Wachsam sein

"Hier konnte niemand sonst Einlass erhalten, denn dieser Eingang war nur für dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schließe ihn." So endet Franz Kafkas Erzählung "Vor dem Gesetz". Und das Leben eines Mannes, der sich bis zu seinem Tod von einem Türhüter davon abhalten lässt, sich Eintritt in das Haus des Gesetzes zu verschaffen.

Es ist eine Parabel für verschwendete Zeit und für vergeudetes Leben. Die Erzählung malt das Bild eines Menschen, der bis zu seinem Tod nicht erkennt, dass der Schlüssel zum Leben in ihm selbst ist. Es gibt Dinge, die nur wir selbst in die Hand nehmen können, die wir nicht delegieren, nicht teilen können. Wir können unser Leben nicht von anderen leben lassen. Für alles, was wir tun und auch nicht tun, tragen nur wir die Verantwortung. Jesus mahnt uns an, "wachsam" zu sein. Mit wachen Augen durch das Leben zu gehen. Was wir heute erledigen können, nicht auf morgen zu verschieben. Wachsam zu sein für den Anruf Gottes in uns. Das heißt auch: Wir sollen uns unserer Fähigkeiten bewusst sein und sie auch einsetzen, zum Wohle anderer und für unser eigenes Selbstverständnis. Für die Achtung, die wir uns selbst entgegenbringen. Diese Eigenliebe ist Teil der Nächstenliebe und hat nichts zu tun mit Egoismus. Ohne Achtsamkeit für uns gibt es keine Achtsamkeit anderen gegenüber. "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben" - dieser Ausspruch enthält einen Funken Wahrheit. Wenn man seine eigenen Interessen nicht einfordert, darf man sich nicht wundern, übersehen zu werden. Man kann beispielsweise nicht laut darüber klagen, bestimmte Dinge besser zu können, wenn man andere nie davon überzeugt hat, dass dem auch wirklich so ist. Jeder hat seine eigene Tür zum Leben, die nur für ihn geöffnet ist. Harald Müller-Baußmann, Morbach, Diakon