Wenn am Flughafen Hahn der Hammer fällt
Büchenbeuren · Verloren und gefunden: Bei der "Lost & Found"-Aktion am Flughafen Frankfurt-Hahn kommen herrenlose Gepäckstücke unter den Hammer. 1000 Schnäppchenjäger versuchen, bei der Versteigerung ein gutes Geschäft zu machen.
Büchenbeuren. Wenn am Hahn alles weg muss, dann kommen sie in Scharen. Mehr als 700 Teile liegen auf und vor der Bühne der Jahnhalle in Büchenbeuren. Vitrinen sind mit elektronischen Geräten gefüllt, daneben reihen sich Schmuckstücke und Uhren aneinander. Dass auf der Bühne in ein paar Minuten die öffentlich bestellte und vereidigte Auktionatorin Meike Nahli überhaupt einen Platz finden kann, ist kaum denkbar - dort türmen sich Berge von Taschen.
Alles, was in den vergangenen vier Jahren am Flughafen Frankfurt-Hahn liegen geblieben ist, wartet hier auf neue Besitzer. "Wir nehmen nix mehr mit", sagt Nahli, jeder annehmbare Preis wird zugeschlagen. Als um 12.02 Uhr die Versteigerung von Terminal-Betriebsleiterin Nicole Witte eröffnet wird, steht deren Kollegin Ulrike Friedrichs draußen vor der Halle staunend am Fenster. Von außen betrachtet wirkt es noch skurriler, was sich drinnen in der Halle abspielt.
Suche nach Besitzern
Friedrichs und andere Mitarbeiter des Hahns haben alles zusammengetragen und registriert, was die Schnäppchenfreunde nun jagen dürfen. In den ersten drei Monaten, nachdem die Teile am Flughafen verloren oder vergessen worden waren, hatte es eine intensive Recherche um die Besitzer gegeben. Bis eine Auktion wie diese beginnen darf, müssen viele Monate vergehen - und bis der Flughafen den Erlös der Auktion als Sondereinnahme verbuchen darf, gehen drei Jahre "Parkzeit" ins Land. Falls sich ein Besitzer doch noch melden sollte, steht ihm das Geld zu, das bei der Auktion zugeschlagen worden ist. In der Halle geht es natürlich wesentlich unbürokratischer zu. Da sind inzwischen mehr als 500 Bieterkarten verteilt worden - grüne Karten, die in Folie eingeschweißt sind. Jeder Bieter ist dadurch registriert und kann mit der Karte sein Gebot signalisieren und auf den Zuschlag hoffen.
Um 10 Uhr hat die offizielle Vorbesichtigung der Ware begonnen, als die Versteigerung zwei Stunden später startet, sind vielleicht an die 1000 Leute in der vollen Halle. "Die Ersten haben schon um halb neun an der Tür gestanden, als wir aufgeschlossen haben", erzählen die Mitarbeiter des Auktionshauses Wendt - manche würden es auch als "an der Tür kratzen" bezeichnen.
Aufschlag plus Steuern
Das Darmstädter Unternehmen macht pro Jahr gut 40 solcher und anderer Auktionen, in ein paar Tagen versteigern sie in der Nähe von Köln für die Deutsche Post, im Dezember ist der Flughafen Köln-Bonn dran.
Das Team geht mit bestechender Ruhe in die Veranstaltung. Seniorchefin Birgit Wendt kontrolliert alle Positionen am Computer, neben ihr flattern die Scheine in eine große weiße Kasse, und hintendran auf der vollen Bühne sitzt Auktionatorin Nahli an einem minimalistischen Tisch auf ihrem Stuhl und erklärt, wie eine solche Auktion abläuft: Auf den Steigpreis kommen 18 Prozent Aufschlag plus Steuern, macht 21,42 Prozent Aufgeld.
Aber, viel wichtiger: Die 33-Jährige sortiert erst einmal die gesamte Halle. Der Mittelgang muss ebenso freigeräumt werden wie die Zwischengänge. Denn die Leute, die seit langer Zeit auf den Sitzplätzen hocken, sollen ja auch das sehen können, weshalb sie überhaupt gekommen sind: die Schnäppchen. Was es hier nicht alles gibt: Geigenkästen, Kinderwagen, Gitarren, Wanderstöcke, Zelte, Dutzende Handys und Smartphones, Laptops, Kameras, Uhren - und natürlich komplette Koffer.
Als es mit dem ersten geheimnisvollen Koffer losgeht, gehen mit den Bietern auch gleich die Gäule durch. Vom Ausrufpreis - 40 Euro - geht es bis aufs Dreifache hinauf, bevor der Bieter mit der Nummer neun den Zuschlag erhält. In Reihe zwei schütteln drei Händler den Kopf. "Viel zu viel", sagt später der Gießener Händler Rainer Reeh, der neben zwei Kollegen sitzt. Besonders die Elektronik hat das Händler-Trio im Blick, denn "da stimmt oft der Preis". Allerdings sind die Bieter am Anfang wie getrieben auf ihrer Schnäppchenjagd; das erste Smartphone geht für 200 Euro weg. Aber sie werden noch ruhiger, denn so eine Auktion dauert.
"Wir sind nur zum Spaß hier", sagt Marco Otto aus Simmern, der für 4,86 Euro ein schräges Sammelsurium ersteigert, zu dem in einem großen Sack Kleiderbügel und eine Kindertasche gehören. Neben ihm steigert sein Kumpel Raymond Pech eine Sammlung Schals und Handschuhe, die der Einfachheit halber in eine Kiste gestopft wurden. Auspacken will er die Kiste erst zu Hause und vorher das bunte Treiben genießen.
Es gibt dafür auch ausreichend Gelegenheit: Bis alle 700 Teile unter den Hammer gekommen sind, vergeht viel Zeit. "Wir rechnen 100 Teile pro Stunde", sagt Meike Nahli. Kein Wunder, dass ihr Team Poloshirts trägt, auf deren Rücken eine klare Botschaft steht: "Keine Diskussion". "Ich muss mich erst mal warmlaufen", sagt Auktionatorin Nahli zu Beginn - und lässt dann mehr als 700 Mal den Hammer knallen.