Von der Straße in den Zirkus

WITTLICH. Im Zirkus Upsala treten ehemalige Straßenkinder aus St. Petersburg auf. Sie sollen wieder in die Gesellschaft integriert werden. Am Mittwoch gastieren sie mit ihrem Spektakel zwischen Schauspiel und Artistik auf dem Marktplatz. Der Eintritt ist frei.

Vor wenigen Tagen trat der Zirkus Upsala, der gerade mit sieben seiner Mitglieder durch Deutschland tourt, auf der Hochzeit von Gesine Schwan auf. Morgen, Mittwoch, sind sie in Wittlich: Um 17 Uhr können Zirkusbegeisterte sehen, wie weit die ehemaligen Straßenkinder aus St. Petersburg es inzwischen artistisch gebracht haben. Es handelt sich bei diesem Zirkus um ein internationales Sozialprojekt: Profis und Laien, Russen und Deutsche arbeiten gemeinsam am großen Ziel, Kinder und Jugendliche zwischen fünf und 18 Jahren, die bereits auf der Straße gelandet waren, wieder in die Gesellschaft einzugliedern. Das hört sich einfacher an als es ist. Arbeitslosigkeit, Abhängigkeit, Armut der Eltern, riesige schulische Lücken und nicht zuletzt rechtliche Hindernisse zur Erziehung von Straßenkindern erschweren oft den Weg zurück. Doch auch, wenn die Rückführung zu den eigenen Eltern nicht ohne Weiteres klappt, finden die Sozialarbeiter, allen voran die Deutsche Astrid Schorn, einen Weg für den Einzelnen. Internate, Pflegefamilien, Kinderheime oder auch ein Vormund sind Möglichkeiten, die den Projektteilnehmern offen stehen. In der Region ist es der Creativ Kreis International CKI (Präsidentin ist Gertrud Rittmann-Fischer aus Himmerod), der den Zirkus-Auftritt in Wittlich ermöglicht. Das notwendige Geld für Transport, Unterbringung und Verpflegung haben fünf Geschäftsleute gesammelt, die ihre Läden in der Rudolf-Diesel-Straße in Wittlich haben. Initiator war Alfred Spang, der zweite Vorsitzende des CKI. "Wir waren im Juni 2003 im Rahmen des zwischen Putin und Rau vereinbarten Kulturaustauschs in St. Petersburg", berichtet er. Dort habe er den Zirkus Upsala kennen gelernt. Damals hatten die Deutschen Kleidung für Bedürftige mit nach Russland gebracht. Nach der Empfehlung eines Bekannten lieferten sie die Kleider im Zirkus ab. Als Dankeschön luden die Artisten zur Sondervorstellung.Statt Millionenmetropole "nur" die Kreisstadt

Der Auftritt in einer so kleinen Stadt wie Wittlich ist alles andere als selbstverständlich; normalerweise stehen eher Millionenstädte auf dem Tourneeplan. Sieben Jugendliche sind mit von der Partie. Sie präsentieren kein aus einzelnen, unabhängig voneinander existierenden Nummern bestehendes Programm, sondern sie erzählen eine in sich geschlossene Geschichte mit Bezug zum eigenen Lebensumfeld. Viele hatten zu Hause wenig zu lachen - bis die Sozialarbeiter sie ansprachen und sie für eine Mitarbeit im Zirkus motivieren konnten. Dort trainieren nun täglich rund 35 Kinder, die sich in allen Bereichen der Artistik ausprobieren dürfen. Duschen und essen können sie im Zirkus, und abends geht es wieder nach Hause, jedenfalls im Idealfall. Einmal im Monat tritt die bunte Truppe dann vor Publikum auf. 15 Kinder gelten bereits als erfolgreich in die Gesellschaft re-integriert. Alfred Spang sieht sich bei allem Einsatz für die jungen Russen nicht als Mann mit klassischem Helfersyndrom. Beide Seiten können seiner Meinung nach voneinander lernen und sich gegenseitig befruchten. "Dieser erste Auftritt in Wittlich soll nur der Anfang eines stetigen Kontaktes sein", sagt Spang. Sein Wunsch: Diese Verbindung soll sich in der Zukunft ganz von selbst trägt. Aufführung: Mittwoch, 8. September, 17 Uhr, Marktplatz. Eintritt frei.