offensichtlich auch der kanadische Organist Jonathan Oldengarm gesagt, und das ist dann der dritte Grund, als er in der Pfarrkirche St. Marien in Rachtig sein Orgelkonzert spielte. Er setzte nämlich genau diese Canonischen Veränderungen in den Mittelpunkt seiner Darbietungen und wies damit, schon bevor überhaupt ein Ton erklungen war, darauf hin, dass die erfreulich vielen Zuhörer von ihm ein außergewöhnliches Konzert zu erwarten hätten. Der noch recht junge Oldengarm hat sowohl in seiner Heimat als auch international schon eine beachtliche Karriere aufzuweisen und war jetzt auf Einladung der Orgelbaufirma Weimbs, den Erbauern der Rachtiger Orgel, hier zu Gast. Wenn Weimbs ausgerechnet das Instrument an der Mittelmosel dafür auswählt, das Können der Werkstatt öffentlich zu präsentieren, ist das ein beredtes Zeugnis dafür, was der Orgelbauer selbst von seinem Werk hält. Oldengarm fühlte sich offensichtlich nicht nur bei Bach äußerst wohl auf der Rachtigere Orgelbank. Schon bei der Ouvertüre seines Konzertes, der Sonate Nr. 3 in A-Dur von Felix Mendelssohn Bartholdy glänzte er mit technischer Brillanz und einem großartigem Gespür, wie man die vielfältigen Stimm- und Farbkombinationen, der Orgel geschickt einsetzten kann. Auch die Fantasie f-Moll, KV 594 von Wolfgang Amadeus Mozart und die drei der insgesamt sechs Kanons aus Robert Schumanns "Studien für den Pedalflügel", Opus 56, gerieten zu einer meisterlichen Demonstration der Klangmöglichkeiten der Orgel. Es dürfte derzeit in dieser Region kaum ein weiteres Instrument geben, bei dem so substanzreiche Flöten, solch filigrane Streicher, solch ein kräftig-dominantes, dabei aber immer vornehm-kultiviertes Plenum zu finden sind. In Kombination mit einem exzellenten Organisten wie Oldengarm ergab sich daraus von der ersten bis zur letzten Note, die der Sonate Nr. 3 in a-Moll von August Gottfried Ritter entstammte, ein delikates Konzert, das den Namen "meisterlich" wahrhaft verdiente.

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