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Weil er Cannabis konsumiert: Kein Jagdschein für einen Salmtaler Jäger

Weil er Cannabis konsumiert: Kein Jagdschein für einen Salmtaler Jäger

Peter Jakobs nimmt legal Cannabis gegen seine Schmerzen. Der Kreis sagt: Deshalb darf er den Jagdschein nicht bekommen. Ein Psychologe und ein Mediziner sind anderer Meinung.

Die Einen kennen die Wirkung der Droge Cannabis selbst, die anderen wissen zumindest in etwa, wie sie sich anfühlen muss: Je nach Produkt und Konsument wechseln die Gefühle, die Sinneswahrnehmung ändert sich für die Zeit des Rausches. Umso verwunderlicher auf den ersten Blick, dass der Salmtaler Peter Jakobs den Jagdschein bekommen will, obwohl er jeden Tag vier Joints raucht.

Der 52-Jährige konsumiert diese aber völlig legal und, wie er sagt, ohne eine berauschende Wirkung zu spüren. Sein Arzt hat ihm die Cannabis-Therapie verordnet, weil er an der rheumatischen Krankheit Morbus Bechterew leidet und ohne Therapie immer wieder starke Schmerzen spüren würde. Seit März gilt Cannabis in Deutschland als Medikament. Patienten wie Jakobs dürfen es nicht nur therapeutisch anwenden sondern bekommen es nun von der Krankenkasse bezahlt. Jakobs sagt: "Dank der Cannabis-Therapie bin ich voll einsatzfähig und nicht berauscht. Das ist etwas anderes als Kiffen zum Spaß." Das sagt der Psychologe

Die zuständige untere Jagdbehörde des Kreises aber zweifelt an Jakobs' Einsatzfähigkeit und stellt ihm keinen Jagdschein aus, obwohl er die Jagdprüfung, deren Bestehen Voraussetzung für den Schein ist, erfolgreich abgelegt hat. Im Juli 2016 teilt ihm die Verwaltung nach mehreren Monaten Prüfung mit, dass er ein psychologisches Zeugnis vorlegen müsse, das seine Eignung zum Waffengebrauch bescheinigt. Gefordert - getan: Drei Wochen später liegt das Zeugnis im Briefkasten der Verwaltung. Auf Seite 18 fasst der Trierer Psychologe Richard Tank seine Untersuchungsergebnisse zusammen: Peter Jakobs besitze im Sinne des Waffengesetzes die Eignung und Zuverlässigkeit, mit Waffen umzugehen.

Über einen Belastbarkeits-, Wahrnehmungs- und Konzentrationstest, den er mit Jakobs nach Einnahme des Cannabis-Medikaments durchgeführt hat, schreibt er: "Es liegen keine Leistungsdefizite vor." Außerdem erwähnt er, dass Jakobs trotz der Medikamente Auto fahren darf - ein zusätzliches Indiz dafür, dass er nach der Einnahme nicht berauscht ist. Deshalb zweifelt der Kreis

Doch das Gutachten reicht dem Kreis nicht. Trotz des Gutachtens sei nicht erkennbar, warum bei Peter Jakobs nach Medikamenteneinnahme keine Ausfallerscheinungen auftreten sollten. Auf Nachfrage wollte sich Kreissprecher Manuel Follmann nicht zu diesem Fall äußern. Nach einem Widerspruch Jakobs' bestätigte der Kreisrechtsausschuss die Entscheidung: Erst einmal gibt es keinen Jagdschein. Jakobs sagt dazu: "Das ist unverschämt! Wer, wie ich, Autofahren darf, trägt eine mindestens so große Verantwortung. Der Kreis behandelt mich wie einen Drogenabhängigen!"
Immer wieder müssen Anwärter auf einen Jagdschein nachweisen, warum sie entgegen der Zweifel in der Lage sind, verantwortungsvoll mit Waffen umzugehen. Der Trierer Anwalt für Jagdrecht Ralf Glandien bestätigt auf Anfrage, dass dieses Vorgehen üblich sei. Das Bundesjagdgesetz verbietet die Erteilung eines Jagdscheins bereits, wenn "Tatsachen die Annahme rechtfertigen", dass der Anwärter nicht körperlich geeignet ist. Der Streit dreht sich also darum, ob die Annahme des Kreises - wer Cannabis zu sich nimmt, sei grundsätzlich berauscht - wirklich gerechtfertigt ist.Eben kein ,High'

Offen bleibt aber die Frage, warum der Kreis von einer anderen Wirkung des Medikaments ausgeht, als sie etwa von Jakobs und vom Psychologen Tank beschrieben wird. Doktor Lukas Radbruch, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin, warnt vor Vorverurteilungen: Ob ein Rauschzustand nach einer Cannabisbehandlung auftrete, hänge von vielen Faktoren ab. Er sagt: "Eine sachgemäße Behandlung, bei der die Dosierung an den Symptomen ausgerichtet wird, führt bei vielen Patienten eben nicht zu einem ,High'." Weitreichende Folgen

Der Geschäftsführer des Landesjagdverbands, Erhard Bäder, sagt, ohne alle Details des Falls zu kennen: es sei "auf den ersten Blick unverständlich", warum die untere Jagdbehörde Jakobs trotz des Gutachtens nicht zur Jägerprüfung zulassen möchte. Er gibt aber zu bedenken, dass die Entscheidung der Behörde sehr weitreichende Folgen habe, könne ein Jagdscheininhaber doch "in unbegrenzter Anzahl großkalibrige Langwaffen erwerben". Peter Jakobs hat nun beim Verwaltungsgericht Trier Klage gegen die Ablehnung des Kreises eingelegt.

Meinung: Das ist Diskriminierung
Im schlimmsten Fall ist die Frage, wer eine Waffe besitzen darf, eine Frage über Leben und Tod. Deshalb ist es richtig, dass der Kreis selbst bei kleinen Bedenken auf Nummer Sicher geht und ein Gutachten anfordert. In seinem Gutachten zeigt der Psychologe nicht nur, wie er Peter Jakobs selbst untersucht hat, er geht auch auf wissenschaftliche Befunde zur Behandlung mit Cannabis und auf Untersuchungen mehrerer Gutachter und Ärzte ein. Der Psychologe kommt unmissverständlich zu dem Schluss: Jakobs zeigt trotz seiner Medikamente keine Ausfallerscheinungen und kann zuverlässig mit einer Waffe umgehen. Doch der Kreis hält offensichtlich trotzdem an einer Stammtischthese fest: Wer Cannabis zu sich nimmt, muss berauscht sein. Hier ist die Grenze erreicht, an der der Kreis nicht mehr seiner Verantwortung nachkommt, sondern diskriminiert.
Benedikt Laubert