Vom Watt in den Wald

TV-Wanderwochen: 27 Wanderführer aus der Eifel und über deutsche Grenzen hinaus hat der Eifelverein ausgebildet. Auch ein nordischer Küstenführer kam gezielt nach Bollendorf.

Bollendorf Viele Dutzend Füße federn auf dem weichen Waldpfad, statt Beton zu stampfen. Denn während zahlreiche Wipfel noch grün strahlen, haben manche Buchen den Boden schon mit einem braunen Laubteppich bedeckt. Thomas Antoncyk (51) schnauft, als er den kleinen Anstieg nimmt, an Farnen, Brennnesseln und hohen Hölzern vorbei. Eigentlich bietet er Wanderungen über das flache Watt an. Weit im Norden in Schleswig-Holstein. Das Angebot des Eifelvereins, eine Ausbildung zum Wanderführer, hat ihn dann in die Eifel gelockt.
"Das ist keine Grippe. Nur Heimweh", sagt er zu seinem Vordermann, während er sich in die Faust hustet. In Reih und Glied geht er heute mit 26 Wanderführer-Anwärtern auf dem Märchenpfad bei Bollendorf. Schon vor einer Woche hat der Mann mit dem wetterfestem Dreitagebart den Weg von Dithmarschen auf sich genommen. Neun Tage leben die angehenden "zertifizierten Natur- und Landschaftsführer" zusammen in der Bollendorfer Jugendherberge. Das fühle sich an wie auf Klassenfahrt und "neun Tage sind schon heftig", sagt Antoncyk. Aber das Angebot des Eifelvereins habe ihn überzeugt. Auch andere Teilnehmer, so aus dem Saarland oder den Niederlanden, bestätigen die Einzigartigkeit des Lehrgangs. Eben deshalb weil die Ausbildung zeitlich so konzentriert ist, der Eifelvereins einen guten Ruf hat und die Eifellandschaft viele fasziniert. Zwischen 50 und 60 Jahre zählen die meisten hier, die zunächst eine Woche mit theoretischem Unterricht im Klassenraum und dann noch drei Tage mit Prüfungen verbringen. Also fast wie Schule. Statt Referaten im sterilen Zimmer, halten die Teilnehmer die Vorträge während des Wanderns, statt um binomische Formeln geht`s dann um Moose oder Steinformationen, die auf dem Weg liegen. Die Abschlussprüfung ist ein Multiple-Choice-Test am letzten Tag. Danach erhalten die Wandersmänner und Frauen ein Diplom, das ihnen erlaubt, europaweit Wander ungen führen zu dürfen.
"Was ich nicht erlernt habe, das habe ich erwandert", sagte schon der Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe. Auch hier gibt es einiges zu lernen bei insgesamt 27 dreiminütigen Vorträgen. Und damit geht's unten weiter, während oben die Vögel singen. Gerhard Krämer (60) übertönt die Federfreunde, lässt einige Buchenstäbe auf den Boden klirren. Damit hat er sich für seinen Vortrag ausgerüstet. Der Halbkreis der Teilnehmer lauscht gebannt seinen Ausführungen darüber, dass die heutigen Buchstaben aus dem germanischen von kleinen Buchenstäben kommen. "Unsere Vorfahren nutzten die als Orakel für wichtige Entscheidungen", erklärt der erfahrene Wanderer aus Echternacherbrück.
Am Ende gibt es heftigen Applaus und die Prüfer urteilen: "Besser geht es nicht" - den Teil der Prüfung hat Krämer schon mal bestanden. "Das Wandern muss ich nicht lernen, aber wie man eine Gruppe führt und etwa die Wanderwege-Berechnung", sagt der 60-Jährige, der auch Mitglied im Eifelverein ist. Er ist so zuversichtlich zu bestehen, dass er schon fünf Wanderungen als Wanderführer für das nächste Jahr geplant hat. Bisher sei keiner sitzen geblieben, um im Schuljargon zu bleiben, lassen sowohl Krämer als auch die Prüfer vom Eifelverein durchblicken.
Warum so viel Wissensvermittlung beim Wandern? "Die Wanderführer sollen nicht nur von A nach B laufen, sondern Kultur vermitteln", erklärt Hans-Willi Schwartz, Ortsgruppen Koordinator des Eifelvereins. Denn man müsse die Menschen an die Gegend heranführen. Einfach wandern reiche heute nicht mehr.
Die Gruppe um Antoncyk braucht rund drei Stunden für den nur zwei Kilometer langen Streckenabschnitt, so viel Kultur vermitteln die Wanderer in ihren Vorträgen. 700 Euro hat Antoncyk ausgegeben für die Ausbildung, dazu kommt seine Anreise. Auch seinen Urlaub hat er gerne dafür investiert. Er kannte sich bislang bestens aus mit Wattwürmern und Sedimentschichten, nun fühlt er sich darüber hinaus sehr gut informiert. "Ich bin begeistert von der Ausbildung. In die Eifel will ich auf jeden Fall wiederkommen", sagt der Nordmann.Extra: DIEAUSBILDUNG


Der Eifelverein bietet die Ausbildung zum "zertifizierten Natur- und Landschaftsführer" seit über zehn Jahren ein bis zwei Mal jährlich an. Bisher hat der Verein dabei rund 500 Wanderführer ausgebildet. Ein Termin steht für das nächste Mal noch nicht. Grob veranschlagt sind jeweils ein Angebot im Sommer und eins im Herbst 2018 in der Jugendherberge in Mayen.Extra: DER EIFELVEREIN

 Thomas Antoncyk ist vollends begeistert von der Ausbildung des Eifelvereins. Auch er hat seinen Vortrag, über Koordinatensysteme, gemeistert.
Thomas Antoncyk ist vollends begeistert von der Ausbildung des Eifelvereins. Auch er hat seinen Vortrag, über Koordinatensysteme, gemeistert. Foto: (e_eifel )
 Kai Hermann berichtet in seinem Vortrag über Fliegenpilze. Währenddessen beurteilt Hans-Willi Schwartz seine Leistung auf dem Bewertungsbogen.
Kai Hermann berichtet in seinem Vortrag über Fliegenpilze. Währenddessen beurteilt Hans-Willi Schwartz seine Leistung auf dem Bewertungsbogen. Foto: (e_eifel )


Der Eifelverein mit Sitz in Prüm ist mit 28 000 Mitgliedern einer der größten Wandervereine in Deutschland, der sich aber auch der Pflege des heimischen Brauchtums, dem Denkmalschutz und der Denkmalpflege in besonderer Weise verpflichtet fühlt. 2013 feierte er sein 125-jähriges Bestehen. Weitere Infos gibt es auch auf der Homepage: www.eifelverein.de