Was passiert, wenn die Lichter ausgehen
Wittlich · 3300 Feuerwehrleute sind im Landkreis Bernkastel-Wittlich tätig. Falls es zu einer Notlage kommt, sind diese die ersten Ansprechpartner für die Bevölkerung. Ralph Scheid vom Geschäftsbereich Feuerwehr und öffentliche Ordnung der Kreisverwaltung erläutert im TV-Gespräch, wie ein Krisenszenario bewältigt werden kann. Eines ist entscheidend: die Selbsthilfe der Bevölkerung.
Wittlich. Seit einer Woche ist Europa ohne Strom. Und das im Winter. Die öffentliche Ordnung ist zusammengebrochen, Menschen plündern Geschäfte, um an Nahrungsmittel zu kommen. Es gibt kein Wasser, kein Internet und keine Heizung. Den bereits heruntergefahrenen Atomkraftwerken geht der Diesel aus, um die Kühlaggregate der Reaktoren mit Strom zu versorgen. Eine erste Kernschmelze steht bevor. Dieses Horrorszenario, das sich schlussendlich auch auf Nordamerika ausweitet, beschreibt der Autor Marc Elsberg in seinem Bestseller "Blackout". Hintergrund ist eine Terror-Attacke von Hackern, die mit einem Computervirus einen weitflächigen Stromausfall bewirken.
Das Münsterländer Schneechaos:
Dass ein solch großer Stromausfall entsteht, gilt eher als unwahrscheinlich. Aber schon ein kleinerer Ausfall kann weitreichende Folgen haben. Das zeigt das als "Münsterländer Schneechaos" in die Geschichte eingegangene Wetterereignis vom ersten Adventswochenende 2005. Damals waren das Münsterland, das Bergische Land, das südliche Emsland und der Osten der Niederlande von einem mehrtägigen Stromausfall bei Minustemperaturen und Schnee betroffen. Strommasten knickten wegen massiven Schneefalls ein. 225 000 Menschen waren ohne Strom und Heizung.
Die Befehlskette:
In einem solchen Notfall hat die Kreisverwaltung eine zentrale Bedeutung, wie Ralph Scheid vom Geschäftsbereich Feuerwehren und öffentliche Ordnung erläutert. Wenn der gesamte Landkreis betroffen ist, arbeiten zwei Stäbe daran, Hilfsmaßnahmen einzuleiten: die Verwaltung und der Kreisfeuerwehrinspektor mit seinem Krisenstab. Je nach Größe der Notlage sind unterschiedliche Instanzen beteiligt - von der Gemeinde über die Verbandsgemeinde (verbandsfreie Gemeinde), den Landkreis bis zur Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) in Trier. Von dort aus geht es auf der Länderebene weiter bis zur Bundesebene. "Das bedeutet aber nicht, dass sich, sobald sich die Notlage vergrößert, die untergeordneten zurücklehnen können," sagt Scheid. Lediglich die Verantwortung und Koordination rutscht dann eine Stufe höher. Die Ortsgemeinden oder Landkreise arbeiten dann als ausführende Organe."
Die Ansprechpartner:
Wenn eine Großschadenslage festgestellt wird, sind die Feuerwehren in den Orten die ersten Ansprechpartner für die Bevölkerung. "Wir haben 3300 Feuerwehrleute im Landkreis", sagt Scheid. Diese werden zuerst alarmiert. Innerhalb einer halben Stunde müssen dann die einzelnen Feuerwehrhäuser in den Orten besetzt sein. "Es muss eine fußläufig zu erreichende Anlaufstelle vorhanden sein, um sich zu informieren und um Hilfsangebote zu erfragen", erklärt der Katastrophenexperte. Wer allerdings erwartet, er könne sich bei der Feuerwehr ein Notstromaggregat ausleihen, wird Pech haben: "Die Hilfsanfragen werden von den Feuerwehren an das Krisenzentrum weitergeleitet. Dort wird dann nach Priorität entschieden, wo welche Hilfe zuerst hinkommt." Notstromaggregate brauchen die Feuerwehren allerdings für ihren eigenen Bedarf. Mobile Notstromaggregate, die die Bundeswehr oder der Stromerzeuger zur Verfügung stellen kann, werden dann eher benötigt, um für die Allgemeinheit bedeutende Einrichtungen zu versorgen.
Die Krankenhäuser:
Die beiden Krankenhäuser in Bernkastel und Wittlich sind mit Notstromaggregaten ausgestattet. Etwa 10 000 Liter Diesel sind bevorratet, wie deren Träger mitteilt. Das reiche mindestens für mehrere Tage, je nach der Höhe des Stromverbrauchs. Das bedeutet, dass Patienten versorgt werden können und auch laufende Operationen nicht gravierend unterbrochen werden.
Die Landwirtschaft:
Auch in der Landwirtschaft ist die Notfallvorsorge ein großes Thema. Stefanie Sakwerda, Geschäftsführerin beim Bauern- und Winzerverband im Landkreis, sagt: "Das ist ein großes Thema in der Landwirtschaft, zu dem auch Vorträge angeboten werden. Viele Landwirte haben bereits Notstromaggregate". Schließlich müssen Kühe regelmäßig gemolken werden, in der Schweinezucht sind die Lüftungsanlagen von elektrischem Strom abhängig. Manfred Zelder, Kreisvorsitzender des Verbands, pflichtet bei: "Das ist allein schon eine Frage des Tierschutzes. Grundsätzlich hat jeder Betrieb eine Notstromversorgung. Das ist Standard und wird auch empfohlen. In der Schweinezucht müssen die Klimaanlagen bezahlt und weiterbetrieben werden, beim Milchvieh muss Strom für die automatischen Melkanlagen vorhanden sein". Wie lange diese Anlagen laufen können? "Das kommt auf den Dieselvorrat an, in der Regel einige Tage," sagt Zelder.
Das Moselhochwasser 1993:
Sogenannte Großschadenslagen gab es in der Region zum Beispiel zuletzt beim Mosel-Hochwasser im Jahr 1993. "Damals konnten auch noch die Bundeswehr und die französische Armee mithelfen. Das ging teilweise auf dem kurzen Dienstweg", erinnert sich Ralph Scheid etwas wehmütig. Inzwischen gibt es in Deutschland aber kein Territorialheer mehr - die Kasernen in Trier sind aufgelöst, und die französische Armee hat ihre Standorte ebenso aufgegeben. Das bedeutet, dass solche Unterstützung wesentlich länger aus anderen Standorten unterwegs ist. Dennoch gebe es auch noch das Technische Hilfswerk (THW), das Deutsche Rote Kreuz (DRK) und die Malteser, die in solchen Fällen Hilfe leisten. Das Netzwerk sei vorhanden, aber bei weitem nicht mehr so engmaschig wie früher, erst recht nicht wie zu Zeiten des Kalten Krieges. Dass dennoch größere Krisenlagen überwunden werden können, zeige das Hochwasser in Ostdeutschland im vergangenen Jahr, bei dem länderübergreifend Hilfe organisiert wurde.
Die Selbsthilfe:
Trotzdem gebe es in breiten Schichten der Bevölkerung eine "Vollkasko-Mentalität", wie Scheid feststellt. Ein Katastrophenfall bleibe nun mal nicht planbar. Aus dem kurzfristigen Stromausfall mit Kerzenlicht-Romantik und infolgedessen gestiegener Geburtenquote könne schnell eine Notlage entstehen, in der Menschen frieren, kein Wasser mehr haben und auf sich gestellt sind. Deshalb gelte es, sich für den Notfall zu rüsten. Wasser, Radio, Batterien, lange haltbare Nahrungsmittel und ein Vorrat an wichtigen Medikamenten zählen dazu. Auch Bargeld sollte in kleineren Stückelungen vorhanden sein, denn ohne Strom funktionieren auch keine Geldautomaten mehr, ebenso wenig die Pumpen der Tankstellen. Eine Grundversorgung müsse sich jeder selbst vorhalten, so der Experte und verweist auf die Broschüren des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz. Nur so könne eine Notlage überstanden werden. Wenn der Strom nun einmal länger als eine Woche ausfällt? "Dann haben wir ein echtes Problem", sagt der Experte.
Extra
Während ein Mensch zwar theoretisch drei Wochen ohne Nahrung auskommen kann, hält er es ohne Flüssigkeit nur vier Tage lang aus. Deshalb gilt es vor allem, Wasservorräte anzulegen. Das empfiehlt eine Info-Broschüre des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) , die umfangreiche Checklisten für Lebensmittelvorrat und weitere Themen vorhält. Lebensmittel sollten lange haltbar sein und ohne Kühlung gelagert werden können. Zum Kochen können gegebenenfalls Campingkocher verwendet werden. Bevorratetes Wasser könne zum Beispiel durch über den Campinghandel zu beziehende Entkeimungsmittel lange lagerfähig gemacht werden. Auch an eine Hausapotheke sollte gedacht werden und an Medikamente, die regelmäßig eingenommen werden. Ein Batterieradio, Taschenlampen und Kerzen runden eine solche Grundausstattung ab. Info/Ansprechpartner: Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK), Postfach 1867, 53008 Bonn, Telefon 0228/99550-0, www.bkk.bund.de, info@bbk.bund.de hplExtra
Das BBK empfiehlt folgende Vorräte für einen Zeitraum von zwei Wochen für eine Person. Dabei werden etwa 2200 Kilokalorien pro Tag zugrunde gelegt: 28 Liter Getränke (inklusive stilles Wasser für Zubereitung von Lebensmitteln). 4,9 Kilogramm Getreide, Brot, Kartoffeln, Nudeln, Reis. 5,6 Kilogramm Hülsenfrüchte, Gemüse (haltbare Sorten oder in Dosen). 3,6 Kilogramm Obst, Nüsse. 3,7 Kilogramm Milch, Milchprodukte. 2,1 Kilogramm Fisch, Fleisch, Eier, Volleipulver. 500 Gramm Fette, Öle. Sonstiges nach Belieben (Zucker, Marmelade, Schokolade, Jodsalz, Fertiggerichte, Mehl, Kekse, Salzstangen, Instantbrühe) Im Internet: www.ernaehrungsvorsor ge.de www.ernaehrungsvosor ge. de/de/privatvorsorge/notvorrat/vorratskalkulator Dabei ist zu beachten, dass die Vorräte nach dem Mindesthaltbarkeitsdatum verzehrt und erneuert werden müssen. hplExtra
Im Falle einer Evakuierung (Leck in einer Gasleitung, Brand im Nachbarhaus) sollte ein Notfallrucksack gepackt werden. Ein Rucksack ist besser als eine Tasche, da man beide Hände frei hat. Darin enthalten sollte sein: Erste-Hilfe-Material, persönliche Medikamente, batteriebetriebenes Radio, Dokumententasche (Ausweis, Geld in kleinen Stückelungen, Familienbuch und andere wichtige Dokumente), Verpflegung für zwei Tage, Wasserflasche, Taschenlampe, Decke/Schlafsack. hpl