"Wann gehen wir wieder in die Blätter?"

"Wann gehen wir wieder in die Blätter?"

Was verbindet eine Märchenerzählerin, eine Pharmazeutisch technische Assistentin und eine Gartentherapeutin? Ihre gemeinsame Ausbildung zur Naturpädagogin. Um diese abschließen zu können, organisierten Regina Schneider, Sonja Reinard und Gitta Pelzer ein Naturerlebnis für Kinder der Maria-Grünewald-Schule in Wittlich.

Wittlich. Angelina (14) lässt ihr Schmusetuch los, das sie beständig in den Händen dreht und zur Beruhigung in den Mund steckt. Schon zum dritten Mal legt sie es für mehrere Minuten zur Seite, um Blätter und einen Stein in die Hände zu nehmen.
Der siebenjährige Jeremy springt unaufhörlich in den Kreis aus Kindern und Erzieherinnen und wirft das braune Laub in die Luft. Der 15-jährige Henning und die 20-jährige Helen kommen bei dem Blätterregen aus dem Lachen gar nicht mehr heraus.
Die Kinder und Jugendlichen der Maria-Grünewald-Schule in Wittlich sitzen in einem Blätterbett umzäunt von jungen Bäumen. In einem zwei Wochen-Rhythmus bauen die drei angehenen Naturpädagoginnen Gitta Pelzer (54), Sonja Reinard (35) und Regina Schneider (50) eine Plane mit Blättern in dem Kreis auf.
Dreimal bieten sie dieses Naturerlebnis auf dem Gelände der Schule an. Beim zweiten Treffen hat Gitta Pelzer eine Kiste mit Laub mitgebracht, darin sei etwas für jedes Kind versteckt. Sie gibt den Karton der fünfjährigen Angelina, die während der ganzen Zeit kein Wort sagt. Ihre Mimik ist reglos, ihre Augen dafür hellwach. Statt lange zu suchen, kippt sie den Karton kurzerhand um. Steine fallen heraus.
"Letztes Mal haben wir mit Moos und Blättern gearbeitet, dieses Mal sind die Steine hinzugekommen", erklärt Regina Schneider. Nächstes Mal werden sie Feuer machen.
"An Advent und Geburtstagen zünden wir auch Kerzen an", erzählt Anni Wagner, die Klassenleiterin der Unterstufe. "Diese Kinder sind oft überbehütet. Feuer, Blätter, Matsch und dergleichen konnten sie nicht erfahren.", erklärt Wagner. Verbal könne man es ihnen aber kaum vermitteln.
Alle Kinder der Gruppe sind von Geburt an behindert. Einmal in der Woche bietet die Schule AG\'s an, darunter Kegeln, Reiten, Fitnessstudio und die Tanz- und Spiele-AG, in der die Kinder sind, die mit den Pädagoginnen im Blätterbett sitzen. Es ist die Abschlussarbeit der eineinhalb jährigen Weiterbildung zur Naturpädagogin, die Schneider, Pelzer und Reinard an den Wochenenden absolviert haben. Um keine Fremden mehr für die Kinder zu sein, besuchten sie die Gruppe im Vorfeld mehrmals und übten ein Lied mit ihnen ein, dass sie am Anfang einer Sitzung singen. "Man erkennt eine Wirkung, wenn man etwas einige Zeit lang gemacht hat."
Die Kinder haben das Lied nach den Sommerferien gelernt, nach den Herbstferien sah man dann, dass sie es wiedererkannten. Und das sie sich an die Nachmittage im Blätterbett erinnerten. "Jeremy hat sogar nachgefragt, wann wir wieder in die Blätter gehen.", erzählt Wagner und zieht sich einen Blätterstiel aus den Haaren: "Die werden noch den ganzen Tag kratzen.", sagt sie und muss lachen. sbra