Vom wilden Hunsrück und leeren Dörfern

Vom wilden Hunsrück und leeren Dörfern

ERBESKOPF. Die Bundesrepublik wird sich in den nächsten 50 Jahren drastisch verändern. Fachleute befürchten, dass bis 2050 die Bevölkerung um bis zu 25 Prozent zurückgeht. Mit den Herausforderungen der demografischen Entwicklung befasst sich am kommenden Freitag und Samstag die Tagung "Geisterdörfer im Hunsrück?"

Nach Auffassung von Peter Heil von der Landeszentrale für Umweltbildung kann man das Fragezeichen im Titel der vierten Regionaltagung zur nachhaltigen Entwicklung getrost weglassen. In vielen Kreisen des Landes werde die Bevölkerung um bis zu 40 Prozent zurückgehen, hat das Statistische Landesamt in Bad Ems im vergangenen Jahr prognostiziert. Mit dieser Entwicklung und ihren Folgen befasst sich die Tagung, zu der die Landeszentrale für Umweltaufklärung, der Entwicklungsschwerpunkt Hochwald und das Hunsrückhaus gemeinsam einladen.Es werde Gegenden geben, ist der Referent der Landeszentrale überzeugt, da werden die Zahlen stagnieren, anderswo könne es Rückgänge um bis zu 90 Prozent geben, schildert Heil das Problem drastisch. Geisterdörfer seien die Folge. "Das wird den Hunsrück ganz besonders treffen", ist der Referent bei der Landeszentrale überzeugt. Denn die großen Verlierer seien der ländliche Raum und die Städte, glimpflich davon kämen die so genannten "Speckgürtel", die um die Städte herum lägen.Warum der ländliche Raum? "Die Infrastruktur wird wegbrechen", fürchtet Heil. Das heißt: Wenn der nächste Kindergarten 25 Kilometer weit weg sei, dann ziehe eine Familie spätestens beim zweiten Kind weg. Oder: Wenn Trinkwasser nicht mehr in ausreichendem Maße nachgefragt werde, um einen bestimmten Standard zu gewährleisten, dann werde die Wasserleitung abgeschaltet. Niemand habe den Menschen gesagt, dass ihr Eigenheim mitnichten die Sicherheit fürs Alter sei, für die sie viele halten. Denn viele, die dann wegziehen wollen, werden im Ernstfall ihre "Altersvorsorge" wohl nicht mehr los.Sind das nicht Horrorvisionen, die der Referent an die Wand malt? Heil glaubt das nicht: "Das kommt mit der Zwangsläufigkeit eines Naturgesetzes." Und: Der Hunsrück werde "richtig wild". Die schönen Wiesen und Täler werden ihren Zustand nicht behalten, ist Heil überzeugt, da sie keiner mehr bewirtschaften kann.Was den Mann von der Landeszentrale besonders ärgert: Diese Tendenzen sind nicht wirklich neu. Seit 30 Jahren könne man diese Entwicklung beobachten. Doch als das Statistische Landesamt in Bad Ems im vergangenen Jahr diese Zahlen herausgab, "fielen alle aus allen Wolken". Nach Heils Informationen wird dies auch kein Phänomen sein, das sich peu à peu entwickeln wird, sondern es werde ab 2010 zu sofortigen Veränderungen kommen.Brisant werde auch die wirtschaftliche Entwicklung sein. Die "gigantische Verschuldung" sei nicht auf eine schrumpfende Bevölkerung eingestellt. Dadurch würden sich die Spielräume für die öffentliche Hand, die Politik und den Gesetzgeber gegen Null tendieren. Heil fürchtet eine dramatische politische Krise: "Wenn man nichts mehr bewegen kann, warum sollen die Menschen dann wählen gehen?"Doch für ganz ausweglos hält Heil diese Situation dennoch nicht. Konkrete Lösungswege will er im Gespräch mit dem TV allerdings nicht aufzeigen: "Dafür laden wir am Wochenende Experten ein." Es soll nicht allein bei der Theorie bleiben: Bei einer ganztägigen Exkursion am Samstag will man sich den Ort Kanzem im Kreis Trier-Saarburg anschauen, eine Gemeinde, bei der sich viele positive Entwicklungen abzeichnen.Wen wundert‘s, dass bei der brisanten Fragestellung die Zahl der Anmeldungen mit 86 im Vorfeld schon sehr hoch ist. "Und es werden ständig mehr", freut sich Corinna Albert vom Hunsrückhaus.Große Zahl von Anmeldungen

Vor allem haben sich Planer, Politiker, Bürgermeister und Gemeinderäte angesagt. Doch interessant sei die Tagung für jeden, der sich in seinem Ort für Verbesserungen einsetzen möchte. Wer an der Tagung am Freitag, 26. März, und der Exkursion am Samstag, 27. März, noch teilnehmen will, kann sich Info-Material und ein Anmeldeformular zuschicken lassen. Der Teilnehmerbeitrag kostet für Tagung und Exkursion je 10 Euro. Interessenten wenden sich ans Hunsrückhaus, Telefon 06504/778, Fax, 06504/ 9549054 oder per E-mail an hunsrueckhaus@t-online.de.