Vom Wert eigener Wäsche

WITTLICH. 180 Inhaftierte, 90 Vollzugsbeamte und viel zu wenig Platz: Das ist die Situation in der Jugendstrafanstalt Wittlich. Der Beirat der Anstalt dient als Ansprechpartner für Häftlinge wie Bedienstete und ist wichtiges Bindeglied des Gefängnisses zur Öffentlichkeit. Für ihr jahrzehntelanges Engagement in diesem Gremium erhielten Waltraud Niles und Heinrich Denzer die Ehrennadel des Landes.

Angefangen hat alles mit einer Art Briefkasten im Jahr 1974, als die Jugendstrafanstalt Wittlich unabhängig von der Justizvollzugsanstalt (JVA) geführt wurde. Fortan bekam die Jugendstrafanstalt eine eigene Anstaltsleitung, eigenes Personal - und auch einen eigenen Beirat, der gesetzlich vorgeschrieben ist. Heinrich Denzer aus Bernkastel-Kues war von Anfang an in dem Gremium engagiert. Der inzwischen pensionierte Berufsberater wurde wie seine Kollegin Waltraud Niles aus Wittlich, die seit 1986 als Lehrerin mit von der Partie ist, vom Jugendhilfeausschuss des Kreistags für den Beirat vorgeschlagen und vom Justizministerium für Perioden von je drei Jahren ernannt. Über Briefkästen in den Haftgebäuden (siehe Foto) bietet der Beirat Gefangenen an, Kontakt aufzunehmen, Gesprächstermine vorzuschlagen oder auf Themen und Probleme aufmerksam zu machen. Eine Möglichkeit, von der die Gefangenen anfangs auch rege Gebrauch machten. "Egal, ob sie sich von einem Vollzugsbeamten zu unfreundlich begrüßt fühlten oder das Essen nicht schmeckte - alles landete im Briefkasten", erzählt Denzer. Die Kritik an der Gefängnisküche überprüfte er dann persönlich als Test-Esser: "Aber daran gab und gibt es wirklich nichts auszusetzen." Aber nicht jedes Thema war so schnell vom Tisch. Mitte der 80er-Jahre beklagten sich Häftlinge, dass sie von der Wäscherei nicht die gleichen Sachen wiederbekommen, die sie abgegeben haben und dann etwa die Unterhose vom Zellennachbar tragen müssen oder Kleidung, die nicht so gut passt wie zuvor. "Es klingt vielleicht banal, aber für die Gefangenen war das ein wichtiges Thema", sagt Niles. Der Beirat sorgte mit der Anstaltsleitung dafür, dass die Wäsche-Stücke durchnummeriert wurden und jeder für die Dauer seiner Haft "eigene" Kleidung bekommt. Inzwischen bleibt der Briefkasten meist leer

Davon, dass sich der Beirat Mitte der 90er-Jahre für den Bau der neuen Turnhalle stark gemacht hat, profitiert das Jugendgefängnis noch heute. Als herauskam, dass im Zuge der Umbaumaßnahmen ab 1996 (siehe Hintergrund) der Turnhallenbau auf unbestimmte Zeit verschoben werden sollte, sprach der Beirat beim Ministerium vor, damit die neue Halle doch direkt gebaut wird. "Sonst hätten wir ewig darauf warten können", sagt Denzer. "Da sind wir wirklich froh drum", sagt auch Otto Schmid, Leiter der Jugendstrafanstalt. Schließlich gewinnt Sport in der Arbeit mit den Häftlingen an Bedeutung. Nicht nur, weil dabei Aggressionen abgebaut werden. Robert Haase, Psychologe und stellvertretender Leiter der Jugendstrafanstalt, setzt Sport auch zur Diagnostik und Behandlung ein. So gibt es Sportgruppen für Häftlinge mit Gewaltproblemen oder solche mit Suchtproblemen. Zudem gibt es noch eine Fitness-Gruppe, in die vor allem jene Häftlinge eingeteilt werden, die überhaupt keinen Zugang zum Sport haben. Doch seit die Jugendstrafanstalt zwischen 1996 und 2000 zum Wohngruppen-System umgebaut wurde, bleibt der Briefkasten meist leer. Anstaltsleiter Schmid erklärt sich das damit, dass es seither in jeder Wohngruppe Gruppensprecher gibt, die über Probleme berichten. Themen: Ausbildung und Pilot-Projekte

Dennoch ist der mit Helmut Ziltz aus Lieser insgesamt dreiköpfige Beirat nicht arbeitslos: Bei seinen Treffen bespricht das Gremium Themen wie die Cliquen-Wirtschaft russischer Aussiedler im Gefängnis oder kümmert sich um sein Pilot-Projekt, den Jugendlichen zusammen mit der Kolpingfamilie Ausbildungsplätze für die Zeit nach der Haft zu vermitteln. Einen ersten Erfolg gibt es bereits zu verbuchen: Ein Ex-Häftling beginnt nun eine Lehre in einer Schreinerei. Als Anerkennung für jahrzehntelanges Engagement im Beirat überreichte Anstaltsleiter Schmid am Montag im Namen von Ministerpräsident Kurt Beck die Ehrennadel des Landes an Waltraud Niles und Heinrich Denzer. "Das macht schon Spaß, wenn man sieht, dass man etwas bewegen kann", sagt Niles. Und Denzer ergänzt: "Auch zu erleben, wie sich der Jugendstrafvollzug und das Wittlicher Gefängnis über die Jahrzehnte verändert haben, ist spannend."

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