Von der Zwangsehe zum Zweckbündnis

MALBORN/THIERGARTEN. Kommunalpolitische Bündnisse sind nur in Ausnahmefällen Liebesheiraten, meist eher Vernunftehen. Im Falle der "Eingemeindung" von Thiergarten nach Malborn darf man getrost von einer Zwangsverbindung sprechen, wie sie heute nur noch in anderen Kulturkreisen vorkommt.

"Die Einverleibung Thiergartens in den Gemeindeverband von Malborn war ein willkürlicher Verwaltungsakt", schreibt der Malborner Lehrer Hermann Arend im "Schellemann", der Zeitschrift des Kulturgeschichtlichen Vereins Hochwald. Während der französischen Herrschaft hatte das Hofgut und später die Gemeinde Thiergarten zur Bürgermeisterei Hermeskeil gehört. Doch dort war man ebenso wenig "glücklich" mit der Zuständigkeit für Thiergarten wie später in Malborn. Die Einwohner der "Colonie", wie der Ort früher hieß, waren Nachfahren von Wallonen, die bei Züsch als Holzhauer, Köhler und Hüttenarbeiter tätig gewesen waren. Mit der Schließung der Hüttenbetriebe war den Arbeitern die Existenzgrundlage genommen worden. Die Wurzeln des Ortes sind allerdings älter. Im 14. Jahrhundert, lange bevor es den Ort Thiergarten gab, entstand dort eine Kapelle. Sie wurde Keimzelle für ein Franziskanerkloster im "Wüstenbrül", das im 16. Jahrhundert von den geistlichen Brüdern wieder verlassen wurde. Auch Jesuiten waren zeitweilig dort. Später erwarb der letzte wild- und rheingräfliche Amtmann Wilhelm Heusner in Dhronecken das Gut. 1817 ging es für 17 000 Franken an 17 Züscher Bürger über. Nach und nach wurden die 238 Morgen an noch ärmere Leute weiterverkauft, wie Kurt Bach vom Kulturgeschichtlichen Verein erzählt. Von der Mentalität her passten sie so gar nicht zu den Bauern in Malborn. In Thiergarten habe erbärmliche Not geherrscht, sagt er. Man lebte in Baracken. Teilweise hätten acht bis zehn Menschen in einem Zimmer geschlafen. Es sei geklaut worden "wie verrückt": Holz, Wild, Früchte vom Feld. Auch in Notzeiten seien die Landwirte besser dran gewesen. 1834 ist erstmals die Rede von "Thiergarten, Gemeinde Malborn", heißt es in der Ortschronik von Willi Schmitt und Kurt Bach. Doch wann die Neuordnung geschah, ist nicht zu klären. Definitiv ist allerdings die Ablehnung der Malborner gegen den Verwaltungsakt. In zahlreichen Anträgen an die Königliche Regierung weisen die Malborner jedenfalls darauf hin, dass die "Colonie" widerrechtlich einverleibt worden sei. In den Jahren 1840 bis 1862 betrieb man immer wieder die Trennung. Denn der aufgezwungene Partner lag der Gemeinde auf der Tasche. Sie sollte für die Armenfürsorge aufkommen, doch sie wollte es nicht. Auch Gesuche der ungeliebten Siedler, Brennholz aus dem Wald zu holen, wurden entschieden abgelehnt. Als ein Thiergartener ohne Erlaubnis Holz gesammelt hatte, erwog man gar, dem Mann zur Strafe die Hütte einzureißen. So eilig hatten es die Malborner, ihrem Teilort zur Selbstständigkeit zu verhelfen, dass sie sogar eine Petition an den Thalfanger Bürgermeister schickten. 60 Bürger forderten die Entsendung eines Geometers wegen Grenzsteinen, um die Rechte der Malborner zu schützen. Doch die Bemühungen, den Teilort vom Hauptort loszutrennen, blieben erfolglos. Der Oberpräsident der Rheinprovinz besiegelte dies letztlich. Die Spannungen waren damit nicht vom Tisch. 60 Jahre später, so schildert es Arend, kam es zu einem Gerangel um den Bau einer Wasserleitung in Thiergarten, das gerichtlich entschieden werden musste. Mischehen waren die absolute Ausnahme

Dass keine großen Sympathien zwischen den Orten herrschten, belegt auch die Tatsache, dass Ehen zwischen Malbornern und Thiergartenern im 19. Jahrhundert die absolute Ausnahme waren. "Das ist inzwischen natürlich anders", versichert die Ortsbürgermeisterin Gabriele Neurohr. Heute sitzen Malborner und Thiergartener auch gemeinsam im Gemeinderat. Und aus dem gemeinsamen kommunalen Haushalt wird beispielsweise das Bürgerhaus in Thiergarten finanziert. Von offiziellen "Scheidungsabsichten" ist heute keine Rede mehr. Oder wie es die Bürgermeisterin ausdrückt: "Wenn wir mal keine anderen Probleme mehr haben, dann befassen wir uns damit." Wie könnte die Gemeinde Malborn im Jahr 2020 aussehen? Wird Thiergarten noch immer zu Malborn gehören? Oder hat inzwischen die "Scheidung" stattgefunden? Mailen Sie uns Ihre Zukunftsvorstellungen (maximal 30 Zeilen á 32 Anschläge) bis Donnerstag, 4. November an hunsrueck@volksfreund.de oder faxen Sie an 06503/981625. Namen und Adresse bitte nicht vergessen.