"Was wir Heimat nennen, ist fragwürdig"

Er wollte nicht die Geschichte der Hunsrücker erzählen, und er wollte auch keinen Film über Heimat drehen. Und dennoch hat Edgar Reitz beides getan, selbst wenn die Botschaft des "Heimat-Epos" eine andere ist.

Hunsrück. Im Günderrode-Haus in Oberwesel, dem symbolischen Kristallisationspunkt in Heimat 3, beantwortete der Regisseur und Drehbuchschreiber Fragen zur Mutter der Trilogie, dem ersten Teil von Heimat.

Herr Reitz, blenden wir zurück auf die Entstehungsgeschichte von Heimat. Sie hatten zuvor den "Schneider von Ulm" als Spielfilm mit hohem Aufwand, aber geringem Erfolg gedreht. War Heimat für Sie künstlerisch und wirtschaftlich die letzte Chance?

Reitz: Nein, im Gegenteil: Ich sah, dass es da eine Domäne gab im Verhältnis Kino zu Fernsehen, die ich noch nicht betreten hatte. Beide Bereiche haben sich gegeneinander abgrenzen wollen, was keine glückliche Lösung war. Das Kino hatte große Tradition, das Fernsehen galt als Imitation. Dass Heimat eine TV-Produktion wurde, hatte mit der Dimension zu tun. Ich war der Meinung, dass man 16 Stunden Film nicht im Kino zeigen kann. Dass es doch möglich war, kam für alle überraschend. Man musste allerdings neue Aufführungsformen finden. Dabei haben sich dann die wahren Heimat-Enthusiasten herauskristallisiert. Nicht nur die. Es waren Tausende, das war überraschend.

War die Rückbesinnung auf den Hunsrück zugleich eine Abkehr von Ihren vorherigen Idealen als Filmschaffender?

Reitz: Eine Abkehr von den Idealen schon gar nicht. Die Ideale kamen ja erst. Ein Ideal war es, über die 90-Minuten-Grenze hinauszugehen. Das habe ich verwirklicht. Einen Roman in dieser Breite gab es bis hierher noch nicht. Heimat wurde ein großer Erfolg. Dennoch gab es im Hunsrück empfindliche Gemüter, die sich als Hinterwälder dargestellt sahen, und einige Prüde schickten ihre Kinder wegen der offenherzigen Szenen früh ins Bett.

Hatten Sie je Verständnis für solche Empfindungen?

Reitz: Das habe ich nicht so erlebt. Ich mache den Menschen keine Vorschriften, was sie mögen und was nicht. Es war auch nie meine Absicht, mit Heimat den Hunsrückern ihre eigene Geschichte zu erzählen.

Dennoch haben Sie dem Hunsrück ein filmisches Denkmal gesetzt. Haben die Hunsrücker das ausreichend erkannt und gewürdigt?

Reitz: Diejenigen, die denken können, haben das sicher erfasst. Touristischer Nutzen ist aus der weltweiten Bekanntheit der Heimat aber kaum gezogen worden. Damit habe ich nichts zu tun. Ich habe eine Vermarktung natürlich nicht verhindert, aber ich halte mich aus diesen Aspekten heraus. Ich bin heute beispielsweise zum ersten Mal seit den Dreharbeiten wieder im Günderrodehaus.

Ihr Verdienst ist es, den beschmutzten deutschen Heimat-Begriff von seinen braunen Flecken gereinigt zu haben. Hat sich das Heimat-Bewusstsein der Deutschen nachhaltig verändert ?

Reitz: Der Titel Heimat ist ja erst entstanden, als der Film schon fertig war. Ich hatte nicht die Absicht, einen Film über Heimat zu machen. Das war 1984 noch ein Tabu, weil der Begriff belastet war - ideologisch durch die Nazis und touristisch durch die Pseudo-Folklore. Dass eine Diskussion ausgelöst wurde, war in Ordnung. Sie war historisch fällig. Diese Diskussion ist noch voll im Gang. Es ist die Suche nach dem Mittelweg zwischen nationalen Gefühlen und neu entdeckter Bodenständigkeit. Sie ist eine Gegenbewegung zur Globalisierung. Alle Diskussionen, die ich bisher dazu gehört habe, enden mit Fragezeichen, nicht mit einem Ergebnis.

Ist die Zeit reif für einen neuen Heimat-Film?

Reitz: Für mich nicht. Es gibt Filmschaffende, die den neuen Heimatfilm drehen. Er ist neu im Entstehen. Ich habe dafür keine besondere Sympathie.

Warum nicht?

Reitz: Es ist eine kitschige, verlogene Sicht auf Landschaft und Lebensweisen in bestimmten Provinzen. Fast immer sind es verklärte idyllische Lebensweisen. Diese heile Welt ist mir fremd.

Wo ist Ihre Heimat?

Reitz: Ich bin im Hunsrück geboren und aufgewachsen, München ist meine Wahlheimat. Was wir Heimat nennen, ist heute ganz und gar fragwürdig. Ich wüsste in dem Sinn nicht, was für mich Heimat ist. Ich bin ein Weggeher. Berufliche Entfaltungsmöglichkeiten und das Umfeld sind wichtiger.

Rührt von dieser Weggeher-Mentalität auch Ihr neues Projekt über Auswanderer nach Brasilien her?

Reitz: Nein, das hat einen anderen Anlass. Deutschland ist ein Einwanderungsland. Überall begegnen uns Menschen, die ihre Heimat verlassen haben und jetzt hier bei uns leben. Mein Anlass war, daran zu erinnern, dass wir Deutsche auch mal Boat-People waren auf den Ozeanen dieser Welt. Um den Deutschen den Hochmut zu nehmen, sollen sie sich daran erinnern, dass es erst 150 Jahre her ist, dass es uns genauso dreckig ging.

Was unterscheidet die Hunsrücker aus der Zeit der Heimat-Entstehung Anfang der 80er-Jahre von den heutigen?

Reitz: Die Hunsrücker von heute kenne ich nicht genug. Ich sehe aber große Veränderungen im Hunsrück. Mit der B 50 wird eine Straße gebaut, die sich in eine Autobahn verwandelt. Der Flughafen Hahn wird zur Drehscheibe. Der Hunsrück verwandelt sich in ein Durchgangsgebiet. Der Hunsrück hat sich so verändert, dass man Heimat heute nicht mehr drehen könnte. Heute müsste man im Studio arbeiten. 1980 war der letzte Zeitpunkt, wo man die erforderlichen Dinge wie die Optik der Dörfer, die Methoden in der Landwirtschaft und die häuslichen Einrichtungen dafür noch vorfand.

Warum haben Sie Woppenroth zu Schabbach gemacht?

Reitz: Andere Dörfer hatten sicher auch das Zeug zur Kulisse. Das waren pragmatische Gründe. Wir mussten das ganze Dorf und die Straßen verändern. Das musste sich eine Gemeinde erst mal gefallen lassen. Das wäre in anderen Dörfern vielleicht auch möglich gewesen. Aber in Woppenroth habe ich Leute kennengelernt. Dort habe ich mit dem Co-Autor gelebt und das Drehbuch geschrieben.

Haben Sie privat Kontakt zu Heimat-Darstellern?

Reitz: Zu einigen Mitarbeitern und Hunsrückern, die mir nahestanden. Es gibt darunter auch Darsteller wie Eva-Maria Schneider, die Marie-Goot, die die Rolle ihres Lebens spielte und das bis heute tut. Aber ich habe kaum jemanden privat gesehen. Man lebt nicht mit den Schauspielern, sondern mit den Figuren.

Das Team des Simmerner Pro-Winzkinos hält das Andenken und die Würdigung der Heimat hoch. Hier feiern Sie auch Ihren Geburtstag. Ist das Kino für Sie eine kleine Heimat?

Reitz: Die Leute vom Pro-Winzkino sind sehr rührig und nett. Wir schreiben uns immer wieder Mails. Sie sind ja nicht nur Heimat-, sondern Filmkunst-Freunde. Ich bin stolz, dass es eine solche Gruppe gibt.

Sehen Sie sich selbst die Heimat-Aufführung an?

Reitz: Ich würde mich nur ärgern, wenn Kopien nicht hundertprozentig sauber sind, oder über andere Dinge. Da gehe ich lieber essen, rede aber anschließend gerne mit Leuten, die den Film gesehen haben. Sie kommen und reagieren auf den Film - das ist schön. ZUR PERSONEdgar Reitz wurde 1932 als Sohn eines Uhrmachers und einer Modistin in Morbach geboren. In Simmern ging er zur Schule, wo der Lehrer und spätere Bürgermeister Karl Windhäuser zu seinen Förderern gehörte. Nach dem Abitur verließ Reitz den Hunsrück und studierte in München, wo er bis heute lebt. 1966 drehte er mit "Mahlzeiten" seinen ersten Spielfilm, der ein Jahr später in Venedig als bestes Erstlingswerk ausgezeichnet wurde. 1973 filmte er zum großen Teil im Hunsrück die "Reise nach Wien". Nach dem "Schneider von Ulm" (1978) und den "Geschichten aus den Hunsrückdörfern" (1980) drehte er mit der Heimat-Trilogie sein bedeutendstes Werk mit einer Gesamtspieldauer von mehr als 51 Stunden.