Was Bär und Sau unterscheidet

Im Namen des Landkreises Bernkastel-Wittlich sind sie vereint. Doch die Doctor- und die Säubrennerstadt sind ungleiche Schwestern. Die kleinere, Bernkastel-Kues, profitiert vom Charme der Mosel und des Weins, die größere, Wittlich, punktet als Wirtschaftsstandort.

Bernkastel-Kues/Wittlich. Warum fährt man nach Wittlich? Zum Arbeiten und Lernen. Warum fährt man nach Bernkastel-Kues? Um Ferien zu machen. Die Zahlen sprechen für sich.
An der Lieser gibt es für 12 000 sozialversicherungspflichtige Beschäftigte Arbeit (davon 5800 aus Wittlich). 5500 Schüler lernen hier fürs Leben. Das sind Spitzenwerte im Landkreis. Dagegen hat man mit 16 000 Gästen etwas weniger Übernachtungstouristen als Einwohner (17 800).
Und anders als bei den Beschäftigten (4520) toppt in diesem Bereich Bernkastel-Kues alles: Auf 6500 Einwohner kommen 190 000 Gäste im Jahr und unzählige Tagestouristen noch dazu! - Trotz gebührenpflichtiger Parkplätze in der Saison, wohingegen jedermann in Wittlich ohne einen Cent seinen Wagen stehen lassen kann.
Und wo geht man dann hin? Durch die Stadt bummeln, einkehren, das ist in beiden Städtchen möglich. Die Schiffstour allerdings ist nur in Bernkastel-
Kues im Angebot. Und wer will, kann dann einen Blick hinauf zur Burg Landshut werfen.
Ein architektonisches Wahrzeichen dieser Qualität fehlt in Wittlich, in dem Burg und Schloss längst dem Erdboden gleichgemacht sind und die römische Villa langsam wiederentdeckt wird. Vielleicht gibt es deshalb auch kein spektakuläres Feuerwerk wie an der Mosel zum Weinfest? In Wittlich funkt es allerdings unter den Schweinen, wenn die zur Säubrennerkirmes gebraten werden. Zu diesem Volksfest gibt es eine spezielle Zeitrechnung: Das Jahr wird in die Zeit vor und nach der Kirmes geteilt.
In Bernkastel-Kues setzt man dagegen auf eine Zeitmessung, die fürs Souvenir-Foto taugt: die der Sonnenuhren. Und geht das Himmelslicht unter, kann man sich von leuchtenden Leinwandbildern bezaubern lassen: im Moselkino. Eine Einrichtung, die in Wittlich vermisst wird. Dafür geht\'s hier bei Sonnenschein in eines der schönsten Freibäder der Region: das Vitelliusbad - damit kann das Moselbad nicht wirklich konkurrieren.
Das macht Bernkastel-Kues leicht mit einem großen Namen wett, nach dem Wittlich sogar ein Gymnasium getauft hat: Nikolaus von Kues, in lateinischer Sprache Cusanus. Der Philosoph und Theologe (1401 bis 1464), ist noch heute der berühmteste Sohn der Stadt. In aller Munde ist dafür etwas ganz anderes, das aus Wittlich kommt: Hier hat die Firma Dr. Oetker ihr größtes Pizza-Werk von vieren. Das wiederum bringt Arbeitsplätze. Zu denen müssten die Wittlicher eigentlich gar nicht fahren, da es so viele vor Ort gibt. Autos brauchen sie wie jedermann heutzutage trotzdem: 9800 PKW sind auf Säubrenner zugelassen, 4000 sind es in der Doctorstadt, wo man am liebsten das alte "BKS"-Kennzeichen wieder hätte.
Der feine Doctor-Titel kommt übrigens vom Bernkastler Doctor, einer berühmten, sehr teuren Weinbergslage. 70 Winzer sorgen sich in der Moselstadt um die Reben und veredeln deren Trauben nach der Lese. Dabei wächst auch an der Lieser ausgezeichneter Wein, den noch vier Wittlicher Winzer anbauen. Und was gibt es sonst noch über die ungleichen Schwestern zu erzählen? Vielleicht, dass die Säubrenner bis heute die Bernkasteler "Bachschisser" schimpfen. (Als der Tiefenbach noch offen durch die Moselstadt floss, soll er als Toilette gedient haben).
Von den Doctorstädtern ist nichts dergleichen überliefert. Es reiche, meint eine Bernkastelerin, mit einer gewissen Betonung zu sagen "die Wittlicher".
Leserecho: Was ist typisch für die Kreisstädte? Mailen Sie bitte an s.suennen@volksfreund.de mit Namen und Wohnort.

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