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Von der Mosel an den Zuckerhut in Rio

Von der Mosel an den Zuckerhut in Rio

Am Anfang interessierte Walter Reis aus Bullay eigentlich nur die Frage, wo die Wurzeln seiner Familie liegen. Inzwischen ist die Ahnenforschung für den 75-Jährigen allerdings zur Herzensangelegenheit geworden.

Bullay. Nach der Veröffentlichung einer ersten Familienchronik vor zwölf Jahren, erscheint jetzt ein zweiter Band über die Familien Reis aus Briedel, der sich in der Hauptsache mit den Auswanderern beschäftigt.
Dank Kirchenbüchern und Gerichtsunterlagen konnte Walter Reis die Chroniken seiner Vorfahren bis ins Jahr 1475 zurück verfolgen. Dabei stieß er immer wieder auf Personen, die Mitte des 19. Jahrhunderts aus Armut und Perspektivlosigkeit ihre Heimat an der Mosel verlassen mussten, um ihr Glück in Übersee zu suchen.
Da Brasilien in diesen Jahren im Aufbau steckte und Arbeitskräfte gesucht wurden, um die großen Urwaldflächen in Ackerland umzuwandeln, entschieden sich auch die Briedeler Ferdinand und Rosita Reis im Jahr 1872 dazu, die Heimat zu verlassen. Mit der Eisenbahn ging es zuerst von Koblenz nach Hamburg. Mit einem Segelschiff waren die Auswanderer dann 73 Tage auf offener See unterwegs, bevor sie den Hafen von Porto Alegre im fernen Brasilien erreichten. In der neuen Welt wurden die Deutschen herzlich aufgenommen, hatte man in Brasilien doch schon auf die fleißigen Arbeitskräfte gewartet. Jeder Familie wurde ein Stück Land im Urwald zugeteilt, das urbar gemacht werden musste. Einen Teil des abgeholzten Waldes durften die Bauern dazu verwenden, sich ein Haus zu bauen, der Rest musste abgegeben werden.
Verständigung klappt prima


Im Laufe der Jahre wuchsen die Familien, bauten größere Häuser und vergrößerten ihre Ländereien und wurden langsam heimisch. Auf mehr als 630 Seiten hat Walter Reis die Geschichten von 832 Familien zusammengetragen. 3673 Namen finden sich in der Reis\'schen Familienchronik wieder.
Mehr als zehn Mal hat Reis seine Namensvetter in Übersee bereits besucht. Die Verständigung klappt dabei hervorragend. "Mit den älteren Leuten kann man wunderbar Deutsch sprechen. Die können sogar noch unseren moselfränkischen Dialekt. Die Jüngeren sprechen allerdings nur Portugiesisch", erklärt Reis. Zu Beginn seiner Recherchen habe er häufig E-Mails an ihm bekannte Adressen in Brasilien geschrieben und habe sich gewundert, dass er keine Antwort bekam. "Bis ich dahinter kam, dass sie zwar Deutsch reden und verstehen, nicht aber lesen können", gesteht Reis mit einem Augenzwinkern. Seit einigen Jahren unterhält Walter Reis guten Kontakt zu Marino Jose Reis, der ihm bei den Recherchen zur neuen Familienchronik geholfen hat. "Rund 230 Seiten des Buches gehen auf Marinos Konto", erklärt Reis. Mehr als 120 neue Familien mit Namen Reis habe der Brasilianer in kurzer Zeit ausfindig gemacht. Seit dreizehn Jahren fliegt Walter Reis regelmäßig nach Brasilien, um die weitläufige Verwandtschaft zu treffen. Am Anfang kamen rund 200 Reis-Nachfahren zu den Treffen. Inzwischen seien es mehr als 420 Mitglieder, die zusammen feiern und sich austauschen, so Reis. Walter Reis ist fasziniert von den Schicksalen der einzelnen Familien. "Jede Person hat ihre eigene Geschichte, da könnte man noch mal ein Buch drüber schreiben", gesteht der Hobbyforscher.
Besonders stolz ist Walter Reis auf Anton Reis, der es als neuntes von zehn Kindern der Auswanderer Ferdinand und Rosina als Bischof zu Ruhm und Ehre gebracht hatte. In Santa Maria, der Heimatstadt des Bischofs, der 1960 im Alter von 74 Jahren verstarb, wurden eine Schule, eine Straße und ein Park nach dem Bischof benannt.
Im April wird Walter Reis noch einmal zu einem Familientreffen nach Brasilien reisen. Mit im Gepäck hat er dann auch die neue Familienchronik, die er den Reis-Familien vorstellen möchte. Neben einer Vorgeschichte, wie es zu der Auswanderungswelle kam und wie die Auswanderer es schafften, den neuen Kontinent zu erreichen, gibt es auch etliche Familienfotos von den Mitgliedern der Familie Reis, die heute in Brasilien zu Hause sind und einst an der Mosel beheimatet waren.