Wahl-Wittlicher spielte beim Attentat auf Adolf Hitler eine Rolle

Geschichte : Ein Wahl-Wittlicher und der 20. Juli 1944

Ein Mann, der fast 50 Jahre mit seiner Familie in der Eifel  lebte, spielte eine wichtige Rolle nach dem Attentat der Männer um Claus Schenk Graf von Stauffenberg auf Adolf Hitler.

Die Vorgänge um den 20. Juli 1944 können 75 Jahre danach als weitgehend bekannt vorausgesetzt werden – dazu zählen die Gründe, warum ausgerechnet Hitler bei der Explosion der Bombe nur leicht verletzt wurde und warum die im Berliner Bendler-Block ausgelöste „Operation Walküre“ nicht den von den Verschwörern erhofften Erfolg brachte. Weitaus weniger bekannt dürfte sein, wie es hitlertreuen, in die Attentatspläne nicht eingeweihten Offizieren im Oberkommando des Heeres (OKH) im Laufe des Abends gelungen ist, den Kopf des Widerstandes, den 37-jährigen Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg, und die anderen Spitzen des militärischen Widerstands festzunehmen und den von den Verschwörern schon am Nachmittag festgesetzten Generaloberst Fromm, Befehlshaber des Ersatzheeres und ranghöchster Offizier in Berlin, zu befreien. Hier kommt ein Mann ins Spiel, der seit Juni 1949 mit seiner Familie in Wittlich lebte, wo er 1996 verstorben ist. Die Rede ist von Generalleutnant Franz Herber.

Von der Polizei in den Generalstab des Heeres Franz Herber, 1908 in Berlin geboren, wächst in bescheidenen Verhältnissen auf. Im Jahr 1927 beginnt er seine Ausbildung bei der Berliner Polizei. Nach eigenen Angaben hat sich seine Beförderung zum Polizeileutnant bis 1934 verzögert, weil er vor 1933 kritisch gegen die Nazis eingestellt war und im Dienst vor der „Machtergreifung“ hart gegen die SA-Truppen vorgegangen war. Seine Treue zur katholischen Kirche habe ihm laut Prozessakten ebenfalls geschadet.

Im Oktober 1934 heiratet er Cäcilia Faupel. Franz Herber, ein Vetter des späteren, ersten Ministerpräsidenten von Rheinland-Pfalz Peter Altmeier, wird nie Parteimitglied. 1935 erfolgt Herbers Übernahme mit der gesamten Landespolizei ins Heer, was er begrüßt, weil er sich dort weniger der NS-Propaganda ausgesetzt sieht. Bei der Wehrmacht kommt Herber recht zügig voran: Besuch der Kriegsakademie Berlin, 1941 Versetzung in den Generalstab als Sachbearbeiter für „Waffen und Material“.

Ab April 1943 ist Herber Abteilungschef im Oberkommando des Heeres, wo er im September Stauffenberg als Stabschef von Fromm kennenlernt. Von Stauffenberg erhält Herber eine hervorragende Beurteilung: „Klare, gediegene, zuverlässige Persönlichkeit mit ausgezeichneten Fachkenntnissen und zielbewusstem Willen. Überzeugter Nationalsozialist, vor dem Feinde bewährt…. Ein außergewöhnlicher tüchtiger Generalstabsoffizier, der das Wesentliche erkennt und die Einzelheiten nicht zu kurz kommen lässt. Im Kameradenkreis geachtet, körperlich voll leistungsfähig.“ General Olbricht, Chef des Allgemeinen Heeresamtes beim OKH, merkt zu Stauffenbergs Einschätzung Herbers kurz an: „Zutreffend beurteilt!“

Franz Herber als Anführer der Gegenaktion im Bendler-Block Mit Blick auf Herbers Rolle als Anführer der Gegenaktion hitlertreuer, in die Umsturzpläne nicht eingeweihter Offiziere im Bendler-Block erhalten die Anmerkungen der beiden später hingerichteten Vorgesetzten einen mehr als makabren Beigeschmack. Herber macht sich zum Wortführer dieser „eidtreuen“ Offiziere, nachdem allmählich bekannt wird, dass Hitler das Attentat überlebt hat. Mit anderen Offizieren wird Herber von Amtschef Olbricht zur Bewachung des Bendler-Blocks kommandiert.

Olbricht unterlässt es natürlich zu diesem Zeitpunkt, Herber und den anderen in den Putsch nicht Eingeweihten konkrete Informationen zum Stand des Umsturzversuches zu geben. Herber aber erkennt bald „das Wesentliche“, versammelt Offiziere um sich, um zu beratschlagen, was jetzt zu tun ist, um gar nicht erst in den Verdacht zu geraten, am Putschversuch beteiligt zu sein. Als Olbricht sie weiter im Unklaren lässt, fordert Herber von diesem, sofort Generaloberst Fromm zu sprechen, um vollständige Aufklärung zur Lage zu erhalten. Schließlich startet Herber einen erneuten Versuch und dringt schwer bewaffnet zusammen mit mehreren Offizieren in Olbrichts Zimmer ein und setzt ihn fest. Als Oberst Merz von Quirnheim und Oberst Graf Stauffenberg gegen 22.50 Uhr ebenfalls Olbrichts Zimmer betreten, will Herber auch diese festnehmen. Dazu berichtet Herber dem Propagandaministerium: „Darauf versuchte Stauffenberg das Zimmer zu verlassen, worauf Major Fliessbach und ich einen Schuss auf ihn abgaben. Es entstand ein Tumult, worauf ich noch auf dem Flur zwei Schüsse abgab und von dem Hauptmann Klausing, einem Vertrauten Stauffenbergs, auf mich geschossen wurde…. Mit einigen Herren veranlasste ich den Amtschef Olbricht, mit mir zum Zimmer des Generaloberst Fromm zu kommen, wo sich Generaloberst Beck in Zivil, Generaloberst Hoepner, Oberst Graf Stauffenberg, Oberst Merz von Quirnheim und Oberstleutnant v. Haeften befanden. Ich erklärte ihnen, dass wir nicht gewillt seien, den Putsch (Herber nennt ihn „eine Riesenschweinerei“) – gegen den Führer mitzumachen, forderte sie auf, das Zimmer nicht zu verlassen und stellte eine Wache an die Tür.“ Mit der Befreiung Fromms kehren sich die Machtverhältnisse im Bendler-Block um. Fromm hält „Standgericht“ und kurz nach Mitternacht werden Olbricht, Stauffenberg, v. Heften und v. Merz im Innenhof des Bendler-Blocks erschossen.

Herbers frisierte Darstellungen zur eigenen Rolle im Bendler-Block Herber hat nach dem Krieg noch mehrmals in schriftlicher Form dargelegt, was er am 20. Juli 1944 in der Bendlerstraße erlebte. Dabei wird erkennbar, dass er von Bericht zu Bericht die eigene Rolle bei der Gegenaktion gegen Stauffenberg und seine Mitverschwörer immer stärker herunterspielte: von einer Bedrohung Olbrichts beim zweiten „Aufklärungsversuch“ oder einem Schießen auf den flüchtenden Stauffenberg ist beispielsweise nicht mehr die Rede. Was Herber in der NS-Zeit als „Heldentat“ proklamieren konnte, musste er nach Kriegsende wesentlich anders für seine Person darstellen.

Herber gerät bei Kriegsende in Bayern in amerikanische Kriegsgefangenschaft und wird nach kurzer Internierung in Darmstadt in die britische Zone überstellt, da seine Frau mit Tochter und Sohn in Varel bei Oldenburg leben. Er wird in die Gruppe der „Hauptschuldigen“ (I) eingestuft und Mitte 1947 wird ein Festnahmebefehl erlassen.

Darin heißt es: „Durch seinen besonderen Einsatz hat er wesentlich dazu beigetragen, daß die von den Offizieren geplante Revolution zum Scheitern kam.“

Überlebende Mitarbeiter aus dem Bendler-Block bezeugen Herbers Führungsrolle und belasten ihn schwer. Herber selbst ist von seiner Unschuld überzeugt. Er schaltet einen Marburger Rechtsanwalt ein, und bald wendet sich das Blatt zu seinen Gunsten. Sein Anwalt fordert die Einstellung des Spruchkammer-Verfahrens, und es scheint, als habe die Spruchkammer sich die Argumentation des Anwalts weitgehend zu eigen gemacht: Weder eine „persönliche Verantwortlichkeit“ noch eine „außerordentliche Unterstützung“ Herbers sei erkennbar, der auch nicht „mit Vorsatz“ gehandelt habe. Ganz im Sinne Herbers kommt die Spruchkammer zu der Einschätzung, Herber habe lediglich „aus seinem Pflichtgefühl als Offizier heraus versucht, den Dingen auf den Grund zu gehen.“ Herber selbst bestreitet vehement, dass seine Beförderung am 1. August 1944 zum Oberst i.G. und auch seine kurz darauf erfolgte Auszeichnung mit dem Eisernen Kreuz I. Klasse etwas mit seinem Handeln am späten Abend des 20. Juli zu tun hatten. Im Übrigen „neigte er nach seiner ganzen sonstigen Persönlichkeit nicht zum Nationalsozialismus“ – so die Spruchkammer. Herber wird in die Gruppe II („Belastete“) abgestuft, das Verfahren wird eingestellt, weil die Spruchkammer Neustadt für Herber aufgrund seines Wohnortes in der britischen Zone gar nicht zuständig ist.

Prozess gegen Herber in Trier nach dem Kontrollratsgesetz Nr. 10 Der Generalstaatsanwalt von Oldenburg leitet im Juni 1949 ein Strafverfahren gegen Herber ein, das an das Landgericht Trier abgegeben wird, da Herber zu diesem Zeitpunkt mit seiner Familie in Wittlich lebt, wo er in der Lederhandlung Molitor – später Pies – die Bücher führt und nebenbei einen kleinen Briefmarkenhandel betreibt. Bei einer ersten Vernehmung in Trier spielt Herber den völlig Ahnungslosen und gibt zu Protokoll, Stauffenberg und seine Leute hätten – wenn sie denn gewollt hätten – um 23 Uhr den Bendler-Block ohne Probleme verlassen und sich in Sicherheit bringen können.

Mit dieser Darstellung kommt Herber jedoch nicht durch, zu eindeutig sind die vorliegenden Zeugenaussagen, die allzu klar Herbers Führungsrolle und sein konkretes Handeln beschreiben. Mit dem Wegfall des KRG.10 Ende August 1951 ändert sich auch für Herber die juristische Lage: Die bisherige Hauptanklage „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ muss fallen gelassen werden, es geht im weiteren Verfahrensverlauf nur noch darum zu prüfen, ob Herber gegen Gesetze des deutschen Rechts verstoßen habe. Die Verfügung vom Juli 1952, Herber „außer Verfolgung zu setzen“, bekundet keinen Zweifel „an der führenden, wahrscheinlich sogar ausschlaggebenden Rolle des Angeschuldigten bei der Niederschlagung des Putsches“. Trotzdem wird zu Gunsten Herbers festgehalten: „Der Angeschuldigte war nach dem damaligen Rechtszustand und in seiner Eigenschaft als zum Wachdienst – (mit unrichtigem, ihm unwiderlegbar irreführenden Auftrag) – eingeteilter Offizier zum Handeln befugt.“ Herbers Verfahren wird im Oktober 1952 endgültig eingestellt – die Kosten gehen zu Lasten der Staatskasse. Müßig zu erwähnen, dass weder im Spruchkammer-Verfahren noch im späteren Trierer Prozess die Motive und der Mut der Verschwörer um Stauffenberg auch nur mit einem Wort gewürdigt werden.

Der Oberst i.G. a.D. Franz Herber erhält Versorgungsbezüge zu einer Zeit, als noch viele NS-Verfolgte einen mühsamen Kampf um ihre „Wiedergutmachungszahlungen“ mit der deutschen Bürokratie ausfechten müssen. In der Bundesrepublik Deutschland dauert es noch einige Jahre, bis die moralischen Überzeugungen und die Motive der Verschwörer vom 20. Juli 1944 gewürdigt werden.

Seine eigene Rolle bei einer Gegenaktion hitlertreuer Offiziere im Bendler-Block, einem historischen Gebäudekomplex im Bereich des Berliner Tiergartens, schildert Franz Herber während des Zweiten Weltkrieges und danach unterschiedlich. Das Foto stammt aus seiner Personalakte. Foto: Bundesarchiv Freiburg
Mit einer Gedenktafel wird in der Wolfsschanze – das war der Tarnname für ein militärisches Lagezentrum des Führungsstabes der deutschen Wehrmacht im heutigen Polen – des Stauffenberg-Attentates gedacht. Foto: Franz-Josef Schmit
Ein Schreiben von Gustav Simon, Gauleiter im Gau Moselland, an Adolf Hitler. Foto: Kopie Franz-Josef Schmit/Kopie: Franz-Josef Schmit
Das Mahnmal im Innenhof des Bendler-Blocks zeigt einen jungen Mann mit gebundenen Händen (Foto links). Es handelt sich um eine Bronzefigur von Richard Scheibe. Rechts ist ein Foto des Widerstandskämpfers Claus Schenk Graf von Stauffenberg zu sehen. Foto: Franz-Josef Schmit

Seit dem Jahr 1953 findet jährlich eine Gedenkfeier im Innenhof des Bendler-Blocks statt. Etliche Redner haben dabei daran erinnert, was General von Treskow zu Stauffenberg gesagt hatte: „Das Attentat auf Hitler muss erfolgen um jeden Preis. Sollte es nicht gelingen, so muss der Staatsstreich versucht werden, denn es kommt nicht auf den praktischen Zweck an, sondern darauf, dass die deutsche Widerstandsbewegung vor der Welt und vor der Geschichte unter Einsatz des Lebens den entscheidenden Wurf gewagt hat. Alles andere ist daneben gleichgültig.“