Vor 90 Jahren gegründet: die Wittlicher Aufbauschule

Wittlich · Die Wittlicher Aufbauschule, das spätere Cusanus-Gymnasium, wurde vor 90 Jahren gegründet. Aus diesem Anlass hat sich Franz-Josef Schmit mit den ehemaligen jüdischen Schülern der Anstalt und ihrem Werdegang beschäftigt.

Wittlich. Der Kaufmannsohn Kurt Günther war der erste jüdische Schüler, der 1925 an der im April 1922 gegründeten Aufbauschule aufgenommen wurde. Zuvor hatte er wie die meisten Schüler aus den Anfangsjahren der Anstalt die Höhere Stadtschule in der Karrstraße besucht. Im Jahr 1928 legten erstmals zwölf Schüler ihr Abitur an der inzwischen in "Cusanus-Schule" umbenannten Schule ab.
Stadt- geschichte(n)


Bis 1935 lernten zehn Jungen und drei Mädchen aus jüdischen Familien der Stadt in den Räumen des ehemaligen Lehrerseminars, dem "Roten Kasten", in der Kurfürstenstraße. Hans Fred Ermann und Elise Marcks waren 1932 die ersten jüdischen Abiturienten in Wittlich. Bis dahin hatten schon einige begabte Kinder aus Wittlicher Familien - darunter auch einige Juden - ihre Reifeprüfung in Trier und anderen Städten abgelegt.
Hans Siegfried Ermann, Sohn eines Schneidermeisters, war der letzte jüdische Abiturient 1933. Er konnte noch bis 1938 als Volksschullehrer in Berlin arbeiten und emigrierte nach Palästina, wo er viele Jahre Schulleiter in Tel Aviv war. Später in den USA wirkte er als Schulrat für jüdische Schulen.
Den Weg zum Abitur selbst verbaut hatte sich der 1915 in Wittlich geborene Kurt Ermann. Um den bereits 1932 spürbaren Einschüchterungsversuchen einiger national gesinnter Schüler etwas entgegenzusetzen, hatte Ermann eine Pistole seines Großvaters aus dem Ersten Weltkrieg mitgebracht. Ein Schuss löste sich in der Klasse, und Ermann und einer seiner Kontrahenten erhielten einen Schulverweis. Geschadet hat ihm das nicht: In Paris lernte er Koch, emigrierte in die USA und kam als Dolmetscher der US-Armee wieder bei Kriegsende nach Wittlich, was bei einigen Wittlicher Nazis ziemliches Entsetzen auslöste.
In den 50er Jahren avancierte Ermann zum Chefkoch des renommierten "Waldorf-Astoria"-Hotels in New York und hat in dieser Funktion so ziemlich alle von Rang und Namen bekocht, wie er dem Verfasser einmal in bestem Wittlicher Platt nicht ohne Stolz berichtete.
Ermanns jüngere Schwester Hilde verließ 1935 die "Cusanus-Schule". Damit war die Anstalt nach damaliger Diktion "judenrein" und die Schülerschaft zu hundert Prozent in den NS-Organisationen wie Hitlerjugend (HJ) und Bund Deutscher Mädel organisiert. Somit durfte man an nationalen Feiertagen die HJ-Fahne hissen und im HJ-Dienstanzug zum Unterricht erscheinen. Franz-Josef Schmit