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Geschichte: Von Wittlich nach Kansas City

Geschichte : Von Wittlich nach Kansas City

Vor 125 Jahren haben die gebürtigen Eifeler Sigmund und Emil Stulz einen Spirituosen-Großhandel in den USA eröffnet. Die Firma belieferte Kunden in allen Teilen des Landes.

„Wo man singt, da lass Dich ruhig nieder! Böse Menschen haben keine Lieder.“ Unter diesem Motto veröffentlichten die amerikanischen Spirituosen-Großhändler Stulz Brothers um 1913 ein Liederbuch als Werbegeschenk für treue Handelspartner und Kunden. Das Bemerkenswerte daran: Da die meisten Kunden des Unternehmens deutschstämmige US-Bürger waren, wurde die gesamte Liedersammlung in deutscher Sprache verfasst.

Das 240-seitige Werk sollte sowohl zum Erhalt der vaterländischen Sprachkultur beitragen als auch die Liebe der Herausgeber zu ihrer alten Heimat ausdrücken. Denn die beiden jüdischen Emigranten pflegten zeitlebens eine patriotische Beziehung zu Deutschland.

Firmenchef Sigmund Carl Stulz kam am 8. August 1860 als zweiter Sohn des Geschäftsmanns Wilhelm Benjamin Stulz (1827-1908) und dessen Ehefrau Bertha (geborene Deutz, 1832-1926) in Wittlich auf die Welt. 1886 wanderte der junge Kaufmannssohn nach  Amerika aus.

Dort lebte er zunächst in den Großstädten New York und St. Louis. Später siedelte der Deutsch-Amerikaner nach Kansas City, Missouri, über und nahm eine Anstellung beim Unternehmen Bernheimer Brothers an.

1893 gründete der frühere Wittlicher mit seinem jüngeren Bruder Emil Arnold (1864-1917) die „Stulz Brothers Liquor Company“ in der West Fifth Street, Kansas City. Da das Geschäft rasch expandierte, zog der Betrieb 1898 an die Main Street 1416-1418 in Kansas City um.

Um 1910 verlegte die Firma ihren Sitz erneut und bezog ein größeres, vierstöckiges Gebäude am SW Boulevard. Die geräumige Kellerei beherbergte ein riesiges Fass- und Flaschenlager mit einer Kapazität von über 1,4 Millionen Litern (siehe Bild). Das vielfältige Warenangebot an Whisky und Bier setzte sich aus mehreren namhaften amerikanischen Markenlabeln sowie Eigenmarken zusammen. Zu den beliebtesten Produkten gehörten: „Peacock Rye“, „Mocking Bird Whiskey“, „Stulz Brothers Autograph“ oder „Gutschluck Beer“.

Darüber hinaus verfügte das Unternehmen über ein umfangreiches Angebot an Weinen. Dazu zählten auch Moselweine, die als „gut bekömmliche Weine für schwache Mägen“ beworben wurden. Laut einer Werbeanzeige war Stulz Bros. einst „das größte Weinhandelshaus westlich von Chicago“.

Die Gebrüder Stulz legten stets großen Wert darauf, ihre Haltung gegenüber den amerikanischen „Whiskey Trusts“ (Monopole in der Whiskyindustrie) zu betonen: „Die Trusts unterdrücken die Bauern, den Geschäftsmann, den Handwerker, Arbeiter. Wir haben nichts mit den Trusts zu thun.“

Firmenchef Sigmund engagierte sich überdies für verschiedene Wohltätigkeitsvereine in seiner Wahlheimat und spendete jedes Jahr ein Zehntel seines Einkommens für gemeinnützige Zwecke.

Darüber hinaus arbeitete er als Schatzmeister des Einwanderungsbüros, als Präsident der German Men’s Relief Society (Unterstützungsverein Deutscher Männer) und als Präsident des jüdischen Ordens B‘nai B‘rith („Söhne des Bundes“).

Während des Ersten Weltkrieges gab Stulz Bros. den firmeneigenen Brauereibetrieb auf und zog in die Main Street 2043 um.

Nach dem frühen Tod seines Bruders Emil am 17. Februar 1917 führte Sigmund den Großhandel noch bis 1918 alleine weiter.

Zehn Jahre später starb der deutsch-amerikanische Unternehmer am 23. Juli 1928 in Kansas City. Er ahnte nichts von der späteren systematischen Judenverfolgung durch die Nationalsozialisten, worunter seine Geschwister zu leiden hatten. Bruder Otto floh nach Palästina. Die Schwestern Rosa und Pauline verloren ihr Leben (siehe Extra).