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Von 1876 bis 1924 wurden im Wittlicher Lehrerseminar Schulmeister ausgebildet.

Mehr als 1500 künftige Volksschullehrer drückten in Wittlich die Schulbank : Überfüllte Klassen, strenges Regiment

Von 1876 bis 1924 wurden im Wittlicher Lehrerseminar Schulmeister ausgebildet.

Im Herbst 1876 begann der erste dreijährige Ausbildungskurs am Wittlicher Lehrerseminar. Der damals 19-jährige Kaspar Hebler aus Bausendorf hatte sich als Erster zur Aufnahmeprüfung bei Seminardirektor Dr. Verbeek angemeldet. Der junge Mann verfügte schon über einige Erfahrungen im „Schulehalten“, ohne jedoch selbst eine Lehrerausbildung absolviert zu haben. Hebler hatte in Langweiler im Hunsrück und später in Binsfeld unterrichtet, wo er in einer einklassigen Volksschule 126 Jungen und Mädchen gegenüberstand. In seiner knapp bemessenen Freizeit bereitete er sich mit Privatunterricht bei Pfarrern und Schulmeistern auf die Prüfung zur Aufnahme am Wittlicher Lehrerseminar vor.

Insgesamt war es in der Rheinprovinz im 19. Jahrhundert um die Volksschulen und deren Lehrer schlecht bestellt. Eine Lehrerklage aus dem Jahr 1888 beschreibt weitgehend treffend sowohl die Berufssituation als auch die Selbstwahrnehmung der Volksschullehrer: „Kein Geld für viel Verrichten, kein Recht bei vielen Pflichten, für Lieb nur Haß und Zank, das ist Schulmeisters Dank. Für all die guten Lehren, um seine Gall zu mehren, nur böser Buben Schwank, das ist Schulmeisters Dank. Für Staub, Verdruß und Mühe, zum Abend von der Frühe, nur Mißgunst, Neid und Stank, das ist Schulmeisters Dank.“

Ohne Nebentätigkeiten als Küster oder Organist und einer kleinen Landwirtschaft besaß kaum ein Lehrer ein Auskommen, schon gar nicht, wenn er eine Familie zu ernähren hatte. Vor allem im ländlichen Raum herrschten erhebliche Missstände: schlechte Schullokale, geringe Ausstattung mit Lehr- und Lernmitteln und oft einklassige Volksschulen mit sehr vielen Kindern aller Altersstufen.

Die seit 1825 in der preußischen Rheinprovinz bestehende Schulpflicht wurde auf dem Land auch von Eltern nicht sonderlich ernst genommen – wichtiger als Schule war die Mitarbeit, vor allem in der Landwirtschaft. Die staatliche Obrigkeit hatte indessen klare Vorstellungen, was Volksschulen zu leisten hatten, und entsprechend gering fiel über Jahrzehnte die staatliche Unterstützung aus: Lediglich auf die Vermittlung der Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben, Rechnen kam es an – die Erziehung zu guten Untertanen als gute Christen, nützliche Bürger und Patrioten gehörte ebenfalls zum bescheidenen „Bildungsprogramm“.

Zur Gründung von Lehrerseminaren in der Eifel kam es erst im letzten Drittel des Jahrhunderts, vor allem angestoßen durch die „Allgemeinen Bestimmungen, betreffend das Volksschul-, Präparanden- und Seminarwesen“ (1872) des preußischen Kulturministers Adalbert Falk.

Da man auch in Wittlich mitbekommen hatte, dass Seminare bevorzugt in der Provinz liegen sollten, ergriffen die Stadtverordneten diese Chance und schenkten dem Fiskus 1869 ein zehn Morgen großes Grundstück im Distrikt „Thiergarten“. Die Kriegswirren von 1870/71 verzögerten zunächst die Errichtung eines Seminargebäudes, aber schon im Jahr 1873 wurde mit dem Bau des imposanten Sandsteingebäudes begonnen, das drei Jahre später fertiggestellt war. Erster Seminardirektor wurde Dr. Hubert Verbeek aus Straelen, der vom Kölner Apostelgymnasium nach Wittlich gekommen war. Bis 1903 leitete und prägte er das Seminar. Ihm sollten noch vier Direktoren folgen. Mit Kaspar Hebler hatten sich 74 Kandidaten zur ersten Aufnahmeprüfung gemeldet, von denen 30 aufgenommen wurden. Die andern waren an den schriftlichen Aufgaben oder in der mündlichen Prüfung gescheitert.

Der Seminarbetrieb wurde offiziell am 10. November 1876 eröffnet. Die sogenannte Erste Lehrerprüfung fand erstmals im August 1879 am Wittlicher Seminar statt. Kaspar Hebler schloss mit Bravour ab und erhielt eine Stelle in Hupperath. Nach seiner Zweiten Lehrerprüfung wechselte Hebler nach Wittlich zur 1861 gegründeten Höheren Stadtschule. Der ehrgeizige Hebler erreichte, was damals nur wenigen Volksschullehrern gelang. Im Alter von 32 Jahren bestand er die Prüfung für Mittelschullehrer, und für die nächsten zwölf Jahre unterrichtete er am Gymnasium in Prüm. Dort war er der einzige Nichtakademiker im Kollegium – so auch bei seiner letzten Station an einer Realschule in Münster, wo er bis zu seiner Pensionierung Zeichenunterricht erteilte.

Seit 1877 wurden am Wittlicher Seminar auch die Zweiten Lehrerprüfungen abgenommen. In der Regel bestanden etwas mehr als  60 Prozent der Kandidaten diese Prüfung. Eine Übungsschule wurde auf Anordnung des Provinzialschulkollegiums im Herbst 1878 am Seminar eingerichtet, um den Seminaristen des Abschlusskurses ein praktisches Unterrichten zu ermöglichen. Die Übungsschule startete mit 290 Schülern – das bedeutete eine Überfüllung der vier Klassen, wodurch ein erfolgreiches und den Ansprüchen des Seminars entsprechendes Unterrichten fast unmöglich war. Eine wichtige Neuerung stellte ab 1895 eine einklassige Übungsschule für 40 Kinder dar, die man als „besser“ geltende Schüler aus den anderen Klassen ausgewählt hatte. Bis zur Auflösung der Übungsschule Ende Juni 1924 hatten 871 Jungen diese besucht. Schüler mit der Registrationsnummer 397 war Matthias Joseph Mehs, der 1904 ein exzellentes Abgangszeugnis erhielt und zur Höheren Stadtschule überging.

Die Seminaristen wohnten im Seminargebäude, in dem sich auch Wohnungen der Seminarlehrer befanden. Von einer Privatsphäre der Zöglinge kann kaum gesprochen werden. Das Internatsleben war klar und streng geregelt, Verstöße gegen die Hausordnung wurden konsequent bestraft. Ober- und Unteraufseher aus den Reihen der Seminaristen unterstützten die Seminarlehrer bei der Überwachung ihrer Mitschüler. Es ging um Anpassung und Subordination unter jede Art von „Autorität“ – Ziele, die selbstverständlich auch zum Erziehungsprogramm der Volksschule zählten und nur verwirklicht werden konnten, wenn die Lehrer zuvor im Seminar entsprechend sozialisiert worden waren. Peter Kremer, der im Juli 1921 seine Seminarausbildung abgeschlossen hatte, erinnerte sich: „Preußisch streng war auch die Hausordnung der Seminaristen. Sonntags wurden sie in geschlossener Formation zum Hochamt in St. Markus geführt. Wehe dem armen Sünder, dessen heimliches Ausbrechen aus dem ‚Kasten‘ durch ein Kellerfenster offenbar wurde; denn auch nachts stand der Schlafsaal unter Kontrolle. Er wurde unbarmherzig als ungeeignet zum Lehrerberuf erklärt und gnadenlos entlassen. Die königlich preußischen Seminaristen waren eben kaserniert.“

An Fastentagen wurden ausschließlich Fastenspeisen gereicht – Fleisch stand nur an hohen Feiertagen auf den Tischen, so an Kaisergeburtstag, dazu gab es noch einen Schoppen Wein. Zu den jährlichen mit viel Aufwand inszenierten Kaiser-Geburtstagsfeiern in der Aula wurden auch die Honoratioren Wittlichs eingeladen. Diese Feiern lassen viel von der konservativ-nationalen Ausrichtung des Seminars erkennen. Die „Lehrer des Volkes“ erhielten auch in praktischen Gebieten wie Gartenbau, Obstbaum- und Bienenzucht eine Ausbildung. Diese Kenntnisse vermittelten Volksschullehrer später an ihren Wirkungsorten oft zum Gewinn der Dorfbewohner. Eigenständiges oder gar wissenschaftliches Lernen waren nur bedingt Ziele der Seminarausbildung. Stattdessen wurde viel reproduziert und „memoriert“. Überlieferte Schulhefte zeigen, wie sehr auf sauberes und korrektes Schreiben Wert gelegt wurde. Insgesamt ging es um strenge Schulung und kontrolliertes Einüben im Hinblick auf die Schulpraxis, wobei der von den Seminarlehrern gezeigte Unterricht als Vorbild zu nehmen war. Deren Ratschläge galt es, im Sinne einer „Schulmännerklugheit“ zu verinnerlichen. In den Revisionsberichten der Schulaufsicht findet sich noch lange die Feststellung: „Das Niveau der Anstalt muß gehoben werden. Sie bedarf deshalb öfterer Revisionen. Das gesamte Lehrerkollegium macht aber den Eindruck pflichtgetreuen Wirkens.“

Die Mobilmachung und Kriegserklärungen zum Weltkrieg werden im Seminar-Protokollbuch ausführlich festgehalten: „Die Begeisterung ist allgemein. Die Schüler singen patriotische Lieder. Auch hört man vom Orte bis tief in die Nacht Feiern von Erwachsenen. Die Zahl derjenigen, die sich freiwillig zur Fahne melden, ist, wie nicht anders zu erwarten, sehr groß.“

 Der Weltkrieg brachte auch für das Lehrerseminar erhebliche Störungen im Lehr- und Unterrichtsbetrieb. Ab 1916 galt es immer wieder, Messing- und Kupferteile abzuliefern. Davon blieben weder Seminarküche noch die Kapelle verschont. Mehr als 40 Seminaristen und ein Lehrer waren im Krieg gefallen. Vom 12. bis 20. November 1918 wurden das Seminargebäude an der Kurfürstenstraße und die Präparandie (Seminarvorbereitungsschule) im Musseleck´schen Haus gegenüber geräumt, weil dort 6275 beziehungsweise 1000 deutsche Soldaten auf dem Rückzug untergebracht werden mussten. Nach deren Abzug beschlagnahmten amerikanische und französische Besatzungstruppen große Teile des Gebäudes. Das Ende des Weltkrieges mit der Abdankung des früher so gefeierten Kaisers findet übrigens mit keinem Wort Erwähnung im Protokollbuch der Anstalt.

Insbesondere im Beruf der Volksschullehrer war seit einigen Jahren das Problem der Überfüllung nicht mehr zu übersehen, und zwar trotz der nicht geringen Verluste von 6000 Lehrern im Weltkrieg. Die 193 Lehrerseminare in Preußen hatten bis 1926 ihren Ausbildungsbetrieb einzustellen, und die Anstalten waren in Deutsche Oberschulen umzugestalten. Der letzte Seminarkurs des Wittlicher Lehrerseminars mit 24 Seminaristen bestand am 15. Juli 1924 die erste Lehrerprüfung. Der offizielle Unterrichtsbeginn der Aufbauschule war schon am 26. April 1922. Dem letzten Seminardirektor Wilhelm Könen wurde auch die Leitung der Aufbauschule, aus dem das heutige Cusanus-Gymnasium hervorging, übertragen. Mehr als 1500 Volksschullehrer waren aus dem Wittlicher Lehrerseminar seit seiner Gründung 1876 hervorgegangen.