Warmer Regen bringt keinen Segen

Die Winzer sind in Sorge, weil in vielen Weinbergen die Trauben zu faulen beginnen. Experten rechnen mit einer frühen Lese.

Bernkastel-Kues Den Herbst 2014 haben die Moselwinzer in unguter Erinnerung. Ungewöhnlich früh, bereits am ersten Oktober-Wochenende, mussten sie mit der Riesling-Ernte beginnen. Und es musste alles sehr schnell gehen. Viele Winzer sprachen vom "stressigsten Herbst aller Zeiten". Grund für die Eile war die Traubenfäulnis, die sich rasant ausbreitete. Die feucht-warme Witterung hatte dafür gesorgt, dass sich die Trauben mit Wasser vollsogen, aufplatzten und schädliche Insekten und Mikroorganismen über die aufgeplatzten Beeren herfielen. Jetzt ist es Ende August und es könnte sich in den Weinbergen Ähnliches ereignen wie vor drei Jahren.
Das Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum (DLR) Mosel in Bernkastel-Kues hat diese Woche eine Sondermitteilung herausgegeben. Darin heißt es: "Fast alle Anlagen und fast alle Sorten weisen momentan einen bedenklich bis dramatischen Gesundheitszustand auf. Die Trauben sind sehr dick und kompakt, die Beeren drücken sich gegenseitig ab und einzelne Beeren platzen von innen heraus aus auf. Tritt Saft aus, finden Mikroorganismen ideale Brutbedingungen." Noch kann sich alles zum Guten wenden: Dann, wenn es trocken bleibt, die Trauben schnell trocknen und die Fäulnis gestoppt wird. Das hofft auch Winzer Michael Trossen aus Kröv. Trossen: "Ein warmer Landregen wäre jetzt ganz schlecht." Er hat festgestellt, dass vor allem Trauben in den besonders wüchsigen Weinbergsanlagen teilweise von Fäulnis betroffen sind. Wichtig sei es jetzt, die Weinberge im Auge zu behalten, um unter Umständen die faulen Beeren vor der eigentlichen Lese herauszuschneiden. Eine Prognose für den Weinjahrgang 2017 jetzt bereits abzugeben, sei kaum möglich. Trossen: "Grundsätzlich ist alles drin."
Die Traubenreife ist zum jetzigen sehr frühen Zeitpunkt bereits außergewöhnlich weit fortgeschritten. Sehr hohe Mostgewichte, also Fruchtzuckergehalte, sind möglich - beste Voraussetzungen für Spitzenweine. Vor dem spät reifenden Riesling werden zunächst die Sorten wie Müller-Thurgau und Dornfelder geerntet. Die Berater vom DLR rechnen hier mit einer frühen und schnellen Lese. Sie haben auch die Kirschessigfliege im Blick. Dieses Insekt hat im Jahr 2014 an der Mosel und anderen Weinanbaugebieten große Schäden angerichtet. Zuerst macht sich die Fliege über Brombeeren her, später über Trauben. Dabei bevorzugt sie vor allem rote Rebsorten wie Dornfelder und Spätburgunder.
Noch sehen die Weinbauberater vom DLR keine große Gefahr. Die Lage sei momentan relativ entspannt. Durch den späten Frost im April und den heißen und trockenen Frühsommer habe sich die Entwicklung der Kirschessigfliege offenbar verzögert. In den vergangenen Jahren seien zur gleichen Zeit Brombeeren bereits massiv befallen gewesen. Zurzeit seien diese befallsfrei. Auch in den von den Beratern kontrollierten Anlagen sei keinerlei Eiablage der Fliege beobachtet worden. Aber: Die Weinberge kämen nun in die entscheidende Phase. Von daher könne noch keine Entwarnung gegeben werden.Extra: ESSIGFÄULE UND EDELFÄULE


Die Winzer unterscheiden zwischen Essigfäule und Edelfäule. Während die Essigfäule gefürchtet ist, ist die Edelfäule erwünscht. Essigfäule entsteht, wenn die Beeren zuvor verletzt wurden, zum Beispiel durch Vogel- oder Wespenfraß, oder wie in Jahren, wenn die Beeren so dick sind, dass sie sich gegenseitig zerquetschen und aufplatzen. Diese werden von Fruchtfliegen und anschließend von Essigbakterien befallen. Es kann zu einem Essigstich kommen. Solche Weine riechen und schmecken säuerlich-kratzig nach Essig. Befällt der Botrytispilz vollreife Trauben und bleibt es danach trocken und sonnig, schrumpfen die Beeren ein und die Inhaltsstoffe konzentrieren sich - solange bis fast keine Flüssigkeit mehr enthalten ist. Man spricht von Edelfäule. Die Trockenbeeren sehen aus wie Rosinen. Aus solchen Trauben gewonnene Weine sind edel und teuer.

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