"Vorstellen kann sich das keiner"

Am 2. Februar 2003 berichtete der Trierische Volksfreund über den Irmenacher Fritz Schmidt, der 60 Jahre zuvor als einer der letzten deutschen Soldaten aus dem Kessel von Stalingrad ausgeflogen wurde. Das war der Anstoß für den Hunsrücker, seine erschütternden Erlebnisse in einem Buch festzuhalten, das der TV genau ein Jahr später den Lesern vorstellte. Im Wolfer Kirchsaal las Stefan Kritten jetzt im Beisein des Autors aus dem Werk "Siehst du im Osten das Morgenrot?".

 Stefan Kritten las in Wolf aus dem Buch des Stalingradkämpfers Fritz Schmidt (rechts). Der Hunsrücker entkam als 20-jähriger Wehrmachtssoldat dem Kessel von Stalingrad, als er mit einer der letzten Maschinen ausgeflogen wurde. TV-Foto: Gerda Knorrn-Belitz

Stefan Kritten las in Wolf aus dem Buch des Stalingradkämpfers Fritz Schmidt (rechts). Der Hunsrücker entkam als 20-jähriger Wehrmachtssoldat dem Kessel von Stalingrad, als er mit einer der letzten Maschinen ausgeflogen wurde. TV-Foto: Gerda Knorrn-Belitz

Traben-Trarbach/Wolf. "Kein Buch habe ich so oft vorgestellt", sagte der Lehrer und Autor Kritten, der als versierter Vorleser schon viele Zuhörer in seinen Bann gezogen hat und auch in Wolf auf ein interessiertes Publikum stieß. Viele Male hat er sich in die Lektüre über Jahre der Jugend, Krieg und Gefangenschaft in Russland von Fritz Schmidt vertieft, "und ich bin noch nicht fertig damit". Der Landwirt im Ruhestand hat in der Tat ein bewegendes Buch geschrieben, das unter die Haut geht und den Leser mitreißt.

"Der Kampf ums Überleben kannte keine Grenze mehr"



Als 18-Jähriger wird er zum Militär eingezogen, zwei Jahre später ist er in der Hölle von Stalingrad und muss unzählige Male um sein junges Leben bangen. Bei einem toten Kameraden entdeckt er einen Beutel mit Brot. "Das höchste, was es im Stalingrader Kessel noch geben konnte, lag vor mir", schreibt Schmidt, und er schildert, wie er unbeobachtet unter der Decke seinen Hunger stillt. "Es durfte niemand etwas davon bemerken, denn der Kampf ums Überleben kannte hier keine Grenzen mehr."

"Es gehört Mut dazu, so etwas zu schildern", merkte Kritten respektvoll an. "Es war eine ganz heftige Art, wie die Menschen damals gefordert waren". Schonungslos schildert Schmidt in seinem Buch die grausamen Ereignisse, die sich in seine Seele einbrannten. "Man kann diese Erlebnisse nicht so einfach verschwinden lassen", sagte der Zeitzeuge, dessen Buch bereits in der dritten Auflage erschienen ist.

In Wolf las Kritten auch eine Passage aus dem Buch von Ewald Pick, der seine vier Jahre währende Gefangenschaft in Sibrien festgehalten hat. "Ich habe mich bemüht, das, was der Leser mit Schrecken auffassen könnte, nicht aufzuschreiben", sagte der 85-jährige Andeler, und Kritten ergänzte: "Aber man liest es zwischen den Zeilen."

Vor genau 60 Jahren, am 2. April 1949, kehrte der 27-jährige Fritz Schmidt aus russischer Gefangenschaft zurück in sein Heimatdorf Horbruch. Ein Jahr dauerte es, bis der kranke und erschöpfte junge Mann sich wieder in den Alltag ein gelebt hatte und arbeiten konnte.

Heute ist er 87 Jahre alt und freut sich, dass er mit Ehefrau Elli einen langen Lebensabend genießen kann. Von seinen Erlebnissen in Stalingrad sagt er, dass man das erzählen kann, "aber vorstellen kann sich das keiner".

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