Wagenbauer in Niersbach ärgern sich wegen verschärfter Vorschriften für Motivwagen

Brauchtum : Viele müssen nachrüsten

Die Niersbacher Wagenbauer sind sauer aufgrund der Vorschriften für Motivwagen bei Brauchtumsfahrten, die strenger kontro­lliert werden. Ortsbürger­meister Hans Josef Weirich fürchtet das Ende des traditionellen Erntedankumzuges.

Äußerlich unaufgeregt stehen mehrere Fahrer von Zugmaschinen und Anhänger vor dem Gemeindehaus in Niersbach. Doch bei einigen von ihnen brodelt es innerlich. Denn es ist fraglich, ob sie mit ihren Gefährten am Erntedankumzug am 8. September teilnehmen können. Grund sind Vorgaben vom zuständigen Ministerium in Mainz, nach denen die technischen Voraussetzungen für Motivwagen bei Umzügen stärker kontrolliert und eingehalten werden sollen.

Lothar Hansen von der Dekra erläutert den Männern nochmals die wichtigsten Regelungen. Beispielsweise brauchen alle Zugmaschinen für Motivwagen, auf denen Personen befördert werden, eine Genehmigung. Alle Fahrzeuge müssen eine Versicherung und eine Betriebserlaubnis vorweisen. Zusätzlich müssen die Gespanne die Verkehrssicherheit nachweisen. Wenn dies gegeben ist, erhalten auch die teilweise selbst zusammenzimmerten Anhänger ausnahmsweise nochmal eine Bescheinigung, dass sie am Erntedankfest als Brauchtumsveranstaltung teilnehmen können. „Ab nächstes Jahr geht das nicht mehr“, sagt Hansen.

Insbesondere geht es um Anhänger, auf denen Personen mitfahren, erklärt er. „Reine Dekowagen, bei denen ein PKW oder Traktor einen genehmigten Anhänger ziehen, brauchen nichts zu machen“, sagt er. Heute nimmt der Dekra-Sachverständige die Zugmaschinen samt Anhänger unter die Lupe. Beim Gespann von Udo Mayer hat er keine Einwände. Denn der angemeldete Anhänger mit Doppelachse ist sichtlich neu. „Der Wagen ist vorbildlich“, sagt er. „Super! So sollte ein Gespann sein.“

Doch beim Anhänger von Kevin Nonnweiler, bei dem noch Aufbauten vom vorangegangenen Festzug von vor drei Jahren zu sehen sind, sieht es schlechter aus. Der Anhänger hat keine Bremsen, die Deichsel ist verändert, stellt Hansen fest. Aufgrund einer Sonderregelung kann der Sachverständige für dieses Jahr noch eine Ausnahme machen. „Doch nächstes Jahr ist der Wagen raus“, sagt er. Alle Fahrzeuge, die ab 2020 keine eigene Betriebsbremse besitzen, dürfen dann für Brauchtumsumzüge nicht mehr verwendet werden. Bei der genauen Inaugenscheinnahme stellt der Dekra-Prüfer fest, dass ein Reifen schlecht ist. „Sieh zu, dass Du einen anderen Reifen draufkriegst“, sagt er. Sonst bekommt Nonnweiler schon für dieses Jahr keine Bescheinigung.

Das gleiche sagt er zu Jürgen Hofer, als er dessen ehemaligen Kuhwagen inspiziert. Dieses Jahr kann er diesem noch einmal eine Bescheinigung ausstellen, aber nur, wenn ein schlechter Reifen ersetzt wird.

Insgesamt fallen die Voruntersuchungen schlecht aus. Lediglich einer der sieben vorgestellten Wagen ist einwandfrei. Hinzu kommt ein Zugteilnehmer, der dem Sachverständigen vorab Papiere geschickt hat und dessen Gespann unproblematisch ist. Doch für fünf Anhänger wird es das letzte Mal sein.

Was bei den meisten Akteuren, die sich dieses Jahr beim Umzug mit einem Motivwagen beteiligen wollen, einen faden Beigeschmack hinterlässt. Udo Mayer findet die strengen Regelungen zwar gut. „Es braucht nur ein Hänger wegzugehen. Dann haben wir Personenschäden“, sagt er. Doch Kevin Nonnweiler sieht es kritischer. „Einerseits ist es richtig, andererseits aber übertrieben“, sagt er. Er hat noch nie mitbekommen, dass bei einem vergleichbaren Umzug etwas passiert sei, weil ein Wagen nicht in Ordnung gewesen sei. „Die, die die Wagen bauen, wollen doch keinem schaden“, sagt Jürgen Hofer, der die Regelungen ebenfalls für „total übertrieben“ findet. „Die Leute verlieren die Lust. Wir investieren Geld, um das Brauchtum zu erhalten und bekommen dann noch Extrakosten für die Genehmigung aufgebrummt.“

Ortsbürgermeister Hans-Josef Weirich kann den Unmut seiner Zugteilnehmer nachvollziehen. „Es muss unterschieden werden, ob es Weinbergsfahrten sind oder Umzüge, bei denen im Schritttempo gefahren wird“, sagt er. „Die Leute wollen doch selber, dass ihre Wagen sicher sind und achten darauf.“ Bei dem Umzug in Niersbach, der alle drei Jahre stattfindet, seien sonst zwischen 16 und 20 Wagen mitgefahren.

Dieses Jahr seien bisher mit zwölf Anmeldungen deutlich weniger gekommen. Die Besucher seien in Niersbach einen gewissen Standard gewohnt. „Mit nur acht Wagen brauchen wir nicht zu fahren“, sagt Weirich. Für die Zukunft sei ein Umlagemodell denkbar, dass die Wagenbauer neben den Kosten für den Aufbau nicht noch die Kosten für die Genehmigungen tragen müssen. In diesem Jahr soll der Umzug trotz aller Widrigkeiten nochmal stattfinden. Doch seien viele dafür genutzte Wagen inzwischen zu alt. Weirich: „Ich habe die Befürchtung, dass es der letzte Umzug sein wird.“

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