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Von der Hand in den Mund: Wittlicher Tafel strukturiert ihre Lebensmittelausgabe um

Von der Hand in den Mund: Wittlicher Tafel strukturiert ihre Lebensmittelausgabe um

„Helfer werden überrollt: Wittlicher Tafelprojekt am Limit“, titelte der TV im Frühjahr. Die Zahl der Hilfsbedürftigen im Landkreis war auch durch die Zunahme der Flüchtlinge so stark gestiegen, dass die ehrenamtlichen Helfer der Wittlicher Tafel mit einem Aufnahmestopp reagiert hatten. Der TV hat nachgefragt, wie sich die Situation mehr als ein halbes Jahr später entwickelt hat.

Eine Stunde Anstehen, vier Grad, Nieselregen, hier drängelt der knurrende Magen, dort einer der 25 anderen Wartenden, dann Einlass durch die dicke Sicherheitstür. Wieder eine kleine Schlange vor der Kasse im Gebäude der Wittlicher Tafel. Die Stimmung ist dennoch entspannt routiniert. Die 26 Ehrenamtlichen schenken erst ein warmes Lächeln, dann gibt's Essen. So funktioniert die Tafel, ein Hilfsprojekt das überschüssige Lebensmittel an Bedürftige weiterverteilt.

Ewa Zentaska (42) zeigt ihren blauen Ausweis vor, das heißt sie darf Lebensmittel für sich, also eine Person, mitnehmen. Grün steht für zwei Personen und Gelb für eine ganze Familie - bis zu elf Personen. Zwei Euro kostet der Eintritt, mit dem sie eine Einkaufstüte dann in der dritten U-förmigen Schlange erst links mit Gemüse, dann beim Obst, dann rechts mit Tiefkühlprodukten, selteneren Milchprodukten bis hin zum Brot füllen kann. Das entspricht schnell einem Warenwert von 30 bis 40 Euro.

Warum sie hier ist? Ihre Rente reiche nicht aus, sie sei manisch-depressiv. "Ich spare mir so Geld für Medikamente zusammen", sagt die Frührentnerin. "Beim Obst kann ich wählen, bei den Milchprodukten nimmt man, was man kriegt, die sind knapp." Sie ist dankbar, heute lässt sie sich das Lächeln nicht stehlen, trotz Armut, wie auch die meisten der Kunden.

Vor einem halben Jahr ging es im Tafelgebäude drastischer zu: "Das war eine heftige Zeit, wie auf einem Basar", erinnert sich Anja Adam, Leiterin der Wittlicher Tafel, an die Phase zwischen Oktober 2015 bis Februar 2016: Das fast zehn Jahre funktionierende System der Verteilung von Lebensmittelspenden war nicht mehr zu bewältigen für die damals rund 95 ehrenamtlichen Helfer.

Sprachliche Barrieren und ein großer Zulauf an Menschen, viele aus Syrien, führten zu enormen Wartezeiten. Sogar Sicherheitspersonal musste eingesetzt werden, weil es zu Schlägereien vor dem Eingang kam, berichtet die Ehrenamtliche Hildegard Cremer - während sie einen der begehrten Joghurts ausgibt. "Seit dem Frühjahr verläuft die Lebensmittelverteilung deutlich reibungsloser, obwohl es nicht weniger Andrang gibt", sagt Adam bei zustimmendem Nicken ihrer Kollegen.

Was hat sich geändert?
Die Wittlicher Tafel hat zum einen den Ausgabeturnus der Lebensmittel geändert: Die Gruppen, es gibt acht, wurden von 80 auf 60 Personen verkleinert. Pro Tag kommen außerdem nur noch sechs anstatt sieben Gruppen jeweils alle 25 Minuten zur Tafel. So kann jeder Tafelkunde im Schnitt an drei von vier Mittwochen im Monat kommen.
Neben der strukturellen Änderung hat sich der Ablauf auch deshalb vereinfacht, weil die vielen ausländischen Tafelkunden sich mittlerweile ohne Worte mit den Ehrenamtlichen verstehen. Da gibt es sogar eine Tafel mit arabischen Übersetzungen und Tiersymbolen. "Viele essen nur Weißbrot", sagt Maria Fleck an der Brotausgabe, die durch lokale Bäcker immer viele große Leibe im Regal hat, aber gerade beim Weißbrot manchmal zu wenig.

Seit letztem Monat gibt es zusätzlich elf neue ehrenamtliche Helfer bei der Wittlicher Tafel. Pro Woche sind es dort aktuell 97, überwiegend Ältere. Eine davon ist Brigitte Petry (68) aus Wittlich: "Mir geht es so gut, dass ich denke, ich kann etwas Gutes tun - und ich habe die Zeit dazu." Dennoch hat die Tafel in Wittlich Bedarf. "Wer Interesse an einem Ehrenamt hat, ist bei uns herzlich willkommen", sagt Adam und hofft auf weitere Unterstützung.
Kontakt unter Telefon 06571/95633819 oder E-mail adam.anja@caritas-wittlich.deExtra

Wer bei der Tafel einkaufen möchte, muss im Büro der Tafel über seine finanzielle Situation Auskunft geben, muss bedürftig sein. Dann erhält er einen Ausweis als Tafelkunde. So soll sichergestellt werden, dass nur die von den günstigen Konditionen profitieren, die das auch brauchen. Das sind in Wittlich wöchentlich etwa 130 Personen. Von den zwei Euro Gebühr bezahlt die Tafel Wittlich rund die Hälfte ihrer Kosten für Miete, Nebenkosten, Seife, Handschuhe oder das Auto der Tafel. Die andere Hälfte kommt durch Spenden zusammen.
Die Tafel engagiert sich über Lebensmittelversorgung hinaus: Im Sommer verschenkte sie Freibadgutscheine oder feierte den sogenannten Leseherbst, in dem sie Büchergutscheine für Kinder ausgab. Geöffnet hat die Wittlicher Tafel jeden Mittwoch von 9.15 Uhr bis 12.30 Uhr in der Sternbergstraße 2a. Meinung

Zwei Euro für die Würde?
Zwei Euro sind in diesem Fall sogar mehr wert als die im Extremfall umgerechneten 40 Euro Einkaufswert. Wollen die Tafeln auch das Beste, helfen sie doch, das Grundbedürfnis der Menschen nach Essen zu stillen, sorgt die Abhängigkeit von dieser aber für Scham. Wer dort über Stunden in der Schlange steht für Essen, das er dann teils nicht selbst aussuchen kann, sondern zugewiesen bekommt, der fühlt sich in der Regel auch gesellschaftlich eher am hinteren Ende der Schlange. Zwei Euro sind nicht nur wichtig, um den funktionalen Betrieb der Organisation Tafel mitzufinanzieren. Sie sind auch ein Symbol für Würde. Und die ist bekanntlich nicht nur unantastbar, sondern eins der höchsten Güter.
n.meyer@volksfreund.de