Von 80 auf 120 Prozent

Ruhe ist die erste Bürgerpflicht, heißt es. In der Verbandsgemeinde Neumagen-Dhron war davon lange nichts zu spüren. Doch seit gut drei Monaten hat sich das geändert. Verantwortlich dafür ist Christiane Horsch, die ehemalige Wirtschaftsdezernentin von Trier.

Neumagen-Dhron. Es ist ruhig geworden in der Verbandsgemeinde Neumagen-Dhron. Doch das ist ein gutes Zeichen. Denn diese Ruhe, von der auch die Bürgerinnen und Bürger auf der Straße sprechen, bezieht sich auf das politische Leben. Das war jahrelang in Unordnung und endete quasi im Dezember 2006 mit der Abwahl des damaligen Bürgermeisters Hans Werner Schmitt. Doch dieses Ende markierte gleichzeitig einen neuen Anfang, der sich am 1. April 2007 in der Wahl von Christiane Horsch manifestierte.Am 26. April trat die 45-jährige Juristin ihr neues Amt an — genau vor 100 Tagen. "Wenn man die Samstage und Sonntag mitzählt", erläutert sie. Eine erste Bilanz muss sich in erster Linie am Zustand der Verwaltung festmachen. Das Verhältnis zwischen Hans Werner Schmitt und den Verwaltungsmitarbeitern war zerrüttet — um es milde auszudrücken. Gleich am ersten Tag habe sie alle Mitarbeiter zusammengerufen und um Vertrauen geworben. Ihr Eindruck: "Die Mitarbeiter waren erstaunt über die Offenheit." Jeder sollte sich Gedanken machen, ob er sich in seiner Position wohl fühlt oder sich lieber an anderer Stelle sähe, erzählt sie. Wo die Möglichkeit bestand, seien Zuständigkeiten getauscht worden. Wo vorher vielleicht nur 80 Prozent an Potenzial ausgeschöpft wurden, seien es jetzt 120 Prozent.

Qualität ist das eine, Quantität das andere. Beim Amtsantritt lag der auf 23 Mitarbeiter (nur in der Verwaltung) ausgerichtete Personalbestand bei 15,8. Mittlerweile sind vier weitere Stellen ausgeschrieben worden. Es gibt auch wieder einen Büroleiter. Kämmerer Alois Koster hat diese Aufgabe zusätzlich übernommen.

Als Trierer Wirtschaftsdezernentin hatte Horsch einen großen Stab an Mitarbeitern, in der VG Neumagen-Dhron ist der Kreis sehr überschaubar. "Je kleiner eine Verwaltung ist, desto mehr ist der Leiter oder die Leiterin persönlich gefordert", sagt sie. Dies komme ihr entgegen. In Trier haben sie einen Großteil ihrer Zeit in städtischen Ausschüssen und Unternehmen, in denen die Stadt vertreten ist, verbracht.

Jeden Tag vor Ort gefordert

Im neuen Umfeld sei sie jeden Tag als Gestalterin vor Ort gefordert. Ihre Bilanz nach 100 Tagen: "Mehr als 100 Termine in den Gemeinden und in der VG — ohne die Sitzungen."

Personalratsvorsitzender Edmund Gansen ist voll des Lobes: "Sie lebt uns die Arbeitsmoral vor. Ihre freundliche und offene Art hat zu einer sehr positiven Stimmung geführt."

Viele Bürger hat sie bereits kennen gelernt. "Die Leute fühlen sich wohl. Ihre Erwartungen sind nicht so hoch, wie viele Politiker glauben."

Wichtig sei das Wissen um die finanzielle Leistungsfähigkeit. "Wenn ein Projekt möglich ist, geht vielleicht ein anderes nicht." Horschs Maxime: "Nicht nur sagen, das geht nicht, sondern auch Perspektiven aufzeigen." Es mache keinen Sinn, beispielsweise in Trittenheim ein Gewerbegebiet auszuweisen, wo ein interkommunales Gewerbegebiet (Piesport/Neumagen-Dhron) kommen solle. In Trittenheim solle stattdessen gezielt in die touristische Infrastruktur investiert werden.

meinung

Rückkehr zur Menschlichkeit

Wer kennt das nicht von Politiker-Amtseinführungen Schöne Worte von allen Seiten, Sätze wie "Es weht ein neuer Wind" oder "Neue Besen kehren gut". Doch schnell stellen sich der Alltag und die Probleme ein. Bei Christiane Horsch scheint das anders zu sein, obwohl die ersten Monate ihrer Amtszeit sicher nicht frei von Problemen waren. Vielleicht ist sie auch noch gar nicht zum Nachdenken gekommen. Schließlich ist sie nahtlos von der Position der Trierer Wirtschaftsdezernentin in das Amt der Bürgermeisterin der Verbandsgemeinde Neumagen-Dhron gesprungen. Seither ist sie unermüdlich unterwegs, um wieder Ruhe in die gebeutelte Kommune zu bringen. Dabei kommt ihr natürlich zu Gute, dass es sich nur um vier Orte handelt. Entsprechend präsent ist sie aber vor Ort. Es ist viel zu früh, Absichtserklärungen und erste Entscheidungen zu bewerten. Es scheint ihr mit ihrer offenen Art aber gelungen zu sein, die Verwaltung aus einer Zone der Angst in einen Ort verwandelt zu haben, in dem wieder normales Arbeiten möglich ist und in den wieder Menschlichkeit Einzug gehalten hat. Das ist der erste ganz wichtige Schritt hin zur Normalität. Die Wählerinnen und Wähler haben sie mit einem riesigen Vertrauensvorschuss bedacht. Christiane Horsch wird längst nicht jedem von ihnen in allen Angelegenheiten gerecht werden können. Doch sie hat einen guten Start hingelegt. Und nur das zählt derzeit. c.beckmann@volksfreund.de