Vom Massentier zur Rarität

Früher wurden in der Eifel und im Hunsrück zigtausende Glanrinder gehalten. Heute gibt es nur noch einige wenige Exemplare. Die einst für unsere Region typischen Tiere sind vom Aussterben bedroht. Glanrinder wurden zu den "gefährdeten Nutztierrassen des Jahres 2016" erklärt. Ihre Haltung wird in Rheinland-Pfalz vom Land gefördert.

Wittlich/Bitburg/Daun. Sie sehen irgendwie gemütlich aus, robust. Sie haben keine Flecken, die wir heute bei Kühen doch für typisch halten, und einen eher stämmigen Nacken. Glanrinder sind heute eine Seltenheit. Auf den meisten Wiesen grasen rot- und schwarz-gefleckte Kühe. Das war früher mal anders. Da waren Glanrinder die Rasse, die in der Eifel, im Hunsrück und an der Mosel heimisch war. "Es ist eine alte Rasse, die aus dem Donnersberg-Raum kommt und sich über Jahrhunderte zurückverfolgen lässt", sagt Gertrud Werner, Referatsleiterin Tierzucht bei der Landwirtschaftskammer in Trier.
Im Jahr 1900 gab es allein im früheren Landkreis Bernkastel rund 25 000 Glanrinder. Sie wurden als Arbeitstiere im Acker- und Weinbau sowie zur Milch- und Fleischgewinnung genutzt.
300 Glanrinder in drei Kreisen


Heute gibt es nach einer groben Schätzung der Landwirtschaftskammer Trier noch etwa rund 300 Glanrinder in den Landkreisen Bitburg-Prüm, Bernkastel-Wittlich und Vulkaneifel. Referatsleiterin Werner von der Landwirtschaftskammer schätzt, dass es in ganz Rheinland-Pfalz vielleicht gerade mal 70 Betriebe gäbe, die diese Rasse halten. Die Zucht wird vom Land sogar gefördert - vorausgesetzt, der Züchter dokumentiert Abstammung und Herkunft. "Aber reine Glanrinder gibt es nicht mehr. Die meisten haben etwa 50 bis 60 Prozent Glanrindblut", sagt Werner. Der Grund: Die Rasse ist fast vollständig von der Bildfläche verschwunden. Doch dazu später mehr.
Die Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen (GEH) hat drei Rinderarten zu den "gefährdeten Nutztierrassen des Jahres 2016" erklärt: Neben dem originalen Braunvieh und dem Deutschen Schwarzbunten Niederungsrind zählt auch das aus dem heutigen Rheinland-Pfalz stammende Glanrind zu den bedrohten Rassen auf der Roten Liste der GEH.
Vor mehr als 100 Jahren waren die Glanrinder jedenfalls nicht vom Aussterben bedroht, sondern so richtig auf dem Vormarsch. Im Landkreis Simmern nahm der Bestand von 26 000 Rindern im Jahr 1873 auf 32 200 Exemplare im Jahr 1900 zu, was einer Erhöhung von 22 Prozent entspricht. Grund für diesen vergleichsweise hohen Zuwachs war, dass sich die Viehwirtschaft des Kreises Simmern auf die Glan-Züchtung spezialisiert hatte. Daher sah man einst auch die Möglichkeit, den Bestand in den benachbarten Landkreisen des Hunsrücks durch eine organisierte Zucht zu vergrößern.
Das allgemeine Interesse an Glanrindern war seinerzeit auch im Landkreis Bernkastel so hoch, dass sich dort 1901 ein großer Zuchtverband gründete: Der sogenannte "Glan-Hochwald-Rindviehzuchtverein Morbach" verfolgte laut seiner Satzung das Ziel der "Reinzucht des Glanschlages mit der Zuchtrichtung auf Arbeits-, Milch und Mastleistung". Die Hauptaufgabe des Vereines bestand zunächst "in einer dauernden, geregelten Einfuhr von Zuchttieren". Durch die "ausschließliche Verwendung reinrassiger Stiere" wollte man den bereits vorhandenen Glanviehschlag verbessern und einen Glaner Hochwaldschlag" (siehe Foto unten) heranzüchten.
1912 wurden die Glan-Zuchtvereinigungen der Region durch die Bildung des in Trier ansässigen Verbandes Rheinischer Glanviehzuchtgenossenschaften (ab 1934 Verband Rheinischer Glanviehzüchter) zusammengeschlossen. Daneben gab es den 1898 gegründeten Glan-Donnersberger Zuchtverband mit Sitz in Kaiserslautern. Die erfolgreiche Arbeit beider Verbände bewirkte, dass der Glanvieh-Bestand bis Ende der 1950er Jahre im Gebiet der Verbände auf einen Höchststand von etwa 400 000 Tieren anwuchs. Danach ging es bergab.
Der Anfang vom Ende


"Verschiedene Seuchen wie die Maul- und Klauenseuche und Tuberkulose haben die Bestände in den 50er und 60er Jahren fast komplett zurückgedrängt", sagt Gertrud Werner. Da bei den Züchtern in der Pfalz eine Steigerung der Milchleistung im Vordergrund stand, kam es dort in der Folgezeit zu einer Verdrängungskreuzung der Glan-Donnersberger mit dem Angler Rind. Eine vom Trierer Zuchtverband vorgenommene Einkreuzung mit Gelben Franken erhöhte zwar die Fleischleistung, brachte aber gleichzeitig eine starke Einbuße bei der Milchergiebigkeit. Schließlich endete die Reinzucht des Glan-Rindes 1967. Fünf Jahre später wurde der Verband Rheinischer Glanviehzüchter aufgelöst.
Der Niedergang der Glanrinder wurde auch dadurch beschleunigt, dass ihre Arbeitskraft durch Maschinen ersetzt wurde. Das Glanrind selbst wich später den "Rotbunten" und "Schwarzbunten" sowie Züchtungen anderer Rassen, die eine höhere Milchleistung und mehr Fleisch bringen. Es gab nach Schätzung von Fachfrau Werner nur noch knapp 50 Glanrinder in unserer Region - dafür ist der Anteil der Schwarz- und Rotbunten von unter zehn Prozent in den 50er Jahren auf nun mehr als 85 Prozent gestiegen. Ergebnis: Glanrinder sind seither die Ausnahme.
1984 bildete sich in Zusammenarbeit mit der GEH ein Arbeitskreis Glanrind, der ein Jahr darauf zur Gründung des Vereins zur Erhaltung und Förderung des Glanrindes führte. Mit Hilfe zweier reinrassiger Glankühe sowie 25 zuchttauglichen Tieren begann der Aufbau eines Erhaltungs-Zuchtprogramms zur Rettung der Rasse vor dem Aussterben.
Heute werden Glanrinder von einigen wenigen Landwirten in Rheinland-Pfalz, Saarland und Nordrhein-Westfalen gezüchtet. Der aktuelle Bestand umfasst 826 weibliche und 106 männliche Tiere, so dass die Art von der GEH als "stark gefährdet" klassifiziert wurde. Etwa 650 dieser Tiere finden sich in Rheinland-Pfalz - 200 davon im Eifelkreis Bitburg-Prüm. Einige sind beispielsweise Teil eines Beweidungsprojekts, das die Verbandsgemeinde Arzfeld bei Eschfeld gestartet hat, wo Glanrinder mit Eseln und Pferden eine Auenlandschaft pflegen. Und auch beim beim Sangweiher zwischen Schalkenmehren und Udler im Vulkaneifelkreis grasen Glanrinder zur Pflege der Landschaft (der TV berichtete).
Ralf Loscheider haben es die Tiere einfach angetan. "Alte Haustierrassen haben mich schon immer interessiert", sagt der Nebenerwerbslandwirt, der sich Ende der 90er Jahre seine ersten Glanrinder für seinen Hof in Hütterscheid zugelegt hat. Inzwischen sind es rund 70. Aufmerksam geworden ist er auf die alte Rasse, die er mithelfen will, zu erhalten, beim Stöbern auf Flohmärkten: "Da habe ich alte Fachbücher und auch eine Doktorarbeit entdeckt. Seitdem lassen mich die Glanrinder nicht mehr los."
Extra

Die Glanviehzucht wurde von Herzog Christian IV von Pfalz-Zweibrücken durch eine Körverordnung aus dem Jahre 1773 begründet. Gemäß dieser Verordnung sollte das Rote Landvieh durch Vermischung mit der Simmentaler und Graubraunen Schweizer Rasse verbessert werden. So entwickelte sich im Glantal ein leichteres und milchergiebigeres Rind - das einfarbige Glanrind. Gleichzeitig entwickelte sich am Donnersberg ein schweres Arbeitsrind - das gescheckte Donnersberger. Im späten 19. Jahrhundert wurden beiden Rassen durch Zucht zum Glan-Donnersberger vereinigt. (Quelle: Wikipedia) phi