Von einem, der auszog, das Bewirten zu lernen

Wittlich/Berlin · Im angeblich verflixten siebten Jahr erinnert sich Ansgar Oberholz an eine Liebe auf den ersten Blick: Der Roman "Für hier oder zum Mitnehmen?" würdigt die Folgen seiner existenziellen Begegnung mit der Berliner Ex-Gaststätte Aschinger Bierquelle. Ein Ort, der in Döblins Berlin Alexanderplatz verewigt und 2005 als Café St. Oberholz wieder lebendig geworden ist.

Wittlich/Berlin. "Das Haus ruft mich". Ein kleiner, einfacher Satz ist der Beginn einer großen Geschichte. Ansgar Oberholz hat sie erlebt und aufgeschrieben. Und er hat einen schönen Ton gefunden: Der Blick distanziert und doch dem kleinen Besonderen zugeneigt, eine weisen Narren eigene Naivität des Ich-Erzählers wählend, die nicht aufgesetzt sondern wahrhaftig scheint.
Vielleicht erlebt so ein großes Kind die Welt. Denn nur wer ein großer Kindskopf ist, begibt sich auf das existenzielle Abenteuer, in der Hauptstadt als totaler Laie eine Gaststätte zu gründen. Nicht einfach so. Nein. Sondern weil ein Haus ruft, ein Haus in Berlin, das der Romanfigur Franz Biberkopf Gaststätte war und das es wirklich gibt.
Und seit 2005 gibt\'s dort wieder eine Gaststätte. Sie heißt St. Oberholz, ist schon jetzt das, was man vielleicht mit "legendär" einfach erklären kann und hat neben ihrer realen Existenz nun auch eine literarische. Schöner Kreislauf, schöner Zufall.
"Für hier oder zum Mitnehmen?" heißt der Roman, den Ansgar Oberholz über die Startzeit seines besonderen Cafés geschrieben hat. Eine abenteuerliche Geschichte, amüsant, überraschend, persönlich, bunt, menschenfreundlich.
Da hat jemand genau und gerne hingesehen und erzählt, was er erlebt hat: ein Stück Leben als Literatur, also ein Kunststück. Kann ganz schön schiefgehen. Hier hat\'s geklappt.
Zum Café-Romanprojekt und seiner alten Heimat Wittlich (ja, sie kommt im Buch vor) hat TV-Redakteurin Sonja Sünnen den Autor befragt.

Ansgar Oberholz, Für hier oder zum Mitnehmen? St. Oberholz - der Roman, 238 Seiten, Ullstein extra, Berlin 2012, 14,99 Euro.

Ist ja schon ein Ding, zu entscheiden: Etwas aus dem eigenen Leben taugt zum Roman! Wie kommt man denn darauf?
Oberholz: Ich reibe mir auch immer noch die Augen! Es war und ist ein aufregendes Abenteuer.

Ein guter Abenteurer zu werden, ist ein Motiv des Romans, wie weit hat es der Autor denn mittlerweile in dieser Lebenskunst gebracht?
Oberholz: Der Protagonist im Roman hat immer wieder Probleme, gesunde Grenzen zu setzen in den verschiedenen Beziehungen, zu Gästen und auch zu Mitarbeitern, er verstrickt sich unglückselig. Am Ende des Textes gibt es aber berechtigte Hoffnung, dass er es vielleicht in Zukunft besser hinbekommen könnte. Das war ein wichtiges Thema in meiner persönlichen Entwicklung, daher wollte ich das unbedingt verarbeiten. Ich glaube, heute ist der Autor ein guter Abenteurer, aber dieser Prozess endet wohl nie so ganz.

Es soll ja Menschen mit vielen Talenten geben, offensichtlich trifft das auf Sie zu. Was macht man nur damit? Eine Idee für junge Wagemutige?
Oberholz: Mehr dem Bauch als dem Verstand folgen, ohne den Verstand auszuschalten. Scheitern ist auch eine Chance. Und: keine Schönheit ohne Gefahr.

Und nun zu Wittlich. Wir sind ja eine Lokalzeitung. Bitte vervollständigen Sie: St. Markus …
Oberholz: … ist der Ort, an dem ich glaubte, als Messdiener einmal eine Gotteserscheinung gehabt zu haben, bis ich im Biologieunterricht im Peter-Wust-Gymnasium vom Nachbild auf der Netzhaut hörte und ich durch Starren auf einen Punkt diese Gotteserscheinung jederzeit wiederholen konnte.

St. Oberholz …
Oberholz: … ist der Ort, an dem mir Gott dann wirklich erschienen ist und mir und unseren Gästen jeden Tag das Wunder ermöglicht, ohne Kabel mit dem Internet verbunden zu sein. Allerdings war ich seitdem auch nicht mehr im Biologieunterricht.

Ihr Roman beginnt mit einer Erinnerung an einen fiktiveren Roman, Berlin Alexanderplatz …
Oberholz: Ich wünschte, Alfred Döblin könnte meinen Text lesen!

Wie ist es denn so um die wechselseitige Beziehung von Leben/Literatur im Leben des Ansgar Oberholz über dieses Buchprojekt hinaus bestellt?
Oberholz: Gestern kam eine ältere Dame mit dem Roman, aus dem einige Post-It-Markierungen ragten, in das Café und kontrollierte Textstellen, um zu erfahren, wie viel Fiktion in dem Text steckt. Sie fragte nach mir und wollte ein Autogramm haben. Unsere Mitarbeiter und ich kommen uns zunehmend vor, als würden wir in einer Filmkulisse arbeiten.

Irgendwie geht es ja im Roman auch um die eigenwillige Wirkung eines Ortes. Was ist da dran? Welchen ähnlich famosen Ort gibt\'s in der Heimatstadt?
Oberholz: Ich glaube an die Magie der Orte und daran, dass es wichtig ist, zu wissen, was war, damit man heute verantwortungsvoll neue Dinge beginnen kann, ohne das Alte zu verraten.
Als Kind dachte ich, dass das Tor, in dem die verhängnisvolle Mohrrübe steckte, oben direkt neben dem Türmchen gewesen sei, bis ich im Geschichtsunterricht in der Grundschule am Jahnplatz die Wahrheit erfuhr. Aber trotzdem sehe ich heute immer noch einen schlafenden Nachtwächter und hereinstürmende Soldaten, wenn ich am Türmchen vorbeikomme.

Wie viel 20er-Jahre-Gefühl gibt\'s noch in Berlin und gab es in Wittlich womöglich?
Oberholz: In der Berliner Volksbühne findet man das Gefühl in Reinform, auch bei manchen Veranstaltungen, die nicht ganz klassische Theateraufführungen sind. Und für mich war es immer im alten Gasthaus Kaienburg in der Wittlicher Oberstraße zu spüren, auch wenn das Haus und teilweise das Interieur vermutlich älter sind. Neulich hatte ich versucht, Zutritt zu erlangen, um vielleicht in paar alte Gegenstände vor dem Abriss zu retten.

Was hat eigentlich Klamotte zum Roman gesagt? (Klamotte spielt als Berliner Handwerker für alles eine zentrale Rolle im Roman, Anmerkung der Redaktion)
Oberholz: Klamotte hat gesagt: "Alter, nu haste ooch noch dit janze Leid uffjeschrieben. Wenn ick dit meener Keule erzähle, die fällt vom Jlooben ab. Ihr Wessis tickt doch nich janz richtich."Extra

Ansgar Oberholz, geboren 1972 in Stolberg bei Aachen, von 1975 bis 1992 in Wittlich aufgewachsen, lebt seit 20 Jahren in Berlin. Das Studium der Physik, Mathematik, Informatik, Philosophie und leider auch der Forensik brachte er nicht zu einem erfolgreichen Abschluss - zu groß waren die Ablenkungen jener Zeit. Die Nebentätigkeiten als Musiker, Softwareproduzent und Modelagenturbetreiber nahmen zu viel Raum ein. Heute gilt Oberholz in den Medien als Veteran der Entrepreneurszene und als Experte für Phänomene des neuen Arbeitens. Niemand weiß aber, ob er es auch ist. In Berlin unterstützt ihn Geschäftspartnerin Koulla Louca, ebenfalls Wittlicherin. Für seine Zeit in Wittlich sicher ist folgender Werdegang: Kindergarten St. Markus, Grundschule Jahnplatz, Peter-Wust-Gymnasium und Zivildienst "Essen auf Rädern" bei der Caritas in Wittlich. red/sos

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