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Wein: Freizügiges Denkmal von Henselmann erregt 1925 Aufsehen im Land

Geschichte : Als Besucher der Weinmesse in Koblenz keine nackten Brüste sehen sollten – Denkmal verhüllt und entfernt

Im Sommer 1925 erregte ein Streit um das von Josef Henselmann geschaffene Denkmal „Deutscher Wein“ landes­weit Auf­sehen. Das Kunst­werk wurde damals vor einer nationalen Wein­werbe­messe in Koblenz er­richtet. Ein Weinbrunnen hat es bald ersetzt – er wich vor 60 Jahren der Rhein-Mosel-­Halle.

Vom 8. August bis 13. September 1925 lockte die „Reichsausstellung Deutscher Wein“ zehn­tausende Besucher an das Rheinufer der Stadt Koblenz. Auf dem dortigen Messe­gelände informierten einschlägige Betriebe und Institutionen über technische, wissenschaftliche, kulturelle und wirtschaftliche Aspekte des deutschen Weins. Zu den bekanntesten Attraktionen der groß angelegten Werbe­veranstaltung gehörte das in Fachwerk­bauweise errichtete Weindorf mit mehreren Lokalen, darunter das „Haus der Mosel, Saar und Ruwer“.

Für ungewöhnliche Bekanntheit sorgte hingegen ein von der Koblenzer Firma Vereinigte Weingutsbesitzer GmbH gestiftetes Ausstellungsstück im Ehrenhof der Rheinhalle. Das vom Münchner Bildhauer Josef Henselmann (1898 – 1987) geschaffene „Denkmal Deutscher Wein“ wurde in einer zeitgenössischen Schrift wie folgt beschrieben: „Auf Konsolen stehend, treten in vollendeter lebensgroßer Gestaltung der personifizierte Rheinwein, Moselwein, Jungwein und Schaumwein aus dem Bereich der Linien und Flächen hervor. Ein reifer, bärtiger Mann in wuchtiger Gestalt versinnbildet Kraft und Stärke, Würde und Größe des Rheinweines. Eine anmutige, schelmische und reizvolle Backfischfigur in zarter Gliederung spricht von des Moselweines prickelnder, lebhafter und lieblicher Art, von seinem Duft, von Feinheit und Milde (...).“

 Das Denkmal „Deutscher Wein“ stammte vom Künstler Josef Henselmann, Träger des Großen Staatspreises der Preußischen Akademie der Künste 1925.
Das Denkmal „Deutscher Wein“ stammte vom Künstler Josef Henselmann, Träger des Großen Staatspreises der Preußischen Akademie der Künste 1925. Foto: Markus Philipps

Die freizügige Darstellung der Figuren sollte jedoch bereits vor Messe­beginn heftigen Wider­stand gegen die Präsentation des Ehrenmals hervorrufen. So forderte die Aus­stellungsleitung die Vereinigten Weinguts­besitzer drei Tage vor der Eröffnung dazu auf, das Kunstwerk zu entfernen, da „seitens der Zentrums­fraktion erhebliche Einwendungen vorgebracht worden seien“.

Als die Denkmalstifter Beschwerde einlegten, machte der Vorfall Schlagzeilen. So berichtete unter anderem die Obermosel-Zeitung am 7. September 1925 über den „Koblenzer Denkmal­streit“: „Eine etwas anrüchige Berühmtheit hat in ganz Deutschland das von der Firma ‚Vereinigte Weingutsbesitzer G.m.b.H. Coblenz‘ als Ausstellungsobjekt gedachte und von dem jungen Münchener Künstler Henselmann ausgeführte Denkmal ‚Deutscher Wein‘ erhalten. Dieses zuerst von einer Kommission besichtigte und gut­geheißene Denkmal musste bei der feierlichen Eröffnung auf den Einspruch einiger entrüsteter Persönlich­keiten hin verhüllt bleiben, und als sich ein vom Wein begeisterter Witzbold erlaubte, am selben Nachmittag die Hülle den Flammen preiszugeben, um den Besuchern das Ehrenmal zu zeigen, wurde sie durch eine aus festen Planken bestehende und durch starke Eisen­bänder gehaltene Holz­verkleidung ersetzt, die selbst durch bewaffnete Macht wiederum geschützt wird, damit sie nicht etwa den aus dem Weindorf in fideler Stimmung zurückkehrenden und von keinerlei Bedenken beschwingten Zechern zum Opfer falle.“

Und weiter hieß es: „Nachdem nun diese Posse in der gesamten Presse weidlich ausgeschlachtet worden ist, dazu noch all­überall Photographien verkauft werden, ist am Sonntag endlich infolge des Wider­standes der Aussteller, ihr Objekt zurückzuziehen, die Hülle gefallen, wenngleich man versucht hat, dem Blick derer, die es nicht sehen wollen, das Kunstwerk durch eine doppelte Reihe hoher Lorbeerbäume zu verdecken (...).“­

Um die Wogen zu glätten, wurde das als „Stein des Anstoßes“ geltende Denkmal zudem mit Schlegel und Meißel nachbearbeitet und „manche Schicht von der vielleicht etwas zu üppigen Fülle heruntergefeilt“. Dennoch ist das umstrittene Kunstwerk einige Zeit später vollständig abgerissen worden. Als Ersatz schuf der Mayener Bildhauer Carl Burger 1928 einen Wein­brunnen aus heimischer Basalt­lava. Der mit biblischen und geschichtlichen Motiven verzierte Brunnen blieb bis zum Neubau der Rhein-Mosel-­Halle 1962 stehen.